Raimondo di Montecuculli – Eine barocke Karriere unter dem Doppeladler 3

Von Dr. Klaus-Jürgen Bremm, Osnabrück

Teil 3 Raimondo di Montecuculli, Reformer, Stratege, Visionär

Carl von Blaas: Montecuccoli auf dem Schlachtfeld von Saint Gotthard, 8. August 1664 Von Carl von Blaas

Carl von Blaas: Montecuccoli auf dem Schlachtfeld von Saint Gotthard, 8. August 1664
Von Carl von Blaas

Unter dem damaligen Präsidenten des Hofkriegsrates, Wenzel Fürst Lobkowitz, einem militärischen Minimalisten und langjährigem Widersacher Montecucollis, sank die Stärke der kaiserlichen Truppen im April 1655 auf ihren tiefsten Stand mit 13.700 Mann. Die Idee eines stehenden Heeres war damals nicht neu, fand aber jetzt in Montecucolli einen ihrer engagiertesten Protagonisten. Der „miles perpetuus“ eröffne der Politik neue Optionen, schrieb er etwa 1670 in seinem Spätwerk über den Krieg mit den Türken (Della Guerra col Turco en Ungheria), den so genannten Aforismi. Man werde von Freund und Feind geachtet, halte nach Belieben Frieden und sei dennoch „zum Präventivkrieg bereit“ und könne „eine günstige Gelegenheit rasch ausnutzen d.h. den Blitz vor dem Donner fühlen lassen“.

Konzepte zur grundlegenden Militärreform

Montecucolli war jedoch zu sehr Politiker, um nicht auch den Einfluss eines stehenden Heeres auf die inneren Verhältnisse der Monarchie zu beachten. Es bringe auch das Verhältnis zwischen Militär und Zivilbevölkerung wieder in geregelte Bahnen, so warb er für seine Idee. Ganz im Sinne des neostoizistischen Ideals eines Justus Lipsius sollten Frömmigkeit, Gehorsam und Mäßigung nicht nur Disziplin und Tapferkeit der Truppe erhöhen, sondern damit auch das Ansehen des Heeres als „notwendiger und berechtigter Bestandteil des Staates“. Zugleich suchte Montecucolli nach Möglichkeiten, Soldaten aus den eigenen Territorien für den Militärdienst zu gewinnen. Nach schwedischem Vorbild schlug er vor, die Erblande in Wehrbezirke zu unterteilen, aus denen jeder elfte, eingesessene Mann „einrolliert“ werden könne, während die übrigen zehn für seine Besoldung, Versorgung und für Ersatz zu sorgen hätten. Erstaunlich für den überzeugten Katholiken erschien seine klare Anordnung, „dass alle Disputation von der Religion sowohl bei den Offizieren als gemeinen Soldaten, woraus eine schädliche Erbitterung erfolgt“ zu unterbleiben habe. Zum Besten der militärischen Disziplin machte Montecucolli damit nur 24 Jahre nach dem Ende des Glaubenskrieges die religiöse Toleranz im kaiserlichen Heer zur dienstlichen Pflicht.

Marodierende Soldaten 1647, eine Belastung für das Verhältnis zwischen Militär und Zivilbevölkerung.

Marodierende Soldaten 1647, eine Belastung für das Verhältnis zwischen Militär und Zivilbevölkerung.

Konflikt an der ungarisch-türkischen Grenze

Als Habsburg Ende 1657 an der Seite Polens in den Ersten Nordischen Krieg gegen die Schweden eintrat, unterschied sich sein neues stehendes Heer vorerst noch wenig von der Soldateska des Dreißigjährigen Krieges. Zum Schutz der Landstraßen vor marodierenden Truppen musste Montecucolli, der seit Januar 1658 erstmals den Oberbefehl über alle kaiserlichen Truppen im Felde führte, ständig Kavalleriepatrouillen einsetzen.

Kaum war 1660 der günstige Friede von Oliva geschlossen, wurde der neue und erfolgreiche Oberbefehlshaber mit dem lukrativen Posten eines Kommandanten der Festung Raab (Györ) betraut. Im ungarisch-türkischen Grenzgebiet hatte es Montecucolli erstmals mit den Osmanen als Gegner zu tun, über deren militärische Qualitäten er immer wieder in seinen Werken anerkennende Worte fand. Dass mit seinem Erscheinen an der Militärgrenze ein ungewöhnlich langer Friede oder besser Waffenstillstand von 55 Jahren mit den Türken abrupt zu Ende ging (Friede von Zsitvatorok 1606, in dem sich Habsburg mit einer einmaligen Zahlung von 200.000 Gulden von allen zukünftigen Tributen befreit hatte), mag ein Zufall gewesen sein. Jedenfalls bewog eine Strafaktion der Türken gegen den Siebenbürger Fürsten György Rákózcy den besorgten Wiener Hof zu einer Gegenaktion.

