Kitcheners Feldzug gegen das Reich der Derwische und die Schlacht bei Omdurman 1898 (2)

Teil 2 Das Empire schlägt zurück

Von Dr. Klaus-Jürgen Bremm, Osnabrück

Herbert Kitchener, 1. Earl Kitchener of Karthoum als Sirdar, 1900

Herbert Kitchener, 1. Earl Kitchener of Karthoum als Sirdar, 1900

13 Jahre nach dem tragischen Tod General Gordons, dem populären Generalgouverneur von Karthum, drang eine anglo-ägyptische Armee im Spätsommer 1898 bis nach Omdurman am Nil vor und zerstörte mit ihrer modernen Bewaffnung das schaurige Reich der Derwische an einem einzigen Tag.

Am 7. Juni 1896 schlug Kitcheners Armee aus Ägyptern und Sudanesen nach einem schwierigen Nachtmarsch bei Firket, einer unbedeutenden Ansammlung von Lehmhäusern entlang des linken Nilufers, einige Tausend Derwische in die Flucht.  Bis zum Jahresende gelang es Kitcheners Truppen im engen Zusammenwirken mit seinen Kanonenbooten, ganz Dongala, die nördlichste Provinz des Sudan, zu besetzen. Dann aber stockte der Vormarsch entlang des Nils beinahe für ein ganzes Jahr.

Logistik in den Sand gesetzt

Ohne eine funktionierende Eisenbahnlinie im Rücken war an eine Konfrontation mit der Hauptmacht der Derwische nicht zu denken. Kitcheners Entschluss, eine direkte Eisenbahnlinie von Wadi Halfa quer durch die wasserlose nubische Wüste bis Abu Hamed bauen zu lassen und damit den oberen Bogen des schräggestellten „S“ abzuschneiden, erschien zunächst als tollkühnes Unternehmen, erwies sich aber als gut überlegt. Dank akribischer Vorbereitungen, die der Sirdar (so der indische Titel des Oberbefehlshabers) höchstpersönlich überwachte, schlossen rund 2000 Arbeiter den Bau der etwa 380 km langen Wüstenbahn in nur fünf Monaten ab. Am 1. November 1897 erreichten die Gleisarbeiten Abu Hamed, das bereits drei Monate zuvor von einer entlang des Nils vorstoßenden anglo-ägyptischen Kolonne erobert worden war. Damit stand Kitcheners auf 15.000 Mann angewachsene Armee nur noch 400 Km von Omdurman entfernt. Inzwischen hatte sich Abdullahi dazu entschlossen, dem Gegner erst in der Nähe seiner Hauptstadt mit allen seinen Truppen entgegenzutreten. Seinen immer stärker zweifelnden Anhängern verkündete er diesen Entschluss als Offenbarung des verstorbenen Mahdi, der ihn ermahnt habe, die Armee der Derwische nicht wie bisher in Verteidigungsgefechten zu verzetteln, sondern sie geschlossen vor den Toren Omdurmans gegen die Ungläubigen zu führen. Dass er es aber nicht mehr mit so leichten Gegnern zu tun hatte, gegen die sein charismatischer Vorgänger noch so erfolgreich war, zeigte sich schon in der Schlacht an der Atbara (einem rechten Nebenfluss des Nils) am 8. April 1898, als einer von Abdullahis Unterführern mit seinem Kontingent von Kitcheners Truppen praktisch aufgerieben wurde.

Vormarsch auf Schienen

Der Kalifa unterschätzte jedoch nicht nur die verheerende Wirkung moderner raucharmer Schusswaffen, wie dem neuen Lee-Metfort Magazingewehr, sondern auch die logistischen Kapazitäten der Eisenbahn, die Kitchener inzwischen von Abu Hamed  bis zum Lager „Atbara“ hatte fortführen lassen. In diesem großen Depot am Zusammenfluss von Nil und Atbara, das nur noch 200 km von Omdurman entfernt lag, hatte der „Sirdar“ bis zum Juni 1898 Vorräte für insgesamt drei Monate lagern lassen. Seine Truppen waren zudem durch zwei britische Infanteriebrigaden und ein Regiment Husaren, dem auch der spätere britische Kriegspremier Winston Spencer Churchill angehörte, auf 26.000 Mann angewachsen.  44 modernste Geschütze, zwei Dutzend Maxim-Maschinengewehre sowie zehn Kanonenboote auf dem Nil unterstützten Kitcheners Brigaden, die in je einer britischen und ägyptischen Division zusammengefasst waren.

