Kitcheners Feldzug gegen das Reich der Derwische und die Schlacht bei Omdurman 1898 (1)

Teil 1 Das Desaster von Karthum

Von Dr. Klaus-Jürgen Bremm, Osnabrück

Muhammad_Ahmad_al-Mahdi

Muhammad Ahmad al-Mahdi

In der Nacht zum 5. Februar 1885 war im Kriegsministerium an der Pall Mall die telegraphische Nachricht eingegangen, dass Karthum am 26. Januar nach zehnmonatiger Belagerung in die Hände der Armee Mohammed Achmets, des so genannten Mahdi, gefallen sei.  Die Meldung aus dem fernen Sudan versetzte das geschäftige London in Schockzustand.

Sir Garnet Wolseleys Expedition zur Rettung der sudaneschen Hauptstadt und ihres beherzten Verteidigers, General Charles G. Gordon, hatte sich zwar mit zwei Kanonenbooten bis auf Sichtweite an Karthum herankämpfen können, nur um jedoch beim Anblick der rauchenden Trümmer  des Gouverneurspalastes feststellen zu müssen, dass sie zwei  ganze Tage zu spät gekommen war. Über das Schicksal des Generalgouverneurs, der im ganzen Empire als „Chinese Gordon“ bekannt und populär war, herrschte noch einige Tage Ungewissheit. Am 11. Februar aber machten Korrespondentenmeldungen aus Ägypten die Demütigung des Weltreiches perfekt. Gordon war von den Mahdisten beim Sturm auf die Stadt getötet und sein abgeschlagener Kopf im Triumpf herum gereicht worden.

Menschliche Größe und politische Fehlentscheidung

Tod von General Gordon bei Khartoum / J.L.G. Ferris, 1895

Tod von General Gordon bei Khartoum / J.L.G. Ferris, 1895

Ganz unschuldig an seinem gewaltsamen Ende war der eigenwillige Offizier und Günstling der Queen allerdings nicht. Als die ägyptische Regierung den engagierten Feind des sudanesischen Sklavenhandels im Frühjahr 1884 zum zweiten Mal als Gouverneur in den Sudan geschickt hatte, lautete sein klarer Auftrag,  Beamte, Geschäftsleute und die verbliebenen Garnisonen aus dem Land zu evakuieren. Ägypten hatte das riesige Territorium zwischen Äthiopien und der Sahara, das hauptsächlich von arabisierten Stämmen bevölkert war, 1819 besetzt und seither mehr oder weniger schlecht verwaltet. Doch gegen den religiösen Fanatismus der Anhänger Mohammed Achmets hatten die zwar gut ausgerüsteten, aber unmotivierten Truppen des Khediven in Kairo, der seinerseits seit 1882 unter britischer Oberhoheit stand, keine Chance. So war, auch auf Druck Londons, die Entscheidung gefallen, die südliche Kolonie aufzugeben. Gordon hatte jedoch schon bald nach seiner Ankunft in der sudanesischen Kapitale am Zusammenfluss von Weißen und Blauen Nil erkennen müssen, dass in dem sich wie ein Flächenbrand ausbreiteten Aufstand der islamischen Glaubenskämpfer mit den verfügbaren Truppen eine geordnete Evakuierung nicht mehr möglich war. So hatte er sich dazu entschlossen, mit der bedrohten Bevölkerung in Karthum auszuharren und damit dafür gesorgt, dass der spektakuläre Fall der Stadt in den Augen der Weltöffentlichkeit nicht bloß als eine Niederlage Ägyptens erschien, sondern als politisches Desaster eines Empires, dessen Glanz schon unlängst durch bittere Rückschläge gegen Afghanen und Zulus einige Flecken abbekommen hatte.

