Der Londoner Universalfriedensvertrag von 1518

von Florian Heydorn

Kardinal Thomas Wolsey

Kardinal Thomas Wolsey

Brügge, 15. August 1521: Es war ein absonderliches Schauspiel, welches sich den Bewohnern der Stadt bot. An der Spitze eines Zuges von über 1000 englischen Soldaten ritten zwei Männer wie Gleichgestellte nebeneinander durch die Stadt, sich angeregt miteinander unterhaltend. Dabei war der Rangunterschied zwischen ihnen nicht eben unbedeutend. Der eine, Karl V., war als Kaiser des römisch-deutschen Reiches und König von Spanien der mächtigste Herrscher der Christenheit. Der andere, Thomas Wolsey, war ungekrönt, ein Kardinal immerhin, und Kanzler des Königs Heinrich VIII. von England. Vier ganze Tage hatte Wolsey Karl warten lassen. Doch der Kaiser nahm es hin, wollte er seinen englischen Gast doch dazu bringen, dessen lästige Vermittlungsbemühungen im Konflikt mit Frankreich endlich einzustellen und stattdessen ein Kriegsbündnis zu schmieden. Wolsey hingegen wollte Karl drängen, endlich ernsthaft über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Denn wo Karl V. Krieg wollte, strebte Wolsey danach, die erst drei Jahre alte Universalfriedensordnung von London zu retten.

Den Krieg zu ächten

Für Gelehrte wie den großen Humanisten Erasmus von Rotterdam musste der 1518 zwischen Frankreich, England, dem Heilige Römischen Reich Deutscher Nationen, dem Kirchenstaat, Spanien, dem Herzog von Burgund und den Niederlanden geschlossene Vertrag von London wie die Verwirklichung eines großen Traumes gewirkt haben. Zwei Jahre lang hatten Abgesandte aller europäischen Herrscher miteinander um eine neue Friedensordnung gerungen; ein Vertragswerk erarbeitet, das Krieg als legitimes Mittel der Politik innerhalb der Christenheit für alle Zeiten ächten sollte. Es war ein ambitioniertes Projekt. Denn seit sich Karl VIII. von Frankreich und Kaiser Maximilian I. 1493 erstmals über die Aufteilung der burgundischen Lande verständigt hatten, nur um bei erstbester Gelegenheit dem anderen seinen Anteil wieder entreißen zu wollen, waren die westeuropäischen Mächte ständig in Kriege untereinander verwickelt. Konkurrierende Erbansprüche in der Lombardei und Süditalien, die seit dem Mittealter bestehende englisch-französische Rivalität sowie durch die spanische Einigung neu entflammte Grenzstreitigkeiten in den Pyrenäen, hatten schließlich zu einem kriegerischen Flächenbrand geführt.
Im Oktober 1518 war es dann soweit: Monarchen und Häuser, die sich wenige Jahre zuvor noch erbittert bekriegt hatten, verpflichteten sich in London zu ewigem Frieden.
Auf wessen Initiative hin die 1516 beginnenden englisch-französischen Gespräche zur Grundlage für die Schaffung einer neuen, stabilen Friedensordnung wurden, ist unklar. Am wahrscheinlichsten ist, dass es die Idee Thomas Wolseys war, der erst kurz zuvor zum Lordkanzler der englischen Krone aufgestiegen war und das Vertragswerk im Auftrag Papst Leos X. aushandelte, um so gegenüber den gekrönten Häuptern Europas mit der moralischen Autorität der Kirche agieren zu können. Dabei gaben sich die zeitgenössischen Beobachter, und auch die Initiatoren Thomas Wolsey und Leo X., keinen Illusionen über die Motive hinter den Unterschriften hin. Sie wussten wohl, dass sich kaum einer der Vertragspartner mit den hehren Friedensidealen der Humanisten identifizierte, und wohl noch weniger von einem christlichen Gemeinschaftsgefühl leiten ließen.

