Gertrude Bell – Das Raunen und Tuscheln der Wüste

Eine Reise durch das alte Syrien

018Als der legendäre Lawrence von Arabien 1909 erstmals durch Syrien und Palästina reiste, um die Architektur von Kreuzfahrerburgen zu studieren, da hatte die lange in Vergessenheit geratene Archäologin und Geheimagentin Gertrude Bell ihre erste große Expedition in dieser Region längst hinter sich. 1905 durchquerte sie als erste Europäerin allein die syrische Wüste, lediglich begleitet von Maultiertreibern, einem Koch, (einheimischen) Soldaten und einem einheimischen Führer. Beim ersten Treffen zwischen Lawrence und Bell 1911 bei archäologischen Grabungen im Süden der Türkei, war sie längst eine Berühmtheit und er ihrer Einschätzung nach „Ein interessanter Junge. Wird ein Reisender.“.
„Das Raunen und Tuscheln der Wüste“ ist die Übersetzung des Tagebuches, das Gertrude Bell auf ihrer ersten großen Expedition von Jerusalem über Damaskus, Homs, Aleppo nach Antiochia – dem heutigen Antakya in der Türkei – geführt hat.

In ihrem Vorwort beschreibt die Übersetzerin Ebba D. Drolshagen Bells Leben, die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe und Rahmenbedingungen, die die Leistung der wagemutigen und hochintelligenten Frau ins rechte Licht rückt. Zwar wurde der schwerreichen Upperclass-Engländerin ein gewisser diplomatischer Schutz durch die mächtigen Männer des Orients zuteil, in den Gebieten, die sie durchreiste, war der jedoch nicht unbedingt allgegenwärtig. Ihr diplomatisches Geschick, die intime Kenntnis der Sitten und Gebräuche der unterschiedlichen Ethnien und Glaubensrichtungen, der politischen Strukturen und persönlichen Verbindungen, ihre körperliche Robustheit und sicherlich nicht zuletzt das durchaus berechtigte Selbstbewusstsein halfen ihr nicht nur Gefahren zu bestehen, sondern auch, gefährliche Situationen richtig einzuschätzen.

Die vielschichtige Welt des Orients

Im Reisebericht ist viel von der Persönlichkeit Gertrude Bells zu erspüren. Beispielsweise wenn sie im ersten Abschnitt „Von Jerusalem nach Salt“ ihre Begleiter beschreibt. So der alte zahnlose Mann, einer der drei Maultiertreiber. Er „murmelte unablässig vor sich hin, Segnungen und fromme Sprüche, dazu Beteuerungen der Ergebenheit gegen seine gnädigste Frau Auftraggeber, womit seine Anstrengungen, zum Wohne aller beizutragen, erschöpft waren“. Eine typische Beschreibung von Vorzügen und Schwächen der jeweiligen Begleiter aber auch der hochrangigen Gastgeber, denen sie unabhängig von ihrer persönlichen Einschätzung und Sympathie immer mit Respekt begegnete. Bells Tagebuch liest sich wie eine Plauderei über Land und Leute, amüsant, harmlos, spannend. Und doch ist es gespickt mit politischen und gesellschaftlichen Analysen, Landschaftsbeschreibungen, philosophischen Betrachtungen und Dialogen, die den Leser tief in die vielschichtige Welt des Orients hineinziehen.

Geheimagentin im Dienste ihrer Majestät

Dem Leser begegnen Christen, Drusen und Kurden, kleine und große Beamte des osmanischen Reiches, Scheichs und Sultane. Er findet sich in Palästen, in kargen Wüstenlagern oder in Zelten der Beduinen wieder, erlebt Überfälle und schier unwegsame Passagen in Gebieten, die kaum ein Europäer zuvor – geschweige denn eine Europäerin – gesehen hat. Und immer wieder ertappt er sich dabei, dass er froh ist, in diesem so unendlich komplizierten Gebilde zahlloser Stämme, Ethnien, Glaubensrichtungen, Herrschaftsverhältnissen und Gebräuchen Gertrude Bell mit ihrem untrüglichen Gespür für die Situation an seiner Seite zu haben. Kein Wunder, dass sie als die wohl kompetenteste Beraterin der Engländer bei der Initiierung des arabischen Aufstandes gegen das Osmanische Reich im Rang eines Majors des britischen Nachrichtendienstes nach Kairo geschickt wurde. Bell zog die diplomatischen Strippen zwischen den einflussreichen Personen des Nahen Ostens, um den Aufstand zu organisieren, Lawrence von Arabien war der Verbindungsmann zu den Aufständischen und zuständig für das Militärische. Der Aufstand war bekanntlich erfolgreich und da, „Miss Gertrude Bell . . . über die Araber und Arabien mehr [weiß], als praktisch jeder andere lebende Engländer oder auch Engländerin“ wurde sie zu einer der einflussreichsten Personen bei der Neuordnung des Orients, vor allem der Gründung des Iraks.

Dem Orient verfallen

Nach der Lektüre von Bells „Reise durch das alte Syrien“ wird klar, worin die Ursachen der permanenten Instabilität des Nahen Ostens bestehen. Deutlich wird dabei auch, dass Diplomatie und Interessensausgleich zwischen den so unterschiedlichen Ethnien und Kulturen bei der Lösung der Probleme wahrscheinlich erfolgreicher sein dürfte, als militärische Optionen oder Prinzipienreiterei. Gertrude Bell war sicherlich aufgrund ihres idealistisch romantischen Bildes vom edlen Beduinen, dem britischen Patriotismus und dem Glauben, dass Englands Regierungsform „allen anderen weit überlegen und somit für alle Völker dieser Welt erstrebenswert sei“ ein Teil des Problems. Ihrer Leistung, auch beim Aufbau des Irakischen Nationalmuseums (das ehemalige Archäologische Museum Bagdad) tut dies keinen Abbruch.

Gertrude Bell: Das Raunen und Tuscheln der Wüste. Edition Erdmann 2015. Gebunden, 309 Seiten.
Aus dem Englischen und mit einem Vorwort von Ebba D. Drolshagen
Das Raunen und Tuscheln in der Wüste ist das erste Buch der von Susanne Gretter herausgegebenen Reihe DIE KÜHNE REISENDE.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, Rezension

Eine Antwort zu “Gertrude Bell – Das Raunen und Tuscheln der Wüste

  1. Danke für die sehr informative Rezi, ich werde das Buch im Auge behalten.

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