Lusitania – Kulturgeschichte einer Katastrophe

LusitaniaAls am 7. Mai 1915 ein deutsches U-Boot den Passagierdampfer Lusitania torpedierte, fanden fast 1200 Menschen, darunter viele Kinder und Frauen den Tod. „Mit dieser kaltblütig herbeigeführten Schiffskatastrophe,“ so der Klappentext, „bestätigten die Deutschen ihren Ruf als Barbaren.“ In seinem Buch Lusitania – Kulturgeschichte einer Katastrophe zeigt Willi Jasper auf, dass die Lusitania-Versenkung  als „Urkatastrophe beider Weltkriege“, als „Beginn der Entgrenzung totalitärer Gewalt“ angesehen werden kann.

Während der Untergang der Titanic weltweit einhellige Bestürzung auslöste, stieß die Versenkung der Lusitania auf ein geteiltes Echo, obwohl es sich in beiden Fällen um eine Tragödie gewaltigen Ausmaßes mit ähnlichen Opferzahlen handelte. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Hatten bei der Titanic noch die Mächte der Natur der Hybris des Menschen Grenzen gesetzt, war es im Falle der Lusitania eine Kriegshandlung, die alle bisherigen moralischen und ethischen Konventionen der zivilisierten Welt in Frage stellte. Vorangegangen war der Lusitania-Katastrophe ein maritimes Wettrüsten, dass sich nicht nur auf den Kriegsschiffssektor beschränkte, sondern sich auch im hemmungslosen Wettbewerb der Schifffahrtsgesellschaften auf den Nordatlantikrouten ausdrückte. Mit dieser Entwicklung beschäftigt sich Autor Willi Jasper in seinem ersten Kapitel, um in „Moderne Wikinger?“ die Herausbildung der deutschen U-Boot-Waffe, seiner elitären Protagonisten, der damit verbundenen Heldenverehrung und Mythologisierung eines terroristischen Kulturkampfes  zu behandeln.

Deutsches Heldentum versus westliche Zivilisation

Im Kapitel „Protokoll der Katastrophe“ befasst sich Jasper nur am Rande mit den diversen Verschwörungstheorien, die sich um den Untergang der Lusitania ranken. Vielmehr vermittelt er ein Bild der – wie Thomas Man es ausdrückte  –  „immer noch komfortablen Zivilisation“ an Bord des Riesenliners. Immerhin liest sich die Passagierliste des überfüllten Schiffes wie das who is who der angloamerikanischen Kultur- und Wirtschaftswelt. An Bord herrschte trotz aller Anspannung bei der Fahrt durch das Kriegsgebiet weitgehend gelassene Stimmung. Lediglich ein Eklat beim Bordfest spiegelte symbolisch den Kriegskonflikt zwischen deutsch-österreichischer „Kultur“ und westlicher „Zivilisation“ wider. Eine größere Gruppe Passagiere protestierte gegen das Spielen  Musik der Musik von Johann Strauß. Und während die Passagiere im Salon der Lusitania nach modernen amerikanischen Rhythmen tanzten, erklangen in der enge Röhre des deutschen U-Boots von U-20 die feierlich tragischen Töne von Wagners Opernchören.

Die geistigen Eliten und die Mystifizierung des gerechten Krieges

Der Autor beschreibt die Ereignisse um die Katastrophennacht aus der Sicht von Opfern und Tätern und vermittelt dem Leser anschaulich die Wirkung, die die Lusitania-Katastrophe auf beide Kriegsparteien und deren Zivilgesellschaften ausübte. Auf der einen Seite grenzenloses Entsetzen, auf der anderen heute kaum noch nachvollziehbarerer Hurrapatriotismus, frenetischer Jubel , selbst intellektueller Kulturschaffender. Die waren zum Teil längst vor der Lusitania-Katastrophe in den Strudel der Kriegsbegeisterung hineingerissen worden. So wandten sich 1914 93 deutsche Intellektuelle mit einem „Aufruf an die Kulturwelt“ an die Öffentlichkeit um den Vorwurf der Barbarei u.a. anlässlich des deutschen „Strafgerichts“ im belgischen Löwen am 25. August 1914 zurückzuweisen und den deutschen Militarismus zu verteidigen. „Es ist nicht wahr“, so behaupten unter anderem Gerhart Hauptmann und Max Planck, „dass Deutschland diesen Krieg verschuldet hat“. Und im Vorwort heißt es: „Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kunst erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten.“ Der Schlussappel lautet: „Glaubt uns! Glaubt, dass wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd  und seine Scholle. Dafür stehen wir ein mit unserem Namen und mit unserer Ehre.“

