Tiere auf Burgen und frühen Schlössern

tiere-und-burgencoverZu Burgen und Schlössern gehörten Tiere in vielfältiger Funktion zum Leben der Menschen. Sei es als Nahrung, Arbeits- oder Reittier. In den Herrschaftssitzen spielten Tiere zudem Rollen, die über den konkreten wirtschaftlichen Nutzen hinausgingen. Da ging es um Repräsentation, Rituale, soziale Gefüge und Machtansprüche, denen nicht zuletzt auch exotische Tierarten zu dienen hatten. Heute bieten die Relikte der feudalen Herrschaft oft einer Reihe von Tierarten Rückzugsmöglichkeiten in einer für sie ansonsten unwirtlichen, menschengeprägten Kulturlandschaft. Ein Aspekt, der in der Denkmalpflege zu neuen Strategien bei Erhalt, Restaurierung und Rekonstruktion führen muss. Das Spektrum der im Buch „Tiere auf Burgen“ behandelt wird, ist breit und bietet auch dem interessierten Laien eine Reihe von Überraschungen.

Nach einem Überblick über die verschiedenen Aspekte des Themas von Daniel Burger, befasst sich der Aufsatz von Frank Meier mit der generellen Mensch-Tier-Beziehung im Mittelalter. Meier, der zu diesem Thema 2008 das Buch „Mensch und Tier im Mittelalter“ Publiziert hat, vermittelt einen Eindruck davon, wie sich religionsbasierte Einstellung zu Tier und Natur von der heutigen aufgeklärten Sicht unterscheidet. So konnten Tiere straffällig werden und vor Gericht angeklagt werden. So ist es kein Wunder, dass Tiere einerseits als zwar beseelte, dem Menschen jedoch untertänige Kreaturen sowohl geschunden als auch geschützt wurden. Das Mensch-Tier-Verhältnis ist dabei – zwar unter anderen ideologischen Rahmenbedingungen – in der vormodernen Zeit wenigstens ebenso komplex wie heute. Regeln, Ausnahmen unterschiedliche Verantwortlichkeiten und moralische Positionen prägen das Verhalten und so manches Relikt aus der feudalherrlichen Vergangenheit hat die Zeiten zum Leidwesen der betroffenen Tiere bis heute überdauert.

Geliebt und misshandelt

In den weiteren Aufsätzen der Einführung bekommt der Leser unter anderem am Beispiel der Wartburg einen Eindruck von der tierischen Vielfalt auf (und an) den Herrschaftssitzen Das reicht von Pferd und Esel über Löwen, Bären, Tauben, Wild und Hunden bis hin zu Monstern und Fabeltieren. gerade bei der Betrachtung letzterer liegt nahe, dass sich die Präsenz der Vierbeiner in vielfältiger Weise auch in der bildlichen und plastischen Darstellung von Tieren ausdrückt. Diesem Thema widmen sich die Aufsätze des ersten Kapitels, die verdeutlichen, welchen Symbolcharakter Tierdarstellungen an und in Herrschaftsbauten hatten. Dabei geht die Bedeutung von Tieren in der mittelalterlich/neuzeitlichen Gesellschaft oft weit über das rein Symbolhafte hinaus wie die Aufsätze des Kapitels „Tiere zur Repräsentation“ belegen. Tiere und der Umgang mit ihnen spielten bei der Darstellung des sozialen und hierarchischen Status eine zentrale Rolle.

Exoten als Statussymbole

So beschreibt und interpretiert Elizabeth den Hartog die wenigen überkommenen Hundebestattungen und Gedenksteine auf Burgen, so die pompöse Bestattung des Hundes Tyter 1634, die Gedenkplatte für Stutzel und nicht zuletzt die Legende des Jagdhundes des Prinzen Llewellyn ap Gryffud (ca. 1240 – 1282), dessen Grab in Beddgelert in Wales zu finden ist. Bereits im Mittelalter gab es nicht nur die dem Adel vorbehaltenen robusten Jagdhunde (weil ja auch die Jagd adeliges Privileg war), sondern die Damen des Hauses hielten sich bereits heißgeliebte und verwöhnte Schoßhündchen.

Eines der vielen traurigen Kapitel des herrschaftlichen Verhältnisses zu Tieren stellt die Haltung von Löwen und anderen Exoten dar. Auch diese in Zwingern und sogenannten Menagerien gehaltenen, manchmal auch gezähmten und entkrallten Tiere waren vor allem Statussymbol und fast ausschließlich Königen, Kaisern und dem Hochadel vorbehalten.