Frieden durch kollektive Sicherheit

Dass die meisten Fürsten weniger von Friedensliebe, als vielmehr von Kriegsmüdigkeit und leeren Kassen angetrieben worden sein dürften, war zweifellos eine schwere Hypothek für die Zukunft. Dennoch war London 1518 ein beeindruckender Versuch, erstmals ein internationales System kollektiver Sicherheit zu etablieren. Denn jeder Unterzeichner verpflichtete sich, auch für seine Nachkommen, nicht nur zu gegenseitigem Frieden, sondern auch zu gegenseitiger Hilfeleistung für den Fall jedweden Angriffes. Jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines der Vertragspartner einschließlich der Unterstützung von Aufständischen wurde ebenso verboten, wie die Aufnahme flüchtiger Insurgenten. Und das freie Söldnertum, das den Kriegsgegnern erst die Möglichkeit bot immer wieder neue Armeen gegeneinander ins Feld zu führen, sollte abgeschafft werden. Hierzu verpflichtete der Londoner Vertrag alle Unterzeichner zu geeigneten Maßnahmen, um den Dienst ihrer Untertanen in den Armeen anderer Monarchen zu verhindern. Sollte es dennoch zu einem Konflikt kommen, so waren die Vertragspartner verpflichtet, dem Angegriffenen beizustehen und den Aggressor ultimativ zur Einstellung aller Kampfhandlungen sowie zu Schadensersatzleistungen zu verpflichten. Falls der Angreifer sich dem verweigerte, würde dann die kollektive Beistandsgarantie greifen und die Vertragspartner wären verpflichtet, binnen eines Monats den Krieg zu erklären. Gleichzeitig garantierten alle Unterzeichner den Besitzstand des jeweils anderen zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses, was letztlich auch immer einem Verzicht gleichkam.

Vom Ideal zur Realität

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Allegorie auf Kaiser Karl V. als Weltenherrscher“ (Gemälde von Peter Paul Rubens, um 1604). Der Spruch: „In meinem Reich geht die Sonne niemals unter“ wird Karl V. zugesprochen.

Wolsey muss klar gewesen sein, dass der Tod eines der Vertragspartner zu einem ersten schweren Stresstest für sein Vertragswerk werden würde. Denn warum sollten sich in einer Welt, in der königliche Souveränität gottgegeben ist, die Erben an die Zusagen ihrer Väter halten? Und tatsächlich sollte genau dieser Fall bereits 1519 eintreten. Nach dem Tod Maximilians I. wählten die deutschen Kurfürsten seinen Enkel, den jungen spanischen König Karl V. zum neuen Kaiser und erteilten den Avancen des ehrgeizigen französischen Königs Franz II. eine Absage. Damit waren die Weichen für den kommenden Konflikt gestellt. Denn Karl, dessen gleichzeitige Herrschaft über das Reich und Spanien das europäische Mächtegleichgewicht zu sprengen drohte, lehnte die Teilung der burgundischen Lande (sein Erbe von Großmutter Maria) entschieden ab. Er sollte bis zu seinem Tod versuchen diese Übereinkunft zwischen Karl VIII. von Frankreich und Kaiser Maximilian I zu revidieren.
European_dominions_of_Charles_V_(1519)Bereits in seinen Jugendjahren hatte er sich zu einem entschiedenen Gegner Frankreichs entwickelt. Nun wollte er seine neue Machtstellung nutzen, um seinem Konkurrenten Franz in einem ersten Schritt das Herzogtum Mailand wieder abzusprechen, was allerdings einen Verstoß gegen die Besitzstandgarantien des Londoner Vertrages bedeutete. Wenngleich Karls Absichten wegen der Aufstände in Spanien und seine infolge großzügiger Wahlspenden geleerten Kassen zunächst ohne Konsequenzen blieben, signalisierte das Auftreten des Kaisers dem französischen König dennoch akuten Handlungsbedarf. Erste Versuche des englischen Kanzlers, zwischen Franz und Karl zu vermitteln, blieben ergebnislos.  Tatsächlich führten sie eher zu einer ersten Annäherung zwischen dem Kaiser und Heinrich VIII., der die Aussöhnung mit Frankreich eher aus Sorge um den Erhalt des letzten englischen Festlandbesitzes, der Hafenstadt Calais, vorangetrieben hatte.

Der französische König Franz I.

Der französische König Franz I.

Franz I. wusste nur zu gut, dass sich das Zeitfenster rasch schloss, in dem er gegen Karl vorgehen musste. Als die Aufstände in Spanien zu scheitern drohten, initiierte er 1521 eine weitere Revolte in den spanischen Pyrenäen und ließ zugleich seinen Vasallen Robert de la Marck, dem Karl kurz zuvor seine Besitzungen in Luxemburg entzogen hatte, gegen den Kaiser vorgehen. Es war ein wohl kalkuliertes Unterfangen. De la Marck wurde geschlagen, floh zurück in die vermeintliche Sicherheit französischen Territoriums und wurde von kaiserlichen Soldaten verfolgt. Franz reagierte empört und erklärte nun offen seine Unterstützung für die spanischen Rebellen. Daraufhin legte Karls Kanzlei förmlichen Protest ein und forderte  gemäß dem Londoner Vertrag die Unterstützung insbesondere Englands ein. Franz wies die Beschuldigungen zurück, erklärte Karl zum Aggressor und forderte ebenfalls die Unterstützung der Vertragspartner.

