Die Erforschung der Ostküste Nordamerikas

Samuel de Champlains Reisen in das Indianerland

CoverNordamerikaWenn von Mohikanern, Huronen oder Irokesen die Rede ist, fällt den meisten Menschen hierzulande ein gewisser Lederstrumpf des amerikanischen Schriftstellers J. F. Cooper ein. Dessen Geschichten spielen im Nordamerika des 18. Jahrhunderts, als sich die Briten und die Franzosen mit Unterstützung der konkurrierenden Indianernationen im Rahmen der europäischen Erbfolgekriege erbittert bekämpften. Rund eineinhalb Jahrhunderte zuvor hatte der Franzose Samuel de Champlain mit der Errichtung der festen Ansiedlungen Port Royal und Quebec den Grundstein für die Kolonie Neufrankreich gelegt, die am Ende der vier nordamerikanischen Kriege in die Hände der Briten überging. Die Erforschung der Ostküste Amerikas befasst sich mit den Reiseberichten Samuel de Champlains, die ein authentisches Bild über die Methoden und Schwierigkeiten beim französischen Siedlungsprojekt im nordostamerkanischen Indianergebiet vermitteln.

Champlains Berichte sind wohl die wichtigsten Quellen über die Einzelheiten des Beginns der neufranzösischen Kolonie. Schließlich war er es, der zunächst auf eigene Initiative, dann auch mit staatlicher Unterstützung den Grundstein des französischen Siedlungsprojektes gelegt hatte. Bei der Betrachtung der von Udo Sautter in seiner Einleitung dargestellten bekannten Fakten zu Champlains Herkunft und Werdegang entpuppt sich der Kapitänssohn als vielseitig interessierter und qualifizierter Mann. Von bürgerlicher Abstammung hatte er das Soldaten- und Seefahrerhandwerk von der Pike auf erlernt. Mit dem Besuch einer privaten Elementarschule erhielt er zudem eine solide Grundausbildung in Grammatik und Rechnen. Sowohl als Soldat als auch im Rahmen seiner maritimen Karriere arbeitete er sich permanent „nach oben“, nicht zuletzt wegen seiner Angewohnheit sich ständig Notizen über seine Erfahrungen zu machen. Einen bebilderten Bericht über seine zweijährige Reise zu den spanischen Besitzungen in der Karibik übergab er an Heinrich IV. der gewährte ihm daraufhin eine lebenslängliche Pension. In seiner Eigenschaft als Geograph des königlichen Hofes informierte er sich auch über die um 1600 unternommenen gescheiterten Kolonisierungsversuche beispielsweise am Sankt-Lorenz-Strom.

Vom Abenteurer zum kolonialen Statthalter

Ganz offensichtlich ließ den abenteuerlustigen Champlain dieses Thema nicht mehr los. Und da er nicht nur wegen der königlichen Pension sondern auch der erheblichen Erbschaft seines 1600 gestorbenen Onkels finanziell unabhängig machte, nutzte er die Gelegenheit und seine Kontakte, um 1603 als Gentleman-Fahrgast auf der Bonne-Renommée selbst zur temporären Pelzhandelsstation Tadoussac am Unterlauf des Sankt-Lorens-Stromes zu reisen. Der freundschaftliche Kontakt zum Kommandanten des Schiffes und der Expedition, Francois du Pont-Gravé führte nicht nur zur Vertiefung de Champlains nautischer Fähigkeiten, sondern auch zur Übernahme immer verantwortungsvollerer Positionen im Rahmen der Erkundung des Landes und der Organisation von Siedlungen und Stützpunkten. 1608 schließlich wurde Champlain zum kolonialen Statthalter des Inhabers des neufranzösischen Pelzhandelsmonopols, Pierre Duga des Monts, ernannt. Nach dessen Tod gelang es Champlain 1613 auch der Statthalter des neuen Monopolinhabers, keines geringeren als Henri de Bourbon, Prince de Condé zu werden.

Champlains Berichte prägen noch heute unser Bild von Französisch Kanada

Auf seinen vier Reisen nach Neufrankreich hatte Champlain vieles bewirkt. Die Gründung von Port Royal und Quebec gehört ebenso dazu wie die militärische Unterstützung der Ostküstenindianer  bei ihren Kriegszügen gegen die Irokesen. Letzteres hatte das Verhältnis und die Bündnispolitik zwischen den indianischen Nationen und den Europäern auch im Rahmen der Erbfolgekriege auf dem amerikanischen Kontinent maßgeblich geprägt. Die von Udo Sautter erstmals ins Deutsche übertragenen und in Die Erforschung der Ostküste Nordamerikas publizierten vier Berichte Champlains über seine neufranzösischen Abenteuer werfen in verschiedener Hinsicht ein interessantes Licht auf die kolonialen Anfänge Frankreichs und Champlains Aktivitäten. Das beginnt mit der Navigation zu einer Zeit, in der eine verlässliche Längenbestimmung nicht verfügbar war und zur Positionsbestimmung (und damit genauen Kartierung) nicht nur Glück sondern auch viel Erfahrung gehörte. Es geht weiter mit den Interessenskonflikten zwischen Befehlshabern und Mannschaft, konkurrierenden Händlern oder den Kolonisten und der indigenen Bevölkerung. Interessant ebenfalls die Beschreibung von Fauna und Flora, immer unter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Verwertbarkeit und Nützlichkeit. Auch die Darstellung der Sitten und Gebräuche der indigenen Bevölkerung in Champlains Berichten sind aus heutiger Sicht sehr aufschlussreich. Immerhin prägen sie nicht nur die nachfolgende Literatur, sondern neben Lederstrumpf & Co auch weitgehend immer noch unser heutiges Bild vom mal mehr, mal weniger edlen Wilden.

Samuel de Champlain, eine interessante Persönlichkeit

Champlain zeichnete sich durch eine gute Beobachtungsgabe, Führungsqualitäten  und offensichtlich auch Menschenkenntnis aus. Immerhin gelang es ihm durch persönlichen Einsatz und Überzeugungsarbeit im Heimatland das Neufrankreichprojekt gegen politische und kommerzielle Widerstände voranzutreiben. Und die „gewaltlose“ Niederschlagung einer Meuterei bereits vor ihrem Ausbruch stellt ein (möglicherweise geschöntes) Lehrstück in Führungskompetenz dar. Klar, die Berichte sind persönlich gefärbt und die Abscheu des zivilisierten Champlain bei der detaillierten Beschreibung der brutalen Folter, die seine indianischen Verbündeten ihren Feinden am Marterpfahl zuteilwerden ließen, mag der heimischen Leserschaft geschuldet sein. Beim Abschlachten der Irokesen im Rahmen vertrauensbildender Maßnahmen für die indigenen Bündnispartner der Franzosen jedenfalls klingt durchaus ein wenig Stolz und Begeisterung durch die Zeilen.

Die Erforschung der Ostküste Nordamerikas ist für historisch Interessierte eine lohnenswerte Lektüre. Dabei ist die Einleitung des ehemaligen Professors für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Tübingen für die historische und persönliche Einordnung der Reiseberichte sehr hilfreich. In jedem Fall macht die Lektüre Lust auf mehr zum Thema französisches Nordamerika.

Udo Sautter: Samuel Champlain, Die Erforschung der Ostküste Nordamerikas. Edition Erdmann 2016. Gebunden mit Schutzumschlag, 286 Seiten.

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