Interniert in Australien

Die Tagebücher des Fritz Stegherr

Aus dem Tagebuch Fritz Stegherrs: „Die hier sichtbaren Anlegebrücken liegen links von den vorhergehenden drei ....und heißen "Kings" und "Queens" Pier. Noch weiter nach links käme dann Hobarts Stolz, die über 900 m lange "Ocean" Pier. Das untere Bild zeigt Burnie, einen Hafen an Tasmaniens Nordküste.“ ©Roswitha Müller

Aus dem Tagebuch Fritz Stegherrs: „Die hier sichtbaren Anlegebrücken liegen links von den vorhergehenden drei ….und heißen „Kings“ und „Queens“ Pier. Noch weiter nach links käme dann Hobarts Stolz, die über 900 m lange „Ocean“ Pier. Das untere Bild zeigt Burnie, einen Hafen an Tasmaniens Nordküste.“ ©Roswitha Müller

Es ist immer schön, wenn man mit seiner Arbeit als Journalist auch etwas bewegen kann. So wie mit dem 2014 aufgegriffenen Thema der Internierung Deutscher Zivilisten, Soldaten und deutschstämmiger Australier in australischen Lagern. Inzwischen sind aufgrund meiner Beiträge in GeschiMag die Tagebücher des Fritz Stegherr, 4. Offizier der SS Oberhausen aufgetaucht, des Schiffes, mit dessen Schicksal ich in das Thema eingestiegen war. Tausende von Seiten über seinem unfreiwilligen Aufenthalt in den Internierungslagern Australiens hatte der Seemann niedergeschrieben. Die sollen von Stegherrs Enkelin Roswitha Müller jetzt über entsprechende Institutionen zu Forschungszwecken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Im Folgenden die Geschichte, die zum Auftauchen der Tagebücher geführt hat sowie Informationen über Fritz Stegherr und seine Tagebücher.

Mit dem Artikel „Der fall des Dampfschiffes SS Oberhausen“ fing es an

Mit dem Artikel zur Internierung der SS Oberhausen anlässlich der britischen Kriegserklärung am 04.08.1914 an Deutschland „Der Fall des Dampfschiffes Oberhausen“ hatte ich in GeschiMag das Thema aufgegriffen. Anlass war die Kontaktaufnahme der Präsidentin des tasmanischen Vereins Friends of Bruny Island Quarantine Station (FOBIQ). Zur Aufarbeitung und Dokumentation der Geschichte der in ein komplexes Naturschutz- und Tourismusprogramm eingebundenen historischen Quarantänestation war und ist die FOBIQ nämlich auf der Suche nach Kontakten zu interessierten Angehörigen der Oberhausen-Crew in Deutschland (siehe auch Interview mit Kathy Duncombe „Zur falschen Zeit am falschen Ort“).

Am 14. Juli 2014 folgte aufgrund weiterer Informationen aus Tasmanien der Artikel „Die Mannschaft der SS Oberhausen im Ersten Weltkrieg. Darin auch eine Mannschaftliste in der Fritz Stegherr mit folgenden spärlichen Angaben auftauchte: „geb. 1888. 4. Offizier. Am 05. November 1914 unter Auflagen entlassen und am 01. März 1915 wieder interniert. Repatriiert am 29. Mai 1919 auf der H.M.T. Kursk“.

Die Tagebücher: Zeitzeugnisse für die Wissenschaft

Immerhin, rund eineinhalb Jahre vergingen, bis Stegherrs Enkelin Roswitha Müller zufällig auf den GeschiMag-Artikel „Der Fall des Dampfschiffes Oberhausen“ und das damit verbundene Interview mit Kathy Duncombe stieß. Frau Müller erinnerte sich sofort an die Tagebücher ihres Großvaters, die vor dem Hintergrund des Artikels eine ganz neue Bedeutung für sie bekamen. Sie begann, sich mit dem literarischen Vermächtnis ihres Großvaters näher zu befassen und nahm Kontakt mit Kathy Duncombe auf. Ergebnis: Das erste Tagebuch über die Festsetzung der SS Oberhausen und den Aufenthalt Fritz Stegherrs unter anderem in der Quarantänestation auf Bruni Island hat Frau Müller inzwischen transkribiert und das Original dem Verein Friends of Bruny Island Quarantine Station als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Die anderen Tagebücher über die Zeit Stegherrs in Australien bis zu seiner Repatriierung hat Roswitha Müller dem Deutschen Tagebucharchiv hinterlassen, wo sie gegen entsprechende Gebühren zur Recherche zugänglich sein werden.