Die Kontinuität zwischen den beiden Weltkriegen

Es ist erstaunlich, wie sich die intellektuelle Elite Deutschlands sowohl im positiven als auch im negativen Sinne im „Kulturkampf“ positioniert hat. Willi Jasper verschafft dem Leser dabei nicht nur einen Überblick über die geistigen Strömungen jener Zeit. Besonders interessant dabei sind auch die Entwicklungen, die die einzelnen Persönlichkeiten im Verlaufe des Krieges und darüber hinaus durchmachen. Und so treffen wir nicht zufällig die Dolchstoßlegende, den Militarismus, das Phänomen des Kulturkampfes, den totalen Krieg, den Nationalismus und Rassismus, die mystisch verklärte Todessehnsucht und – wie der Philosoph und Theologe Ernst Troeltsch im Oktober 1915 formulierte – „die Ursprünglichkeit des metaphysischen Glaubens an die göttliche Weltbestimmung des Deutschtums“ in der Ideologie des Dritten Reiches wieder. Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus kam Troeltsch (Ɨ 1923) nicht mehr direkt in Berührung. Wohl aber die „Helden“ des U-Boot-Krieges, die – sofern sie überlebt hatten – wie viele geistige Brandstifter des Kaiserreiches in führende Positionen von Militär, Marine, Wirtschaft und Politik aufgerückt waren.

Krieg wird von Menschen gemacht

In seinem Epilog „Entgrenzung und Kontinuität“ spannt der Autor den Bogen seiner kulturgeschichtlichen Betrachtung der „industrialisierten Entgrenzung der Gewalt“ bis in die heutige Zeit. „Lusitania – Kulturgeschichte einer Katastrophe“ ist ein sehr lesenswertes Buch, das nicht nur mit Informationen aufwartet, die in dieser Form und im kulturgeschichtlichen Kontext bislang kaum publiziert worden sind. Es regt zum Nachdenken an und lässt auch die heutigen Fragen und Probleme Europas in einem neuen Licht erscheinen. Bei der Beurteilung aktueller Konflikte dürfte dabei  auch folgende Aussage des Autors zur 2014 wieder einmal vehement diskutierten Schuldfrage beim ersten Weltkrieg nützlich sein: „In Kriege schliddert man nicht hinein – sie werden nicht zufällig von Technologien provoziert, sondern von Menschen organisiert und von Ideologien und kulturhistorischen Traditionen vorbereitet.“

Willi Jasper: Lusitania. Kulturgeschichte einer Katastrophe. be.bra verlag 2015. Gebunden mit Schutzumschlag, 208 Seiten.

2 Kommentare

Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, Rezension

2 Antworten zu “Lusitania – Kulturgeschichte einer Katastrophe

  1. Die politisch stark verbogene Brille des Kulturschriftstellers verstellt ihm leider den Blick für das brutale Machtspiel anglo-amerikanischer der Politik- und Wirtschaftsinteressen.

    • Der Zustand der Brille des Autors ist mir nicht bekannt😉 . Tatsächlich leugnet der Autor das allseits bekannte brutale Machtspiel anglo-amerikanischer Politik- und Wirtschaftsinteressen nicht. Sein Buch hat allerdings die Kulturgeschichte einer Katastrophe zum Gegenstand und zitiert dabei nachprüfbare zeitgenössische Quellen.

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