Aufbruch ins Globale Zeitalter

Die Handelswelt der Fugger und Welser

globales-zeitalter-fuggerDass vor allem die Fugger und Welser zu den bedeutendsten europäischen Handelshäusern der frühen Neuzeit gehörten ist weitgehend bekannt. Welche Rolle sie jedoch bereits im 16. Jahrhundert in globalem Maßstab spielten, dröselt Mark Häberlein in seinem Buch Aufbruch ins globale Zeitalter auf. Dabei versucht er anhand von Fakten und Zahlen die Vorstellungen über die Bedeutung der süddeutschen Handelshäuser im frühneuzeitlichen Welthandel ins richtige Verhältnis zu setzen.

Das beginnt bereits in der Einleitung mit der massiven Kritik am Archäologen Dieter Noli und dem Soziologen Wolfgang Knabe. Die hatten mit Bom Jesus ein Buch über den aufsehenerregenden Fund eines portugiesischen Ostindienfahrers aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor der Küste Namibias publiziert. In diesem Zusammenhang hatten sie auch die herausragende Rolle der Fugger und Welser im globalen Handel jener Zeit dargestellt. Häberlein bezeichnet diese Darstellung als maßlos übertrieben, mit zahlreichen inhaltlichen Fehlern behaftet und mit Phantasiezahlen begründet. Mit seinem vorliegendes Buch, so der Anspruch,  „stellt Mark Häberlein die Rolle der Fugger und Welser als ‚global player‘ erstmals systematisch dar und öffnet damit ein neues Kapitel in der Geschichte der Globalisierung am Beginn der Neuzeit.“

Makulierte Rechnungsbücher der Welser rekonstruiert

Abgesehen von der begründeten Kritik an den Ausführungen Knabes kann Häberlein auf neue, recht spektakuläre Quellen besonders in Bezug auf die Welser hinweisen. Die standen hinsichtlich der dokumentierten Geschichte bislang im Schatten der Fugger. Immerhin verfügt die Wissenschaft nun über Inhalte von fast 40 Rechnungsbüchern der Welser-Gesellschaft aus dem Zeitraum von 1498 bis 1550. Nach dem Bankrott der Augsburger Gesellschaft waren die Rechnungsbücher nämlich an Buchbinder verkauft und von diesen zur Verstärkung von Bucheinbänden recycelt worden. In jahrelanger Kleinarbeit war es gelungen, die Fragmente dieser Bücher im Rahmen von Restaurierungsarbeiten an Bucheinbänden süddeutscher Bibliotheken und Archive aufzuspüren, zuzuordnen und zu editieren.

Die Geschäftsfelder der oberdeutschen Handelshäuser

Die Kritik an Knabes historischer Bewertung der Rolle der oberdeutschen Handelshäuser bringt natürlich die Verpflichtung mit sich, auch Definitionsfragen zu klären. Der Begriff Globalisierung gehört dazu und wird in der Einleitung hinsichtlich des 16. Jahrhunderts ebenso reflektiert, wie die allgemeine Geschichte der beiden Handelshäuser. Im ersten Kapitel erfährt der Leser dann, womit das globale Engagement der oberdeutschen Handelshäuser seinen Anfang nahm. Mit dem Textilhandel der Welser-Gesellschaft, die sich den Barchentboom (ein Gewebe aus Leinen und Baumwolle) des späten Mittelalters zunutze machte. Fugger und Welser engagierten sich schließlich im Rahmen des portugiesischen Asienhandels mit Finanzierung und Silber- und Kupferhandel, hinzu kam der lukrative Gewürzhandel, Das Geschäft mit Zucker, Sklaven und Gold in der Neuen Welt. Der Bergbauboom in Amerika ließ den Quecksilberhandel florieren und eine weitere Spezialität der Augsburger Handelshäuser bestand in der Beschaffung exotischer Kostbarkeiten und Kuriosa für die Herrscher und  die Reichen ihrer Zeit.

Fakten, Zahlen, Dokumente

Die Handelshäuser unterhielten ein komplexes System von globalen Beziehungen, Logistikstrukturen und nicht zuletzt „Nachrichtenagenturen“. Dabei bedienten sie sich nicht zwingend eigener Faktoreien und Niederlassungen in Übersee, sondern eines Netzes einflussreicher Agenten, sogenannter Vermittler. Die allerdings waren für viele Handelshäuser tätig, nicht nur die Oberdeutschen, sondern auch die bedeutenden Italienischen. Ein Monopol in irgendeinem ihrer Geschäftsfelder hatte in globaler Hinsicht keines der Handelshäuser jener Zeit. Häberlein zeigt anhand von Fakten und Zahlen aber auch auf, in welchen Bereichen die Fugger und Welser eine sehr dominante Stellung im globalen Handelssystem hatten. Vor allem die Zahlen sind gleichermaßen Stärke und Schwäche des Buches. Einerseits lassen sich an den reichhaltig in den Text eingebrachten Umsatz- Kredit- und Gewinnzahlen, die den Umfang der Geschäftstätigkeit der beiden Handelshäuser in den jeweiligen Feldern dokumentieren interessante Tendenzen und Entwicklungen nachvollziehen. Oft genug sind aber die Zahlen wegen der verschiedenen Währungen kaum miteinander vergleichbar. Die Angaben, welchen Anteil die aufgeführten Fugger-und Welser-Zahlen am jeweiligen Gesamtmarkt ausmachten, bleiben zudem meist vage.

Ein interessanter Blick in die globale Handelsgeschichte

Vieles hinsichtlich der Stellung auf den jeweiligen Märkten lässt sich trotz der dokumentierten Zahlen zumindest beim Lesen nicht zuverlässig bewerten. Ein paar Grafiken hätten dem Buch zweifellos gut getan. So bleibt diesbezüglich die bereits in der Einleitung getroffene Erkenntnis, dass die Fugger und Welser eben keine eigenen Flotten besaßen und global zwar nicht unbedeutend, aber auch nicht monopolartig dominierend waren. Ein Gewinn ist die Lektüre des Buches dennoch. Denn der Leser bekommt ein sehr detailliertes Bild von den Strukturen des globalen Handels jener Zeit, sowohl im operativen Geschäft als auch hinsichtlich der politischen Rahmenbedingungen, die die Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten der mächtigen Handelshäuser bestimmten.

Mark Häberlein: Aufbruch ins globale Zeitalter. Die Handelswelt der Fugger und Welser. Theiss 2016. Gebunden mit Schutzumschlag, 250 Seiten.

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