Die „islamische Inquisition“ des Kalifen al-Ma᾽mun

Von Florian Heydorn

Die Bevölkerung schwört dem neuen Abbasiden-Kalifen al-Ma'mun die Treue. Aus: Tarikh-i Alfi, Die Geschichte des ersten muslimischen Jahrtausends, 1593

Die Bevölkerung schwört dem neuen Abbasiden-Kalifen al-Ma’mun die Treue. Aus: Tarikh-i Alfi, Die Geschichte des ersten muslimischen Jahrtausends, 1593

An der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert n. Chr. strebte das Kalifat unter der Dynastie der Abbasiden auf den Höhepunkt seiner politischen, kulturellen und militärischen Macht zu. Unter Harun al-Raschid (Kalif von 786‒809) und seinen Nachfolgern kam es zu einer bis dahin ungekannten Förderung der Wissenschaften und der Philosophie. Es war indes auch eine Zeit wachsenden Selbstvertrauens der muslimischen Rechtsgelehrten, die sich zunehmend weigerten, dem Kalifen in theologischen Fragen eine Entscheidungsbefugnis zuzubilligen. Als Harun al-Raschids Sohn al-Ma᾽mun (813‒833) daran ging, die „Lehre von der Erschaffenheit des Korans“ mit inquisitorischen Mitteln als Staatsdoktrin durchzusetzen, stürzte er das Kalifat in eine schwere Krise, die schließlich zu seinem Niedergang führen sollte.

Der (un-)erschaffene Koran

Bereits wenige Jahre nach dem Tode des islamischen Propheten Mohammed begannen muslimische Gelehrte, sich Gedanken über die Natur des Korans zu machen. Durch die Eroberung weiter byzantinischer Gebiete waren die Muslime plötzlich zu Herren über eine christliche Mehrheitsbevölkerung geworden. Vermutlich angestoßen von der Notwendigkeit, die Natur des Korans in den Debatten mit christlichen Gelehrten zu definieren, wurde ihm ein übernatürliches Wesen und Präexistenz zugeschrieben. Der Koran als das tatsächliche geschriebene Wort Allahs sei demnach anfangsewig und schon immer existent gewesen, was nichts anderes bedeutete, als dass er nicht durch Allah erschaffen und hervorgebracht worden sei. Diese Auffassung stieß auch in der Masse der theologisch ungebildeten Bevölkerung auf Zustimmung.
Beeinflusst durch antike griechische Philosophen entstanden indes ab 750 rationalistische Gruppen, die davon ausgingen, dass Fragen der Religion und der Rechtsprechung alleine durch den Verstand beantwortet werden könnten. Aus diesem Kreis entwickelte sich um 800 schließlich die „Lehre von der Erschaffenheit des Korans“. Demnach enthielt der Koran zwar die ewige Botschaft Allahs, sei aber nicht unerschaffen und ewig. Vielmehr handele es sich dabei um einen von Allah erschaffenen Text, niedergeschrieben in den Worten der Menschen, oder genauer, in den Worten der Araber des 7. Jahrhunderts. Die Botschaft könne nur durch freies räsonieren verstanden werden und es sei eben diese Botschaft, nach der die Menschen alle Bereiche ihres Lebens ausrichten sollten und nicht der Wortlaut des Textes. Den Traditionalisten, die an der Unerschaffenheit des Korans festhielten, warfen sie vor, ihn auf eine Stufe mit Allah zu stellen und dadurch zu vergöttlichen.

Die große Befragung

Was als beinahe randständige akademische Frage ohne konkrete Auswirkungen für das alltägliche Leben im Kalifat begann, mündete 833 in die sogenannte „al-mihna al-kabir“ (die große Befragung), die oftmals auch als islamische Inquisition bezeichnet wird. Bereits 827 hatte der Kalif al-Ma᾽mun  die Lehre von der Erschaffenheit des Korans zur Staatsdoktrin erklärt. Nun begann er, sie mit Gewalt durchzusetzen. In Bagdad, der Hauptstadt des Abbasiden-Reiches, wurden sieben Richter geprüft und, nachdem sie der neuen Lehre zugestimmt hatten, beauftragt, 30 weitere Richter einer solchen Prüfung zu unterziehen. Zugleich entsandte der Kalif Briefe an seine Provinzgouverneure und ordnete die reichsweite Prüfung aller Rechtsgelehrten, Richter und Imame an. Wer sich weigerte, der neuen Lehre zuzustimmen, wurde gefoltert, inhaftiert oder hingerichtet. Als der al-Ma᾽mun  vier Monate später bei den Vorbereitungen für einen Feldzug gegen Byzanz überraschend starb, führten sein Bruder al-Muʿtasim (833‒842) und dessen Sohn al-Wathiq (842‒847) die Befragungen mit wechselnder Intensität weiter. Sie blieb indes erfolglos. Die verfolgten Traditionalisten wurden als Märtyrer angesehen, während die Bevölkerung die Mihna zunehmend als Terrorregime wahrnahm. Al-Mutawakkil (847‒861) setzte schließlich 848  einen Schlussstrich unter die ganze unangenehme Affäre und erklärte stattdessen die traditionalistische Lehrmeinung zur Staatsdoktrin. Der angestaute Zorn der Traditionalisten wie auch weiter Teile der Bevölkerung konnte sich von da an gegen die Rationalisten entladen.
Die „Lehre von der Erschaffenheit des Koran“ entstammte den theologisch-philosophischen Disputen ihrer Zeit. Die Argumente, mit den al-Ma᾽mun  sie durchsetzen wollte, entstammten überwiegend der Feder seines Beraters Bischr al-Marisi, eines bekannten Rationalisten und mutmaßlichen Mitbegründers der Lehre. Und dennoch ging es bei der Mihna nicht um die Religion. Es ging um Macht.