Der koloniale Wettlauf um den schwarzen Kontinent

Für die liberale Regierung des britischen Premiers William Gladstone, dem ergrauten politischen Urgestein jener stolzen Epoche, bedeutete der Fall Karthums das abrupte Ende seiner langen Karriere, lastete man in London doch gerade ihm die verspätete Entsendung der britischen Rettungsexpedition an.  Trotz der allgemeinen Empörung, der Scham und der Trauer über Gordons Untergang dauerte es jedoch mehr als zehn Jahre, ehe das Inselreich ernsthafte Anstrengungen auf sich nahm, den Tod des Generals zu rächen und den Sudan unter eigene Kontrolle zu bringen. Denn inzwischen hatte der Wettlauf der europäischen Großmächte um die letzten weißen Flächen auf dem „Schwarzen Kontinent“ mit aller Macht begonnen, das so genannte Scramble for Africa, in dem Frankreich, der alte koloniale Rivale jenseits des Kanals versuchte, ein zusammenhängendes Territorium zwischen dem Senegal und Abessinien zu erwerben. Französischen Waffen war auch der überraschende Sieg der Äthiopier unter Kaiser Melik II.  gegen die Italiener am 1. März 1896 bei Aduwa zu verdanken, der eine weitere Zusammenarbeit beider Mächte am Horn von Afrika erwarten ließ. Die kolonialen Ambitionen des Pariser Quai D‘ Orsai  kollidierten allerdings mit den populären Plänen britischer Imperialisten in Südafrika, eine direkte Verbindung vom Kap nach Kairo herzustellen. Andere Kolonialmächte wie Deutschland und Belgien bekundeten ebenfalls Ambitionen in Ostafrika, so dass sich London mehr und mehr dazu gedrängt sah, seine Ansprüche auf den oberen Nil durch eine erfolgreiche Militäraktion zu bekräftigen. Im Frühsommer 1896 begannen schließlich die ersten militärischen Operationen einer anglo-ägyptischen Armee gegen die Mahdisten, deren Macht bis südlich Wadi Halfa reichte, einer Stadt oberhalb des zweiten Nilkataraktes, nur einige Kilometer südlich der heutigen ägyptisch-sudanesischen Staatsgrenze.

Anglo-ägyptischer Marsch auf Karthum

River_War_1-7_Rail_and_RiverDa der charismatische und als islamischer Messias verehrte Mohammed Achmet bereits fünf Monate nach seinem spektakulären Sieg über General Gordon an Typhus verstorben und in dem weithin sichtbaren Grabmal seiner neuen Hauptstadt Omdurman bestattet worden war, hatte einer seiner Stellvertreter, der militärisch erfahrene und skrupellose Kalifa Abdullahi, die Macht im Sudan übernommen. Dessen brutale  Militärdiktatur, aber auch verheerende Dürren hatten das Land in nur einer Dekade entvölkert und ruiniert. Gleichwohl aber war die so genannte Armee der Derwische  immer noch ein beachtlicher Gegner. Annähernd 100.000 Kämpfer konnte der Kalifa mobilisieren: Seine Kontingente unterstanden fanatischen Anführern und verfügten zum Teil auch über europäische Bewaffnung, ja sogar über einige Krupp-Geschütze und Mitrailleusen. Diesen noch über einen riesigen Raum verstreuten Kräften stand inzwischen eine neue ägyptische Streitmacht gegenüber, die Dank britischer Instruktoren, besserer Ausbildung und regelmäßiger Bezahlung kaum noch mit den bemitleidenswerten Gestalten zu vergleichen war, die nur eine Dekade zuvor von den Truppen des Mahdi wie Vieh aus dem Lande vertrieben oder massakriert worden  waren. Den Befehl über die neue anglo-ägyptischen Armee führte der 46-jährige Generalmajor Herbert Horatio Kitchener, ein ehrgeiziger Pionieroffizier, der mit den Verhältnissen des Orients bestens vertraut war und sogar Arabisch sprach, womit er selbst im britischen Offizierskorps eine bemerkenswerte Ausnahme darstellte. Der spätere Kriegsminister und Schöpfer der britischen Wehrpflichtarmee im Ersten Weltkrieg ging äußerst methodisch vor und rückte mit seiner zunächst  kaum  10.000 Mann starken Armee nur soweit entlang des Nils vor, wie es der Ausbau der von Assuan kommenden Eisenbahnlinie zuließ.  Eine regelmäßige Versorgung der Truppe über den Fluss war dagegen nicht möglich. Zwischen Wadi Halfa und Karthum hatte der Nil die Form eines schräg gestellten „S“, auf dem sich in etwa gleichen Abständen fünf Katarakte verteilten, die nur im Hochsommer und auch dann nur mit Risiko schiffbar waren. Die sieben mitgeführten Kanonenboote, darunter zwei moderne Exemplare aus Großbritannien, mussten daher von Tausenden von Helfern über die gefährlichen Stromschnellen gezogen werden.

Teil 2: Das Empire schlägt zurück

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit

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