Szenerien und Illusion

Geschichte, Varianten und Potenziale von Museumsdioramen

9783835317987lWer kennt sie nicht, die Schaukästen oder lebensgroßen Ensembles, die in den Museen einen realistischen dreidimensionalen Eindruck von historischen, naturräumlichen oder archäologischen Situationen vermitteln. Da findet sich der Besucher vor der Höhle einer steinzeitlichen Jägergruppe wieder, unternimmt eine visuelle Wanderung durch die Pflanzen- und Tierwelt des Amazonas oder verschafft sich einen Überblick über die Geschehnisse einer Schlacht, als stehe er wie ein General auf dem Feldherrnhügel. Museumsdioramen sind sowohl in ihrer Ausführung, der Ausstattung den Inhalten und ihrer eigenen Geschichte außerordentlich vielfältig und damit nun selbst Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden. Das Buch Szenarien und Illusion fasst als Band 32 der Abhandlungen und Berichte des Deutschen Museums den aktuellen Stand der Forschung zusammen.

Theatralische Inszenierungen der Unterhaltungsindustrie des 19. Jahrhunderts

Mit den bekannten Museumspräsentationen hatten die ursprünglich als Diorama bezeichneten und eng mit dem Panorama verwandten illusionistischen Präsentationstechniken kaum etwas zu tun. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden dem Publikum in eigens hierfür errichteten Gebäuden riesige halbtransparente, trickreich beleuchtete Bilder gegen Eintrittsgeld präsentiert. Hinzu kamen plastische Vordergründe, die die materielle Authentizität und die Tiefenwirkung der gewaltigen Bilder beispielsweise des Innenraumes einer Kathedrale oder spektakulärer alpiner Landschaften noch verstärkten. Diese kommerziellen Unternehmungen können als Vorläufer des Kinos gelten, für den Einzug der Dioramen in die Museen dürften die Präsentationen der Weltausstellungen und der Berliner populärwissenschaftlichen Institution Urania von größerer Bedeutung gewesen sein.

Der Weg vom Kommerz in die Museen

Mitte des 19. Jahrhunderts war die Zeit der großen Dioramen vorbei, nicht aber die der illusionistischen dreidimensionalen Präsentationen von Landschaften oder Szenerien. Auf den Weltausstellungen wurden den Besuchern nun die neuesten technischen Errungenschaften, Produkte der Kolonien und industrielle Innovationen in lebensgroßen Schaubildern vorgestellt. Auch aus dem Tierpark Hagenbeck bekannt sind hierbei die Gruppen „Eingeborener“ aus den Kolonien, die dem Publikum im „authentischen“ Ambiente das „echte“ Leben der Indigenen vorspielten. Das Spektrum der präsentierten Szenarien, der Darstellungsformen und Techniken ist vielfältig und wird im Buch ausführlich behandelt. Und bevor der Leser bei den Dioramen in den internationalen Museen ankommt, hat er sowohl die entwicklungsgeschichtliche als auch bis ins Detail die handwerklich-technische Seite der heute wieder auf dem Vormarsch befindlichen Präsentationsform Diorama in den Museen kennengelernt.

Habitatdioramen und Großwildjagd

Das Buch Szenarien und Illusion thematisiert ganz unterschiedliche Aspekte. Da wird die historische Diskussion aufgegriffen, welcher wissenschaftliche Wert und welche Authentizität mit den publikumswirksamen 3d-Präsentationen verbunden ist. In mehreren Aufsätzen (englischsprachig) wird der Leser über die unterschiedlichen Hintergründe, Rahmenbedingungen, Entwicklungen, Philosophien und Schwerpunkte im internationalen Vergleich informiert. Da wird die Geschichte der „wissenschaftlichen“ Großwildjagd  und der Taxidermie lebendig und nicht zuletzt das im Rahmen der steinzeitlichen Menschengruppen in den Naturkundemuseen bis heute verinnerlichte Menschenbild beispielsweise des Neandertalers erklärt.

Vom Neandertaler zum Zinnsoldaten

Kaum etwas scheint in dieser Aufsatzsammlung ausgelassen. Und dem Leser werden nach und nach nicht nur die Wirkmächtigkeit dieser traditionellen dreidimensionalen Wissenschaftsvisualisierung deutlich, sondern auch die Möglichkeiten und Grenzen, die sie in Bezug auf die unterschiedlichen inhaltlichen Bereiche mit sich bringt. So finden sich Aufsätze zu Modelleisenbahnen und Dioramen, zum Phänomen der Habitat-Dioramen, zu Dioramen in der prähistorischen Archäologie, zur Welt der Zinnfiguren, zu ethnologischen Dioramen und nicht zuletzt in „Das Unausstellbare en miniature“ zur Frage, wie der Holocaust museal präsentiert werden kann. Und selbstverständlich darf auch die Geschichte des Dioramenbaus im Deutschen Museum nicht fehlen. Neben den spannenden historischen, technischen und künstlerischen Aspekten, regt die Lektüre dieses Buches auch Gedanken zu politisch-ideologischen Hintergründen bei der scheinbar neutralen Wissenschaftspräsentation in Museen an.

Ein Beitrag zur Transparenz der musealen Wissenschaftspräsentation

Ein Museumsbesuch erhält jedenfalls durch diese Publikation eine weitere Dimension. Denn das Diorama ist wie alle visuellen Medien seiner Natur nach hochmanipulativ. Ungeachtet der musealen Thematik können nun Ausführung, Geschichte und Botschaft der Dioramen selbst zum Gegenstand des Besucherinteresses werden. Damit bekommt der Besucher die Möglichkeit, die dargestellte Information eines Dioramas neu und bewusster wahrzunehmen, zu bewerten und zu hinterfragen.

Alexander Gall, Helmuth Trischler: Szenarien, Varianten und Potenziale von Museumsdioramen. Wallstein Verlag 2016. Gebunden mit Schutzumschlag, 471 Seiten.

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, Rezension

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