Ritualisierte Jagd, ein Grundpfeiler feudaler Herrschaftskultur

Bärenzwinger waren hingegen weiter verbreitet und dienten nicht nur der Machtrepräsentation, sondern – wie beispielsweise die Einrichtung von Wildgehegen –  auch dem Vorhalten der heimischen Tiere zur Hatz. Bei Hatz und Jagd kommt dann auch das ganze ritualisierte Mensch-Tier-Verhältnis (und der generelle „gottgegebene“ Herrschaftsanspruch) des Feudalsystems zum Tragen. Über diese Kulturausübung konnte sehr differenziert die Zugehörigkeit zur Elite und die Einordnung ihrer Mitglieder in die gesellschaftliche Hierarchie definiert werden. Zur reinen Nahrungsversorgung spielte die Jagd kaum eine Rolle. Auch die Falknerei und Beizjagd gehörte zur Herrschaftskultur und erforderte entsprechende Einrichtungen zu denen neben den Unterkünften für Falken, Habichte oder Bussarde auch die Haltung von Beutetieren, vornehmlich Tauben (Taubenhäuser, Taubentürme) gehörte. Spekuliert wird in diesem Zusammenhang auch über die unzugänglichen künstlichen Nistlöcher an Burgen und mittelalterlichen Wehrbauten. Hier, so Thomas Biller könnten Beutetiere genistet haben, die im Rahmen der Beizjagd eines „hochgradig kulturell definierten Rittertums“ durch lautes Geräusch aufgeschreckt wurden, damit die zur Jagd abgerichteten Raubvögel ihre Beute in Sichtweite der Burg schlagen konnten.

Was so alles auf den Tisch kommt

Natürlich wurde die Beute der feudalen Jägersleut auch verspeist. Tauben, Schwäne und natürlich Wild gehörten bei repräsentativen Gelagen auf die Tafel . Insgesamt war – wie osteologische und schriftliche Quellen von Schlössern und Wirtschaftshöfen vermuten lassen –  der Anteil der Jagdbeute an der Nahrung jedoch gering. Profanes Vieh wie Rinder, Schweine und Geflügel dominierte den Speiseplan. Die Aufmerksamkeit, die der ritualisierten Jagd bei Hofe in den schriftlichen Überlieferungen zuteilwurde hat naturgemäß ein anderes Bild in unseren Köpfen hinterlassen. Mit seinem Aufsatz „Wie kommt der Hirsch auf die adelige Tafel“, stellt Daniel Manthey das ganze Prozedere von Jagd, Ausweiden, Verarbeiten, Verspeisen und repräsentatives Verwerten und der Mythologisierung der edlen Beute am Beispiel der Hirschjagd dar.

Aktuelles zur Burgenforschung und ein spannendes Plädoyer

Eine Reihe weiterer Aspekte, wie beispielsweise „Die Burg und der Fisch“ oder „Tier und Handwerk“ runden die Behandlung des Tagungsthemas Tiere auf Burgen und frühen Schlössern ab. Traditionell schließen sich im Tagungsband der Wartburggesellschaft zur Erforschung von Burgen und Schlössern Aufsätze zu aktuellen Forschungen zu Burgen und Schlössern aus der Region des Tagungsortes (Wartburg) an. In diesem Fall geht es um neue Erkenntnisse zum Auftreten des Buckelquaders an Türmen, News zur archäologischen Burgenforschung in Ostthüringen, Lutz Scherf referiert über den romanischen Saalbau der Osterburg Weida und Thomas Bienert hält unter dem Titel „vergessene Burgstellen in Thüringen“ ein überzeugendes und spannendes Plädoyer für die intensivere Betrachtung vorhandener mittelalterlicher Befestigungsspuren.

Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung von Burgen und Schlössern (Hrsg): Tiere auf Burgen und frühen Schlössern. Band 16 der Reihe Forschungen zu Burgen und Schlössern. Michael Imhof Verlang 2016. Gebunden, 302 Seiten.

Lesen Sie auch: Rezension Mensch und Tier im Mittelalter

Merken

Merken

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 3 Mittelalter, 4 Frühe Neuzeit, Archäologie, Rezension

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s