Raimondo di Montecuculli – Eine barocke Karriere unter dem Doppeladler 1

Von Dr. Klaus-Jürgen Bremm, Osnabrück

Teil 1 Montecuculli Soldat und Literat

HGM_Grießler_MontecuccoliDas Protokoll der Sitzung des Wiener Hofkriegsrates vom 10. Dezember 1680 vermerkte keine besonderen Topoi. Es fällt nur auf, dass von der Liste der Anwesenden der Name des Präsidenten dieses alterwüdigen Gremiums, Raimondo di Montecucolli, wieder gestrichen worden war. Dass er darin überhaupt aufgeführt wurde, verdankte sich wohl nur einer Nachlässigkeit der Hofbürokratie. Denn immerhin war der General-Leutnant, Vertreter des Kaisers im Felde, Inspekteur der kaiserlichen Artillerie, Befehlshaber an der Militärgrenze, Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies und Träger eines spanischen Fürstentitels bereits seit zwei Monaten tot.

„Einsam und nörglerisch“, so sein italienischer Biograph Tommaso Sandoninni, war der General am 16. Oktober 1680 in Linz, wohin er trotz seiner Krankheit und Schwäche dem kaiserlichen Hof nachgereist war, im Alter von 71 Jahren verstorben. In Wien war er gemäß eigenem testamentarischen Wunsch „senza pompa e cerimonie“ bestattet worden. Dass er von seinem Leben mehr als fünf Dekaden im Dienste Habsburgs und dreier Kaiser gestanden hatte, war dem Protokoll des Hofkriegsrates indes keine Würdigung wert. Doch ohne das vielfältige Wirken des schreibfreudigen Condottieri, der am 21. Februar 1609 auf Schloß Montecucollo (Kuckucksberg), dem Stammsitz der gleichnamigen Grafen im Herzogtum Modena geboren wurde, hätte Österreichs Heer kaum den kommenden Großen Türkenkrieg überstehen können und es wäre wohl auch aus den alten österreichischen Erblanden nicht so schnell der frühmoderne Kaiserstaat entstanden.

Im Schatten Wallensteins und Eugen von Savoyens

Im Vergleich zu seiner Leistung als Theoretiker des Krieges, als Protagonist und Organisator des stehenden Heeres und als kaiserlicher Feldherr und Diplomat wirken Montecucollis Nachruhm und seine heutige Bekanntheit eher dürftig, ja verblassen geradezu hinter dem kometenhaften Aufstieg eines Albrecht von Wallenstein oder den glänzenden Erfolgen eines Eugen von Savoyen. Zwar bewahrte Montecucolli wiederholt mit taktischem Geschick, wie bei Wittstock 1636 und nochmals im Mai 1648 bei Zusmarshausen, die kaiserliche Armee vor einer noch größeren Katastrophe, und selbst sein langjähriger Gegner Henri de la Tour d` Auvergne, Vicomte de Turenne, befand, dass sich kein General damals hätte besser schlagen können als der Modeneser. Doch selbst Montecucollis Sieg in der Abwehrschlacht gegen die Türken bei St. Gotthard-Mogersdorf am 1. August 1664 schien die Öffentlichkeit kaum zu beeindrucken, anders als die begeisternden Triumphe des Savoyer Prinzen bei Zenta, Höchstedt, Peterwardein und Belgrad. Gleichwohl gehörte Montecucolli wie Wallenstein und Eugen zu dem bedeutenden Kreis nichtdeutscher Führungspersönlichkeiten, deren Kenntnisse und Loyalität sich Habsburg für den Aufbau seiner reichsunabhängigen Militärmacht oft genug zu Nutze zu machen verstand.

Ein Literat mit militärischen Ambitionen

Der Friauler Graf und Feldmarschall Rombaldo di Collalto hatte 1625 auf der Suche nach talentiertem Nachwuchs den damals 16jährigen Montecucolli für sein Regiment angeworben und mit nach Deutschland genommen. Dabei war der Sohn eines im Türkenkrieg erprobten Condottieri von eher zweifelhaften Ruf und einer allerdings umso feineren Hofdame aus Ferrara schon für eine klerikale Laufbahn vorgesehen gewesen. Doch die Aussicht auf Ruhm, Reichtum und Karriere außerhalb der beengten Verhältnisse Italiens war für den jungen Stipendiaten der Kirche zu verlockend. Trotz seiner wachen literarischen Neigungen folgte Raimondo di Montecucolli dem Beispiel seines bereits in kaiserlichem Dienst stehenden Vetters, dem späteren General Ernesto de Montecucolli, und entschied sich 1627 endgültig für den militärischen Dienst unter dem habsburgischen Doppeladler. Es folgte die obligate Tour durch alle Waffengattungen buchstäblich „von der Pike an“, ehe der junge Italiener 1629 Hauptmann in einem Infanterieregiment wurde.

Aufstieg ins militärische Establishment

Die Eroberung und Plünderung Magdeburgs 1631

Die Eroberung und Plünderung Magdeburgs 1631

Schon im Jahr darauf regte sich wieder mit aller Macht die zeitweise schon zur Ruhe gekommene „Kriegsfurie“. Die Schweden waren auf Usedom gelandet. Pommern und Brandenburg drohten verloren zu gehen. Im Frühjahr 1631 nahm Montecucolli an der Belagerung von Neubrandenburg teil, wurde Zeuge des Gemetzels von Magdeburg, ehe er am 17. September 1631 bei Breitenfeld erstmals verwundet in schwedische Gefangenschaft geriet. Sechs Monate später stand er jedoch schon wieder in kaiserlichem Dienst und bemühte sich um die Zuteilung eines eigenen Regimentes. Vakante Regimenter wurden nach dem Ableben ihrer Inhaber damals nicht mehr aufgelöst, sondern von der kaiserlichen Hofbürokratie wie erledigte Lehen an andere Offiziere verliehen. Erst als Regimentskommandeur zählte ein Offizier endgültig zum militärischen Establishment, wurde vom Kaiser sogar als „Fürst“ und „freundlichst geliebter Sohn“ angesprochen, so der huldvolle Tenor in Montecucollis Ernennungsurkunde vom 3. Juli 1635. Ein gelungener Handstreich auf Kaiserlautern mit 200 abgesessenen Kürrasieren hatte ihm die letzten notwendigen Meriten verschafft.