Entscheidungsbefugnis in Glaubensfragen

Tatsächlich lagen hinter al-Ma᾽muns Handeln zwei Beweggründe. Die Einheit von Staat und Religion, wie sie unter Mohammed noch bestand, hatte sich bereits unter seinen ersten Nachfolgern aufgelöst. Im Laufe des 7. Jahrhunderts bildete sich eine neue Schicht von Gelehrten, die Ulema, die nicht nur den Koran und die Prophetenüberlieferungen bestens kannten, sondern sich zudem mit Fragen der Exegese und der Rechtsfindung befassten. All dies konnten die Kalifen in einem stetig expandierenden Reich, das eine immer komplexere Verwaltung erforderte, nicht mehr leisten. Denn das religiös begründete islamische Recht und auch die großen theologischen Fragen der Zeit, entstanden nicht im Rahmen der Reichsbildung, sondern letztlich unabhängig vom Kalifat, mal in Konfrontation mal in Kooperation mit den Herrschenden.
Die Herrscher aus der Dynastie der Abbasiden waren jedoch nicht mehr bereit, diesen Umstand zu akzeptieren. Sie waren 751 durch einen religiös motivierten Aufstand an die Macht gekommen, und leiteten ihren Herrschaftsanspruch daraus ab, dass ihr Stammvater Abbas ein Onkel Mohammeds gewesen war und sie also der gleichen Familie entstammten. In ihrem Selbstverständnis oblag es dem Kalifen als Führer der muslimischen Gemeinschaft und ausgestattet mit einem tieferen, spirituellen Verständnis der Offenbarung, die Muslime vor Fehlern und Irrtümern zu bewahren. Die über die Jahrzehnte mächtig und einflussreich gewordenen Ulema waren für al-Ma᾽mun  daher eine nicht zu tolerierende Herausforderung seiner Macht.
Der zweite Grund für die islamische Inquisition lag im erst wenige Jahre zurück liegenden Krieg gegen seinen Bruder al-Amin (809‒813). Harun al-Raschid hatte vor seinem Tod verfügt, dass al-Amin ihm als Kalif nachfolgen, al-Ma᾽mun  aber den Osten des Reiches als eigenen Herrschaftsbereich erhalten und zudem al-Amin beerben sollte. Als dieser schließlich 811 versuchte, den Osten zurückzuerobern und seinen eigenen Sohn zum Thronfolger erhob, brach ein Bürgerkrieg aus, in dem sich der Großteil der Traditionalisten hinter al-Amin stellte. Zwar hatte sich al-Ma᾽mun  nach seinem Sieg zunächst um einen Ausgleich mit den einflussreichen Traditionsgelehrten bemüht. Doch sein Misstrauen gegen sie und sein Zorn darüber, dass sie, so sah er es, seinen Bruder gegen ihn instrumentalisiert hatten, war nie verflogen.

Der Machtverlust des Kalifats

Während das Ansehen der Traditionsgelehrten in der Bevölkerung über die während der 15 Jahre ihrer Verfolgung hinweg stark gestiegen war, hatte das Amt des Kalifen einen empfindlichen Prestigeverlust erlitten. Für den Islam war das Ergebnis der Mihna konstitutiv. Nach ihr erhob kein Kalif mehr den Anspruch auf eine Entscheidungshoheit oder auch nur ein Mitspracherecht in Glaubensfragen. Gleichzeitig führte sie indirekt zum politischen Bedeutungsverlust der Kalifen. Denn angesichts der durch die Religionspolitik al-Ma᾽muns zunehmend feindlich gesonnenen Bevölkerung Bagdads, hatte al-Muʿtasim den Bau einer neuen Residenzstadt angeordnet, in die er und seine Familie sich schließlich unter dem Schutz ihrer türkischen Elitesoldaten zurückzogen. Abgeschirmt vom Rest ihres Reiches, verloren die Kalifen allmählich die reale Macht an ihre Militärkommandeure, die Sultane, die schließlich die Regierung kontrollierten und ihre nominellen Herren unter Hausarrest hielten. Die Provinzgouverneure nutzten diesen Umstand aus, um sich schließlich gänzlich unabhängig zu machen. Bereits um 900 erstreckte sich der tatsächliche Herrschaftsbereich des Kalifats nur noch über den Irak und Syrien.

Weiterführende Literatur:
Crone, Patricia/ Hinds, Martin: God’s Caliphs. Religious Authority in the first Centuries of Islam, Cambridge 1986.
Nawas, John A.: Al-Ma᾽mun  – Mihna and Caliphate, Nijmegen 1992.
Zaman, Muhammad Qasim: Religion and Politics under the early Abbasids. The Emergence of a proto-sunni Elite, Leiden 1997.

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