Begegnung zweier militärischer Welten

Derwisch-Krieger, Mahdi-Krieg im Sudan (1881- 1899). Gravur, Ende 19. Jahrhundert

Derwisch-Krieger, Mahdi-Krieg im Sudan (1881- 1899). Gravur, Ende 19. Jahrhundert

Der Beginn des Nilhochwassers im August gab das Signal für den letzten Akt des dreijährigen Feldzuges gegen die Derwische. Bereits am Morgen des 1. Septembers 1898 erreichte die britische Kavallerie nach einem beinahe ungestörten Marsch die Umgebung Omdurmans. Von der an den Fluss angelehnten Schulter des Kerreri-Kamms, eines zerklüfteten Felsmassives, das die rechte Grenze des zukünftigen Schlachtfeldes bildete, bot sich den Husaren der 21. Lancers in etwa zehn Kilometern Entfernung der Anblick eines unübersehbaren Gewimmels von Lehmhütten auf dem linken Nilufer, das von der eiförmigen Kuppel des Mahdi-Grabmales überragt wurde. Auf der anderen Seite des Stromes erkannten sie die verlassenen Ruinen der alten Hauptstadt Karthum. Von der Armee des Kalifa war jedoch nichts zu sehen. Viele Offiziere glaubten sogar, dass sich die Derwische, da sie den Briten auch schon den wichtigen Shabluka-Pass am 6. Katarakt kampflos  überlassen hatten, inzwischen zerstreut hatten und zeigten sich enttäuscht über den scheinbar entgangenen Kampf. Dann aber änderte sich das Bild innerhalb nur weniger Minuten. Im flimmernden Wüstensand zeichneten sich allmählich die Konturen einer gewaltigen Armee ab, die den anglo-ägyptischen Truppen mindestens um das Doppelte überlegen war und aus der Deckung, die der dunkle Block des Surgham-Hills ihnen geboten hatte, jetzt  in der Ordnung einer Parade rasch in Richtung Nil vorrückte.

Showdown am Nil

Für den jungen Lieutenant Winston Churchill, der den Feldzug als „War Correspondent“ begleitete und später ein viel beachtetes Buch (River War) darüber verfasste, schien dies der großartigste Moment in seinem Leben zu sein: Auf einer Breite von fünf Meilen funkelten wohl 40.000 Speerspitzen in der Sonne, dazu der anschwellende Schall der Hörner und Trommeln und das tiefe Gemurmel einer großen Zahl feindlicher Truppen. Etwas Beeindruckenderes und Furchterregendes glaubte er nie wieder in seinem Leben zu sehen. Kitchener, dem er die Meldung nach einem Parforceritt überbrachte, schien jedoch nicht sonderlich beunruhigt. Er lud den jungen Offizier sogar dazu ein, an seinem Mittagstisch teilzunehmen und zusammen mit seinem Stab dinierte er in aller Ruhe auf weißen Tischdecken, während sich kaum anderthalb Marschstunden entfernt die Armee der Derwische zum Angriff formierte. Tatsächlich begannen die Kampfhandlungen jedoch erst früh am nächsten Morgen, nachdem Kitcheners Brigaden ein halb befestigtes Lager am Nilufer zwischen dem Kerreri-Kamm im Norden und dem Surgham-Hill im Süden bezogen hatten. Dort erwartete die anglo-ägyptische Armee, flankiert von den Kanonenbooten auf dem Nil,  den ersten Angriff der Derwische. Der Plan des Kalifa zielte darauf, den Gegner vom Strom und den Schutz seiner Artillerie wegzulocken, um ihn anschließend im offenen Gelände mit seinen noch versteckt gehaltenen Reserven aufzureiben. Nur mit einem Drittel seiner Armee griff er die am Flussufer im Halbkreis aufgestellten Brigaden Kitcheners an, während sich ein weiteres Drittel der Derwische unbemerkt hinter dem Kerreri-Kamm sammeln konnte.

Kanonenfutter

Den wütenden Ansturm einer Masse von rund 12.000 Männern mit ihren Standarten, Sperren und Schwertern konnte der Lieutenant Churchill mit den Offizieren seines Regiments von ihrer flankierenden Position auf dem Surgham-Hill in allen Einzelheiten beobachten: An diesem letzten Tag seiner Existenz waren die ganze Macht und der ganze Stolz des Reiches der Derwische versammelt. „Die Fahnen über ihnen  – eine Flut von vielleicht 500 Stück – erschienen aus der Entfernung weiß, obwohl sie mit Koranversen beschrieben waren. Ihre bewundernswürdige Aufreihung ließ die Armee des Kalifa wie ein alte Darstellung von Kreuzrittern im Teppich von Bayeux aussehen.“ Mit lautem Kriegsgeschrei stürmten die Männer voran, verschwanden plötzlich in einer Bodensenke, tauchten dann wieder auf und warfen sich ihren Feinden entgegen. Doch ein direkter Zusammenstoß mit den Schulter an Schulter in zwei Reihen stehenden Schützen der anglo-ägyptischen Armee kam nicht zustande. Ein Hagel von Dum-Dum-Geschossen aus den Lee-Metfort Gewehren und den Granaten von vier Batterien Feldhaubitzen zerschlug im Zusammenwirken mit den Geschützen der Kanonenboote die sich rasch lichtenden Angriffswellen der Derwische etwa 700 Meter vor der britischen Verteidigungsstellung. Der Angriff kam zum Stehen, als die letzten Streiter des Kalifa über die rund 7000 getöteten oder verwundeten Kameraden stolperten und schließlich auch getroffen zu Boden stürzten.