Hilfreich für seine Karriere war damals auch der ungeheure Einfluss der Italiener wie etwa der Piccolomini, der Gallassos und Marazzinos und vor allem der Gonzagas auf die Kriegführung Habsburgs. Vier von zwölf General-Leutnanten der kaiserlichen Armee und zehn ihrer 43 Feldmarschälle stammten aus Italien. Italienischen Offizieren gehörte beinahe ein Viertel der 196 im Krieg aufgestellten kaiserlichen Regimenter. Hier lebte noch die Tradition der Renaissance fort, in der italienische Militärunternehmer, Festungsbaumeister und Geschützgießer beispielhaft für die übrigen Armeen Europas wurden. Nicht minder berechtigte der Einfluss der Italiener in Kunst und Kultur, als Baumeister, Literaten und Musiker dazu, das 17. Jahrhundert auch nördlich der Alpen als „Seicento“ zu bezeichnen.

Deutsch-Italienische Konflikte bei den Kaiserlichen

Naturgemäß führten vor allem deutsche Militärs beständig Klage gegen die „Furfantia italiana“ (italienische Gaunerei). Als Sprachrohr der deutschen Kritik an der Dominanz der Italiener galt vor allem der Feldmarschall Graf Melchor v. Hatzfeld, der seinem Vorgesetzten Mattia Gallasso nachsagte, er hätte ihm „bei den friedländischen Händeln ganz gern einen schwarzen Strich gegeben, damit ja kein Deutscher bei der Armada übrig bleibe“. Tatsächlich aber hat Hatzfeld 1637 den unter seinem Kommando stehenden Montecucolli vor den Anklagen des brandenburgischen Kurfürsten Georg Wilhelm bewahrt, der den italienischen Offizier wegen Plünderung seines Trosses zur Rechenschaft ziehen wollte. Zwei Jahre später wurde Montecucolli jedoch ein Disput mit einem anderen deutschen Offizier zum Verhängnis. Unstimmigkeiten mit dem befehlshabenden General Georg v. Hofkirchen bei der Sicherung des Elbüberganges beim böhmischen Melnik führten am 19. Mai 1639 zum Verlust des gesamten kaiserlichen Detachments. Montecucolli wurde verwundet und fiel nach der Flucht seiner Reiter zum zweiten Mal in die Hände der Schweden.

Montecucollis Abhandlung über den Krieg

Da die üblichen Austauschbemühungen an den überzogenen Forderungen beider Seiten scheiterten, musste sich der ehrgeizige Oberst vorerst mit seinem Mißgeschick abfinden. Auch wenn Montecucolli die meiste Zeit seiner Gefangenschaft recht komfortabel im Stettiner Schloss verbrachte und sogar die exzellente herzogliche Bibliothek benutzen durfte, hielt ihn das nicht davon, sich in seiner Not selbst an die schwedische Königin Christine mit der Bitte um seine „Ranzionierung“ (Freikauf, Gefangenenaustausch) zu wenden. Angeregt vom Studium der militärischen Klassiker, vor allem aber durch die Lektüre seines Landmannes Niccolo Machiavelli, begann er selbst in einem militärischen Handbuch alles zu sammeln, was ihn die „Erfahrung in 15 aufeinanderfolgenden Jahren hat lehren können“. Anfangs diente sein Nachdenken „über die Dinge des Krieges“, noch mehr der persönlichen Orientierung, um „sie ausführen zu können, wenn die Gelegenheit der Freiheit es wieder gestattete“. Doch mit dem Fortgang der Gefangenschaft setzte er seinem Werk ehrgeizigere Ziele. Es sei keineswegs leicht gewesen, resümierte er im Vorwort seines schließlich 1641 vollendeten „Trattato della Guerra“, „alle Vorschriften, die den Krieg betreffen, auf eine Formel zu bringen“.

Montecucollis zweites Werk „über die Schlacht“

Das Bemühen, die Kriegsführung als eine rationale und methodische Wissenschaft im Stile der Mathematik darzustellen, entsprach durchaus dem Geist der Zeit. Montecucollis Erfahrungen mit dem „malvolere“ der Deutschen gegenüber den Italienern in der habsburgischen Vielvölkerarmee finden sich in dem ebenfalls noch in der Gefangenschaft vollendeten Werk „Delle Battaglie“. Ausdrücklich empfahl er darin, „die Truppen einer Nation und die Truppen, die sich kennen, zusammen zu stellen, weil sie sich gegenseitig mit größerer Kameradschaft helfen, und weil sie besser die Tapferen und Feigen kennen.“ Dieses zweite Werk vermachte Montecucolli 1643 dem Herzog Francesco I. d’ Este von Modena als persönliches Geschenk.

Teil 2 Monteculli, Diplomat und Literaturförderer

Teil 3 Raimondo di Montecuculli, Reformer, Stratege, Visionär

Merken

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Dreißigjähriger Krieg

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s