An der Spitze der militärischen Hierarchie Habsburgs

Im stets vorsichtigen Kriegsrat scheiterte Montecucolli jedoch mit dem Plan eines massiven Vorstoßes entlang der Donau auf Belgrad, was seine mühsam aufgebauten Regimenter auch vor der drohenden Demobilisierung sollte bewahren helfen. Stattdessen wurde er mit einer bescheidenen Hilfsaktion für die Siebenbürger Ungarn beauftragt, die er durchaus mit Erfolg abschloss. Erst zwei Jahre später eskalierte die Lage endgültig zum ersten großen Türkenkrieg seit 1606 und Montecucolli errang am 1. August 1664 bei St. Gotthard-Mogersdorf in der Steiermark seinen wohl bedeutendsten Sieg. An der Spitze einer kombinierten Streitmacht, der auch ein französisches Korps von rund 6000 Mann angehörte, schlug er ein numerisch überlegenes Heer der Osmanen zurück. Die Idee eines großen Krieges gegen das Osmanische Reich ließ ihn auch später nicht mehr los, nachdem er 1668 als Präsident des Hofkriegsrates und kaiserlicher General-Leutnant am Rhein endlich die Spitze der militärischen Hierarchie Habsburgs erreicht hatte. Er blieb das zentrale Thema in seinem Spätwerk, den Aforismi dell` arte bellica. Vor allem strategische Erwägungen, nicht jedoch religiöse Vorstellungen von einem Glaubenskrieg bestimmten ihn dazu.

Schlacht von St. Gotthart-Moggersdorf

Schlacht von St. Gotthart-Moggersdorf

Montecucollis zukunftsweisende Ideen

Noch im Alter von 70 Jahren riet er, kaum hatte 1679 der ernüchternde Friede von Nimwegen dem Sonnenkönig alle seine bisherigen Eroberungen am Rhein bestätigt, zu einem neuen Türkenkrieg. Er selbst wollte dabei, trotz all seiner Gebrechen, noch einmal den Oberbefehl übernehmen. Es blieb indes seinen Schülern, Karl von Lothringen und Ludwig Wilhelm von Baden vorbehalten, Habsburgs Macht im Südosten Europas neu zu begründen. Als Montecucolli 1680, knapp drei Jahre vor dem Großen Türkenkrieg von 1683-1699 starb, war die Bilanz seines Lebenswerkes gemischt. Lange war er die bestimmende Persönlichkeit des österreichischen Heerwesens in einer Übergangsepoche gewesen. Viele seiner Vorschläge, wie etwa die strategische Neuausrichtung Habsburg nach Südosten fanden später ihre Verwirklichung und wiesen weit in die Zukunft. Auch die Frage der Integration der Streitkräfte in Staat und Gesellschaft, der Vereinbarkeit von ziviler und militärischer Sphäre, beschäftigte mehr als hundert Jahre später nicht nur die preußischen Reformer um General Scharnhorst, sondern sogar noch die Verfasser der Himmeroder Denkschrift von 1950.

In der Geschichtsschreibung nur noch eine Randnotiz

Viele seiner Ideen blieben unfertig, standen oft auch unvermittelt nebeneinander. So war seine Theorie der Festung als logistischer Basis für offensive Operationen schon ein Vorgriff auf die im 19. Jahrhundert herrschende Lehre, doch an anderer Stelle vertrat Montecucolli wiederum das traditionelle Bollwerkskonzept. Auch seine Wissenschaftsvorstellungen beruhten noch auf dem aristotelisch-scholastischen Universalimus, der alle Wissensgebiete miteinander verknüpfen wollte. Die neoatomistischen Lehren eines Thomas Boyle stellten ihn jedoch schon zu seiner Zeit ernsthaft in Frage.

Für die nationalistisch geprägte Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts spielte der italienische Conditiorri im Dienste Habsburgs kaum noch eine Rolle. Allenfalls findet sich der Vorwurf, er habe durch seine zögerliche Kriegführung am Rhein das Elsass an Frankreich verloren. Während Montecucollis Spätwerk über den Türkenkrieg im Laufe des 18. Jahrhunderts noch in mehreren Auflagen und Sprachen erschienen war, – eine Leipziger Ausgabe 1736 unter dem Titel: Besondere und geheime Kriegsnachrichten des Fürsten Raymundi Montecuculi – galt der Italiener den an Napoleon und Clausewitz geschulten Strategen des 19. Jahrhunderts nur noch als barocker Exponent einer längst überholten entscheidungsscheuen Manövrierkriegführung. Und während der Preußenkönig Friedrich II. den Modeneser noch in einem Gedicht als den römergleichen „Schützer von Rhein und Kaiserreich“ feierte, erwähnte ihn Clausewitz in seinem Hauptwerk „Vom Kriege“ nur noch  zweimal.

Teil 1 Montecuculli Soldat und Literat

Teil 2 Monteculli, Diplomat und Literaturförderer

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Dreißigjähriger Krieg

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