Tagebuch 1, eine Fundgrube für die Friends of Bruny Island Quarantine Station

Die Überreste des Schornsteins Foto: Copyright K. Duncombe, FOBQS

Die Überreste des Schornsteins
Foto: Copyright K. Duncombe, FOBQS

Keine Frage, die Tagebücher stellen spannende Zeitdokumente dar, die dabei helfen können, die Zeit der Internierung Deutscher in Australien während des ersten Weltkrieges greifbarer zu machen. im  Falle von Bruni Island liefert bereits das erste Tagebuch eine Bestätigung einer bislang unbelegten Vermutung. So hatte Kathy Duncombe in ihrem GeschiMag-Interview auf die Überreste eines Schornsteins als mögliche Hinterlassenschaft der Deutschen Internierten hingewiesen. Und tatsächlich beschreibt Stegherr in seinem Tagebuch den Bau dieses Kamins. Und ausführlich schreibt er über das von Frau Duncombe erwähnte Fischerboot mit dem die Deutschen Gefangenen bei schlechter Versorgungslage ihre Vorräte auffrischten. Deutlich wird ebenfalls, dass Stegherr als Offizier erhebliche Privilegien genoss und damit sicherlich nur einen Teil der Lebensbedingungen Deutscher Internierter in Australien beleuchten kann.

Vom Ordensschüler zum Seemann

Fritz Stegherr war, wie seine Enkelin berichtet, in gewisser Weise ein typisches Kind einer  von bedrückender Sittenstrenge und emotionalen Distanz  geprägten Zeit: Eher verschlossen, streng, ohne Vater. Ehre, Kameradschaft, Nationalstolz, Gerechtigkeit waren ihm wohl wichtig, wie nicht zuletzt der unten stehende Auszug aus dem ersten Tagebuch andeutet, dessen Transkription Frau Müller mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Die Vita Stegherrs spiegelt auch seinen abenteuerlichen und rebellischen Geist wieder. Im Allgäu geboren und aufgewachsen, wollte er bereits als Jugendlicher unbedingt zur See fahren. Mit 15 oder 16 Jahren verließ er ohne Schulabschluss die Jugendeinrichtung der Don Bosco Salesianer in Turin und heuerte in Neapel auf einem Handelsschiff an. Seiner alleinerziehenden Mutter ist es zu verdanken, dass Fritz schließlich doch die zweijährige Ausbildung an der Navigationsschule in Hamburg absolvierte. Und so fuhr er zunächst als Steuermann weltweit für verschiedene Reedereien. Nach Aussage seiner Tochter arbeitete Stegherr vermutlich auch für den Norddeutschen Lloyd. Mit der Kriegsmarine hatte er –aus unbekannten Gründen – nichts am Hut.

Wechselhafte Karriere

2. Tagebuch über die Zeit in Trial Bay. Wahrscheinlich hat Fritz Stegherr in Trial Bay bei der Organisation eines gemeinschaftlich-kulturellen Lebens mit Sport, Theater, Musik ect. kräftig mitgemischt. ©Roswitha Müller

2. Tagebuch über die Zeit in Trial Bay. Wahrscheinlich hat Fritz Stegherr in Trial Bay bei der Organisation eines gemeinschaftlich-kulturellen Lebens mit Sport, Theater, Musik ect. kräftig mitgemischt. ©Roswitha Müller

1914 geriet er bekanntlich auf der SS Oberhausen in australische Kriegsgefangenschaft. Danach war für ihn wegen der praktisch nicht mehr existierenden deutschen Handelsschifffahrt an die Seefahrt nicht mehr zu denken. So arbeitete er zunächst als Holzfäller im Allgäu, später über verwandtschaftliche Beziehungen in der Hutfabrik Seeberger. 1922 ging er mit seiner Frau Paula  für 4 Jahre nach Rio de Janeiro, Brasilien um dort für eine andere Hutfabrik eine Zweigstelle aufzubauen. 1926 kehrte er ins Allgäu und die Firma Seeberger zurück. Zwischen 1927 und 1933 kamen die 4 Kinder von Paula und Fritz  zur Welt. 1933 trat er aus Überzeugung den Nationalsozialisten bei. im gleichen Jahr wurde er  1. Bürgermeister  von Weiler im Allgäu und übte das Amt bis Kriegsende und dem Einmarsch der Alliierten aus. Nach drei Jahren der Internierung in Balingen wurde er 1948 als „minder Belasteter“ entlassen.  Im Spruch der Sonderspruchkammer zur Internierung nach dem 2.WW steht, er habe sich „mannhaft“ und „selbstlos“ beim „Einmarsch der Besatzungsmacht“ gezeigt und so „Schlimmeres“ für sein Dorf verhindert. Bis zur Rente arbeitete Fritz Stegherr als Mitarbeiter in einem Radiogeschäft im Allgäu.