Überraschungen und Hinterhalte

The Battle of Omdurman, 1898

Die Schlacht von Omdurman, 1898

Nach diesem leicht errungenen Erfolg entschloss sich Kitchener, sofort mit der Masse seiner Brigaden nach links auf Omdurman zu schwenken, um die Stadt so schnell wie möglich zu besetzen. In seiner Sorge vor einen verlustreichen Häuserkampf mit der immer noch zahlenmäßig überlegenen Armee der Derwische hatte er jedoch übersehen, dass beträchtliche Teile des Gegners bisher noch gar nicht in den Kampf eingegriffen hatten und in ihren gedeckten Aufstellungen nur darauf warteten, die britischen Brigaden einzeln im offenen Gelände zu attackieren. Noch ehe aber dieser Plan des Kalifa ausgeführt werden konnte, geriet Churchills Husarenregiment, das entlang des Nils auf direkten Wege nach Omdurman unterwegs war, in einen Hinterhalt von fast 3000 Derwischen, die sich in einer Senke am Stadtrand von Omdurman versteckt gehalten hatten. Der spontane Befehl des Regimentskommandeurs zur Frontalattacke erwies sich als fatal. Von 400 angreifenden Kavalleristen wurden innerhalb nur einer Minute 65 Männer getötet oder verwundet, ein Sechstel der britischen Gesamtverluste an diesem Tag.  Der spätere Kriegspremier überlebte diese letzte Kavallerieattacke der britischen Armee offenbar nur, weil er – mitten im Galopp – wegen eines früher ausgekugelten Armes seinen Säbel gegen die im Halfter mitgeführte Pistole austauschte. Damit konnte er sich gegen die Derwische, die ihn und seine Kameraden jetzt wie Mücken anfielen, wirkungsvoller vom Leibe halten. Etwa zur gleichen Zeit geriet weiter draußen in der Wüste die letzte von Kitcheners Brigaden in den geplanten Hinterhalt des Kalifa und behauptete sich nur mit Mühe und Dank des beherzten Eingreifens ihres Brigadekommandeurs Hector MacDonald gegen die mehrfache Übermacht der Derwische.

Die Rache des Empire

Hätten die Angreifer ihre Attacken sorgfältiger auf einander angestimmt, so wären die vier Sudanesen-Bataillone wohl vernichtet worden. So aber endete diese letzte Phase der Schlacht für die Derwische in einem erneuten Massaker, das die anderen, wieder zurück geeilten Brigaden, noch vervollständigten. Nach diesem neuerlichen Debakel löste sich ihre Armee, obwohl dem Gegner immer noch numerisch überlegen, rasch auf.  Vergeblich bemühte sich der Kalifa, wenigstens einen Teil seiner Leute zur Verteidigung Omdurmans zu sammeln. Schließlich musste er mit wenigen Getreuen in die Wüste fliehen, während seine Hauptstadt kampflos in Kitcheners Hände fiel. Der „Sirdar“ schonte zwar die sich jetzt in Scharen ergebenden Derwische, nicht aber das Grabmal des Mahdi und dessen Leichnam. So tief saß bei vielen immer noch der Groll über Gordons Tod. Nur Lieutenant Churchill wagte später in seinem Buch die Leichenschändung als kaum vereinbar mit der Würde des Empire zu kritisieren.

Doch dies war alles nur eine Episode in einem viel größeren Spiel. Schon zwei Wochen nach seinem Sieg bei Omdurman  stieß Kitchener  am 18. September 1898 etwa 700 km weiter südlich bei Faschoda am oberen Nil auf ein französisches Kontingent unter dem Befehl  von Major Jean Baptiste Marchand und für wenige dramatische Tage schien sogar ein Krieg zwischen den beiden europäischen Großmächten möglich. Keiner der Beteiligten aber ahnte damals, dass der kampflose Rückzug der Franzosen eine neue Phase in den Beziehungen der beiden Großmächte einleitete, die schließlich 1904 in der „Entente Cordiale“ gipfelte.

Fazit:

Die Schlacht bei Omdurman gegen die Derwische markiert eine Wasserscheide in der kolonialen Kriegführung. Erstmals setzte eine europäische Macht das volle Potential seiner modernen Militärtechnik gegen einen bis dahin durchaus gleichwertigen Gegner ein.  Doch der Einsatz von Magazin-Gewehren, Brisanzmunition und einer ausgefeilten Eisenbahnlogistik ließ der Armee der Derwische bei aller Tapferkeit kaum eine Chance.

Teil 1 Das Desaster von Karthum

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit

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