Charles Darwin: Die Fahrt der Beagle

Darwins illustrierte Reise um die Welt

beagleEs gibt eine Reihe deutsch- und englischsprachiger Publikationen von Darwins Weltreise auf der Beagle. Die basieren in der Regel auf dem unter dem Titel The narrative of the voyages of H.M. Ships Adventure and Beagle 1839 veröffentlichten Reisebericht beziehungsweise der Deutschen Erstausgabe Charles Darwin’s Naturwissenschaftliche Reisen . .  aus dem Jahre 1844 oder Die Reise eines Naturforschers aus dem Jahre 1875. Auch Darwins illustrierte Reise um die Welt aus dem Theiss-Verlag hat ein historisches Original, nämlich die zweite englische Edition der voyages  von 1845, publiziert im legendären Verlagshauses John Murray.Der Reisebericht Darwins war seinerzeit ein Bestseller, nicht zuletzt wegen der lebendigen Schreibe des Autors. Die schlägt auch in der vorliegenden leicht gekürzten und vorsichtig überarbeiteten Neuerscheinung 2016 durch. Darwins Ausführungen beschränken sich ohnehin nicht auf die akribische Beschreibung und Dokumentation von mehr oder weniger spektakulären Tier- und Pflanzenarten. Darwin ist tatsächlich ein Reisender, der mit offenen Augen und Geist durch die Welt reist. So findet der Leser neben den Beobachtungen der Tier- und Pflanzenwelt auch ethnologische Betrachtungen und Kulturstudien. Geologische Untersuchungen und Überlegungen zur Erdgeschichte oder historische Hintergrundinformationen zu damals aktuellen politischen Ereignissen, beispielsweise in Argentinien zeigen, dass Darwin ein umfassendes Spektrum von fachlichen Kompetenzen und Interessen vorweisen konnte.

Mit offenen Augen und offenem Geist durch die Welt

Das alles unterscheidet den wohl berühmtesten Naturforscher nicht von den meisten seiner zeitgenössischen Kollegen. Nur wenige jedoch, wie beispielsweise Alfred Russel Wallace, haben sich über das Sammeln und Dokumentieren hinaus so ausführlich mit den Wechselbeziehungen zwischen den unterschiedlichen „Fachgebieten“ und Erscheinungsformen der Natur auseinandergesetzt. Das Ergebnis in beiden Fällen: die geradezu zwangsläufige Entdeckung der Evolution. Darwin war es vergönnt, durch seine Evolutionstheorie unsterblich zu werden. Wallace wurde trotz gleicher Erkenntnisse lediglich die Ehre zuteil, Namensgeber der von ihm entdeckten biogeographischen Grenze zwischen australischer und asiatischer Fauna zu sein (Wallace-Linie). Heute ist Darwins wissenschaftliche Abhandlung zur Evolutionstheorie  On the Origin of Species das wohl bekannteste und meistgelesene Werk des Naturforschers, Wallace hingegen weitgehend vergessen. In Darwins Reisebericht offenbart sich die Persönlichkeit des Mannes, dessen Art, die Welt zu betrachten erst zu dieser wissenschaftlichen Leistung führte.

Wissenschaftliche Forschung  und persönliche Erlebnisse

Die aufmerksame Lektüre des reichhaltig mit historischen Abbildungen und modernen Landschaftsfotos illustrierten Buches in der sich auch die Persönlichkeit des Naturforschers offenbart, belegt übrigens, dass die sozialdarwinistische Ideologie des vermeintlichen „Rechts des Stärkeren“ weder aus der Realität noch aus Darwins Vorstellungen und somit auch nicht aus seiner Evolutionstheorie abgeleitet werden kann. Charles Darwin, Die Fahrt der Beagle ist ein fulminanter Reisebericht eines außergewöhnlichen Menschen. Er nimmt seine Leser mit in die Weiten der argentinischen Pampa, besucht die „merkwürdigen“ Menschen Patagoniens oder berichtet über die Massaker der südamerikanischen Indianer an den weißen Siedlern, aber auch über den groß angelegten Ausrottungskrieg gegen die Indianer durch den argentinischen Diktator Juan Manuel de Rosas. Wir begegnen dem mächtigen Puma und anderen faszinierenden Tieren und sind unter dem Thema „Auswirkungen von Rind auf Vegetation“, dabei, wie die Umweltzerstörung durch die argentinische Rinderzucht ihren Anfang nahm. Geradezu live erlebt der Leser  auch das schreckliche Erdbeben mit, das Anfang 1835 die chilenische Hafenstadt Concepción in Schutt und Asche gelegt hat. Die Arbeitsbedingungen von Minenarbeitern, das Los der brasilianischen Sklaven oder die unglaublichen Fähigkeiten der Gauchos finden in Darwins Reisebericht ebenso Niederschlag, wie die Konflikte der britischen Siedler Hobarts auf Tasmanien mit den australischen Ureinwohnern und deren Deportation auf eine Insel in der Bass Strait.

Mit ausgewählten Ergänzungstexten

Darwins Reisebeschreibung ist fraglos auch ein Stück Zeitgeschichte und liefert zahlreiche Aspekte, die es sich lohnt, weiterzuverfolgen. Das gilt übrigens auch für die ausgewählten Texte, beispielsweise aus Die Entstehung der Arten oder dem Bericht des Kommandanten der Beagle, Robert Fritz Roy. Die zeigen nicht nur die Zusammenhänge zwischen den Erlebnissen und Darwins anderen Werken auf, sondern verdeutlichen auch, dass die Beagle und ihr Kapitän auf einer eigenständigen Forschungs- und Vermessungsreise waren, die der Naturwissenschaftler als gerngesehener Gast begleitete. Kein Wunder, dass sich die Wege der Beagle und Darwins immer wieder trennten. Und während Roy die Küsten vermaß und wohl vor allem nautische Informationen sammelte, reiste der Naturforscher weite Strecken über Land zum nächsten Treffpunkt.

Charles Darwin. Die Fahrt der Beagle. Darwins illustrierte Reise um die Welt. Theiss 2016. Großformat, gebunden mit Schutzumschlag, 480 Seiten.

Lesen Sie auch:

Alfred Russel Wallace: Der Malaiische Archipel. Die Heimat von Orang-Utan und Paradiesvogel.

Oliver Lubrich: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk

Wolfgang Schwerdt: Forscher, Katzen und Kanonen. Über Leben und Arbeit von Forschungsreisenden im 18. und 19. Jahrhundert

 

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