Deutscher Kolonialismus

Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart

kolonialismusDie Dominanz der NS-Geschichte hat lange Zeit den Blick auf die wenn auch kurze Phase der kolonialen Vergangenheit Deutschlands versperrt. Dabei sind hier bereits die geistigen Wurzeln des rassistischen Gedankenguts zu finden, die nicht nur ideologische Grundlage des NS-Regimes, sondern auch in weiten Bereichen immer noch unsere heutige Sichtweise auf die Völker und deren Probleme in Afrika und Asien prägt. Der Katalog zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums betrachtet die Phase der Deutschen Geschichte, die offiziell mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg endete, unter verschiedenen Aspekten.

Einen interessanten und aufschlussreichen Überblick über die Zusammenhänge und Besonderheiten des Deutschen Kolonialismus im internationalen Kontext verschafft gleich der erste Aufsatz von Ulrike Lindner. Bei der Lektüre wird deutlich, dass das Deutsche Kaiserreich einen wichtigen Teil „des weltweiten Ausgreifens der Kolonialmächte in der Zeit des Hochimperialismus“ ausmachte. Nicht zuletzt unterstrich die Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 den internationalen Kontext des Deutschen Kolonialengagements. Da ging es schlichtweg um die Aufteilung des Afrikanischen Kontinents durch die 14 Teilnehmerstaaten, zu denen neben den europäischen Kolonialmächten auch die USA und das Osmanische Reich gehörten. Auch wenn die Staaten um Ressourcen und Territorien konkurrierten, bei der Sicherung ihrer Herrschaft gegenüber den Kolonisierten, standen sie sich gegenseitig bei. Und so kam es zu gemeinsamen Expeditionen deren Bekannteste wohl die internationale Streitmacht (u.a. Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien unter dem deutschen Oberbefehlshaber Alfred Graf von Waldersee) zur Niederschlagung des Boxeraufstandes (1900) und zur Unterwerfung der chinesischen Regierung ist.

Das Vermächtnis der ideologischen Matrix des Kolonialismus

In seinem Essay über die ideologische Matrix des Kolonialismus zeigt Christian Geulen auf, wie sehr die ideologischen Hintergründe und Rechtfertigungen des Kolonialismus die gegenwärtigen „Formen der Angst und Anfeindung gegenüber dem Fremden in einer globalisierten Welt“ prägen. Es ist die Verschränkung von Nationalismus, Kolonialismus und Rassismus des 19. Jahrhunderts, das die Motive und Denkmuster bestimmt. Geulen erklärt die aus dem Darwinismus abgeleitete Vorstellung vom Kampf der Rassen, die in ihrer speziellen deutschen Ausprägung zur Maxime „Weltmacht oder Untergang“ führte. Die Grundmuster von Fremdenfeindlichkeit, Überlegenheitswahn, zivilisatorischen Missionseifer und immer wieder Herrschaftsanspruch und Abgrenzungsbestrebungen gegenüber anderen Kulturen und „Rassen“ wirken sogar in moderne Kulturveranstaltungen hinein. Als Beispiel führt der Autor das „African Village“ im Augsburger Zoo im Juni 2005 an, das seinerzeit zum Untersuchungsgegenstand des Max-Plank-Instituts für ethnologische Forschung Halle/Saale geworden wurde.

Gewalt, Herrschaft und Völkermord

Von der Ohrfeige zum Völkermord behandelt die koloniale Gewalt. Marie Muschalek führt in ihrem Beitrag in die verschiedenen Ebenen der kolonialen Gewaltausübung ein. Das geht von der Militärischen Gewalt in Form von Strafexpeditionen über die strukturelle Gewalt beispielsweise durch Etablierung eines kapitalistischen Arbeitsmarktes mit der Folge der Zerstörung traditioneller Arbeits- und Sozialstrukturen bis hin zum Völkermord an den widerständigen Herero.
Wenn die Wohlfahrtsorganisationen bei Hungerkatastrophen und zu Weihnachten zu Spenden für Afrika aufrufen, dann sind die damit verbundenen Bilder ebenfalls von der hochimperialen Kolonialzeit geprägt. „Das Echo des kolonialen Mitleids, das bis heute in jeder Werbeaktion von Hilfswerken widerhallt“, so ein Fazit in Rebekka Habermas Artikel Willst du den Heidenkindern helfen zur Mission in den deutschen Kolonien, „erschwert die Anerkennung der Gleichheit der Menschen.“

„Sarottimohr“ und „Negerkuss“

Zahlreiche weitere Aspekte wie das Geschlechterverhältnis zwischen Kolonisieren und Kolonisierten, koloniale und nachkoloniale Erinnerungen und nicht zuletzt unter dem Titel Problematische Provenienzen, die Auseinandersetzung mit den Hintergründen und der Präsentation ethnologischer Sammlungen, werden in dem eindrucksvollen Ausstellungsband aufgegriffen. Der Katalogteil dessen ausführlich kommentierte Exponate den einzelnen Aufsätzen zugeordnet sind, präsentiert sich wenigstens ebenso informativ wie die Essays. Alles in allem ein wichtiges Buch, dass hoffentlich auch die zum Nachdenken anregt, die den Sarottimohr noch persönlich kennengelernt haben und für die der Ausdruck Negerkuss einfach deshalb nicht als diskriminierend begriffen wird, weil ihnen die historischen und ideologischen Hintergründe nicht bewusst sind.

Den ideologischen Hintergründen auf der Spur

Es gibt inzwischen mehrere aktuelle Bücher zum Thema Deutscher Kolonialismus, glücklicherweise. Das hier vorgestellte ist jedenfalls geeignet, sich näher mit der dahinterstehenden Problematik auseinanderzusetzen. Dabei wird dann auch deutlich, dass es eben nicht in erster Linie das „Abgehängt sein“ oder real begründete Existenzängste sind, die auch die heutige Fremdenfeindlichkeit zur Ausdrucksform eines mehr oder weniger latenten Rassismus machen. Es ist vielmehr das Vermächtnis der ideologischen Matrix des Kolonialismus, das seit der Gründung des Kaiserreiches unsere Denkstrukturen gegenüber Fremdem immer noch maßgeblich zu prägen scheint.

Deutsches Historisches Museum (Hrsg.) Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart. Theiss 2016. Gebunden mit Schutzumschlag, 333 Seiten.

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension

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