Die Weichen sind gestellt

Der englische König Heinrich VIII.

Der englische König Heinrich VIII.

England, von beiden Seiten umworben, war zu diesem Zeitpunkt keineswegs darauf vorbereitet, binnen Monatsfrist in den Krieg zu ziehen. Es brauchte Zeit, um seine Flotte aufzurüsten und Truppen auszuheben. Zwar verfing Franz` Trick nicht und Thomas Wolsey machte deutlich, dass England Karls Standpunkt unterstützten würde. Zugleich suchte er jedoch nach einer Möglichkeit,  den Krieg, der bereits in vollem Gange war, doch noch zu vermeiden. Mit Verweis auf die eigene Schwäche gelang es ihm, den kriegswilligen englischen Adel ruhig zu stellen und Heinrich VIII. von den Vorzügen einer Vermittlung zu überzeugen, die im Londoner Vertrag nicht vorgesehen war. Während Franz I. sich Wolsey Ansinnen widerwillig beugte, und Gesandte ins englische Calais entsandte, stellte sich die kaiserliche Seite quer. Zwar reiste Karls Kanzler, Mercurino Gattinara, persönlich nach Calais, um an den  Verhandlungen teilzunehmen, wies jedoch wiederholt darauf hin, vom Kaiser nicht autorisiert worden zu sein irgendeiner Vereinbarung zuzustimmen. Stattdessen nutzte er jede Gelegenheit, um Stimmung gegen Frankreich zu machen und forderte wiederholt Englands sofortigen Beistand. Dabei kamen ihm nicht nur die antifranzösische Haltung weiter Teile des englischen Adels zugute, oder Heinrichs VIII. allmählich Oberhand gewinnende Neigung, alte englische Ansprüche gegenüber Frankreich einzufordern. Auch der Papst und Venedig signalisierten Karl V. ihre Unterstützung, wodurch die Chancen einer erfolgreichen Vermittlung zunehmend schwanden. Auch Frankreichs Verständigungsbereitschaft schwankte in dem Maße, in dem sich das Kriegsglück mal der einen, mal der anderen Seite zuneigte.

Das Ende des Londoner Systems

Im August 1521 reiste Thomas Wolsey schließlich, genervt und desillusioniert von den ständigen Querschüssen Gattinaras, nach Brügge, um persönlich mit Karl zu sprechen. Doch die Stimmung in England war endgültig gekippt. Heinrich VIII. drängte auf eine Verständigung mit dem Kaiser. Lange hatte sich Wolsey seinem König verweigert und versucht, ihn von den sich aus einer erfolgreichen Vermittlung für England ergebenden diplomatischen und machtpolitischen Vorteilen zu überzeugen. Doch am 25. August fügte er sich in das Unausweichliche. Das an diesem Tag unterzeichnete Bündnis verpflichtete England, binnen sechs Monaten aktiv in den Krieg gegen Frankreich einzugreifen. Wolseys Vermittlungsbemühungen waren zwar gescheitert. Doch an sich war das Londoner System damit noch nicht tot. Schließlich war England ohnehin verpflichtet, Karl gegen den Angreifer beizustehen. Doch Krieg führen, nur um des Friedens willen? Das war Heinrich VIII. ebenso wie dem Papst, der sich wenige Wochen später dem Bündnis offiziell anschloss, dann doch zu wenig. An die Stelle hehrer Ideale traten nun wieder handfeste Machtinteressen und Gebietsforderungen. England sollte den Krieg indes nur halbherzig führen. Schnell musste Heinrich VIII. erkennen, dass Karl V. nicht willens war, seinen Teil der Abmachung einzuhalten und Heinrichs Eroberungspolitik in Frankreich aktiv zu unterstützen. 1525 schied England zunächst aus dem Krieg aus, um sich später, ebenso wie auch der Papst und Venedig, auf verschiedenen Seiten wieder zu engagieren. Über 30 Jahre sollte der  der Krieg in wechselnden Konstellationen andauern. Damit war das System von London, der erste Versuch einer dauerhaften europäischen Friedensordnung, gescheitert.

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