Lesen Sie auch:
Der Fall des Dampfschiffs SS Oberhausen
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Die Mannschaft der SS Oberhausen im 1. Weltkrieg

Auszug aus Fritz Stegherr : Erinnerung aus meiner Kriegsgefangenschaft  in Tasmanien und  New-South-Wales. Erster Teil: vom 4. August 1914 – 4. Dezember 1915 (Transkription von Roswitha Müller)

„Gegen vier Uhr nachmittags des 5.8.1914 sickerte die Nachricht vom Kriege hier durch. Alles steckte die Köpfe zusammen und besprach das neueste. Scheinbar sollte es uns fern gehalten werden, aber wir wussten doch bald was los war. Nun handelte es sich darum wie wir uns verhalten sollten. Dass das Schiff von den Engländern mit Beschlag belegt werden würde, stand außer Zweifel. Dazu waren sie berechtigt nach den jämmerlichen Bestimmungen der Londoner Konferenz. [ . . . ] Wir befanden uns in der folgenden Lage: Mit wenigen Ausnahmen waren wir alle teils entlassene Marine oder (einige wenige) Armeereservisten bzw. Seewehrleute, teils in wehrpflichtigem Alter. Also hatten wir sichere Aussicht, dass man uns nicht entwischen lassen würde. Wir hatten 400 t Kohle und eine Menge Holz für den Notfall als Feuerungsmaterial an Bord. An Proviant war noch für 14 Wochen vorrätig. Also, ein Fluchtversuch wäre an diesen beiden Hauptbedingungen kaum gescheitert. Wir jüngeren Hitzköpfe waren auch einstimmig dafür. Auch der deutsche Konsul Dr. Nöttling, der noch im letzten Augenblicke an Bord gewesen war, hatte dem Kapitän denselben Rat gegeben, aber das Oberhaupt des Schiffes war dagegen und damit war auch für uns die Sache erledigt. [ . . . ]

Auf dem Wege [erhielt er schon die Mitteilung, dass von Hobart ein Offizier, ein Zollbeamter und zwölf Marinesoldaten mit zwei Unteroffiziere auf dem Marsch seien, um das Schiff zu besetzen. Da wir doch entschlossen waren zu bleiben, so sahen wir in aller Gemütlichkeit der Entwicklung der Dinge entgegen. Auf Order vom Kapitän wurde für die Geister in Eile etwas zum Abendbrot zubereitet Sie waren mit dem „Huon“ Motor Omnibus nach Geevestone gekommen und kamen nach 20 Minuten Marsch an  unserer Anlegestelle an. Wenn wir nun 12 normale Matrosen erwarteten, die  im Notfalle das Schiff auch mit Gewalt wegzunehmen im Stande gewesen wären, so waren wir entschieden enttäuscht; Genauso enttäuscht wie die halberwachsenen Jungen, denen mehr Angst im Gesicht geschrieben stand, als sie selbst zugegeben hätten, wenn sie mit Widerstand von unserer Seite rechneten. Wir standen an der Reling und sahen zu, wie einer nach dem anderen an Bord geklettert kam. Voran der Oberstleutnant der „Navel Reserve“, Russel Young in seinem sonstigen Beruf Rechtsanwalt von Hobart. Ihm folgten Mr. Huon, ein älterer Herr in Civil als Vertreter der Zollbehörde. Dann kamen der Feldwebel Mr. Carter, ein Obermaat und 12, ich weiß augenblicklich nicht wie ich dieses Dutzend halbreifer Bürschchen benennen soll: aussahen sie ungefähr wie 12 uniformierte Sonntagsschüler, übrigens alles nette Jungens, die herzlich froh waren, dass ihnen kein Haar gekrümmt wurde. Es war geradezu lächerlich und eher ein schlechter Witz zu nennen wenn man in Hobart angenommen hatte, dass dieses bewaffnete Häuflein im Falle eines Widerstandes  das Schiff hätten gegen uns 40 Mann halten können. [ . . . ]

Fünf Mann zogen als Posten auf: Zwei auf der unteren Brücke, einer auf der oberen Kommandobrücke und zwei auf dem Hauptdeck vorn. Die anderen legten Gewehr und Koppel ab und wurden in der Messe bewirtet. Nach heldenhafter Erstürmung eines gewöhnlichen Handelsdampfers konnte man es sich ja schmecken lassen. Die beiden Offiziere aßen beim Kapitän in der Kajüte. D.h. Sie aßen wenig und tranken umso mehr. Mr. Huon allerdings spielte nicht mit und legte sich im Kartenzimmer auf dem Sofa schlafen. Nachdem der Kapitän noch Bier für die Soldaten beordert hatte und eine Flasche guten Getreidekümmels für Kajütegebrauch, begab ich mich ebenfalls zur Ruhe. Das Trampeln der Wachen über meiner Koje hat mich nicht weiter gestört und (ich) schlief wie ein Gerechter. Gegen 3 Uhr morgens weckte mich der Wachmann, der Kapitän hätte nach mir verlangt. Ich dachte mir schon was da los war. Kurz und gut. Er war alles andere als nüchtern und sein würdiger Saufkollege, der als feindlicher Offizier kaum imponieren konnte in dem Zustande, wie er in jener Morgenstunde neben dem Kapitän stand, ebenfalls voll zum Überlaufen. Das machte meine schlechte Laune nicht besser. Ein Wort gab das andere und wir gerieten-wenn auch nicht wortwörtlich- einander in die Haare. Der  Oberleutnant verstand natürlich kein Wort von unserem liebenswürdigen Dialog, vielleicht weniger weil er in deutsch geführt war, als weil nicht nur sein physisches, sondern auch sein seelisches Gleichgewicht längst aus dem stabilen Zustand in den indifferenten Zustand übergegangen war. Der Wachmann musste noch ein Dutzend Flaschen Bier für die Soldaten holen und ich hatte darauf noch einmal eine kleine Auseinandersetzung mit dem Kapitän, wobei ich mich nicht genierte ihm ordentlich meine Meinung zu sagen.“

Seite aus dem 1. Tagebuch. Transkription: Von der neuen Brücke aus, konnte man einen Teil des Gebäudes übersehen und den langsamen Fortschritt der Arbeit beobachten. Wer nicht in den Busch wollte, musste innerhalb des Lagers arbeiten und bekam dafür seinen Schilling, während die anderen noch 2Schillinge pro Tag extra gutgeschrieben bekamen. Ein Seemann ist in Bezug auf sein verdientes Geld so misstrauisch wie wohl kaum ein anderer Mensch. Und diese gutgeschriebenen zwei Schillinge waren die Folge von unzähligen Unzufriedenheiten und Reibereien. Totgearbeitet hat sich übrigens keiner. Ich war eines Tages mit Colonel Watchorn und dem Zivilverwalter auf dem Wege die Post von Barnes Bay zu holen, wohin sie wöchentlich zweimal mit dem Dampfer von Hobart gebracht wurde. Unser Weg führte uns am Arbeitsplatze wo gerade Pause gemacht wurde. D.H. jeder lag im Gras oder saß auf einem umgefallenen Baumstamm und schmauchte sein Pfeifchen oder verspeiste seinen „Sargnagel“ ©Roswitha Müller

Seite aus dem 1. Tagebuch. Transkription: Von der neuen Brücke aus, konnte man einen Teil des Gebäudes übersehen und den langsamen Fortschritt der Arbeit beobachten. Wer nicht in den Busch wollte, musste innerhalb des Lagers arbeiten und bekam dafür seinen Schilling, während die anderen noch 2Schillinge pro Tag extra gutgeschrieben bekamen. Ein Seemann ist in Bezug auf sein verdientes Geld so misstrauisch wie wohl kaum ein anderer Mensch. Und diese gutgeschriebenen zwei Schillinge waren die Folge von unzähligen Unzufriedenheiten und Reibereien. Totgearbeitet hat sich übrigens keiner. Ich war eines Tages mit Colonel Watchorn und dem Zivilverwalter auf dem Wege die Post von Barnes Bay zu holen, wohin sie wöchentlich zweimal mit dem Dampfer von Hobart gebracht wurde. Unser Weg führte uns am Arbeitsplatze wo gerade Pause gemacht wurde. D.H. jeder lag im Gras oder saß auf einem umgefallenen Baumstamm und schmauchte sein Pfeifchen oder verspeiste seinen „Sargnagel“ ©Roswitha Müller

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