Die Brandenburg – Ein Geheimtipp nicht nur für Burgenfans

Interview mit Reinhard Schneider

Reinhard Schneider, Werratalverein-Zweigverein Brandenburg e.V., Besucherinfo Ruine Brandenburg. Foto © Reinhard Schneider

Reinhard Schneider, Werratalverein-Zweigverein Brandenburg e.V., Besucherinfo Ruine Brandenburg. Foto © Reinhard Schneider

Ein wenig Abseits liegt die imposante Ruine der Doppelburganlage auf dem Brandenberg nahe dem thüringischen Ort Lauchröden nicht weit von Herleshausen. Abseits nicht nur im räumlichen Sinne oder hinsichtlich der – diplomatisch formuliert – wenig auffälligen Ausschilderung, denen Ortsunkundige folgen könnten. Auch ihre Lage im ehemaligen Grenzstreifen zwischen DDR und BRD machte die mächtige Festungsruine gewissermaßen zu einer „regia non grata“. Dabei waren ihre ersten Herren auch Burggrafen der rund 10 Kilometer entfernten Wartburg und die Brandenburg damit eine der größten Anlagen im einstigen Amt Eisenach des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Touristisch liegt die Brandenburg tief im Schatten der Wartburg, dabei ist sie in vielerlei Hinsicht interessanter als das architektonische Kunstprodukt im Rang eines Kulturerbes der Stadt Eisenach. Warum, das versucht Wolfgang Schwerdt für GeschiMag mit Reinhard Schneider vom Werratalverein-Zweigverein Brandenburg e.V. herauszuarbeiten.

GeschiMag: Herr Schneider, was verbindet Sie eigentlich mit der Ruine auf dem Brandenberg und mit Burgen generell?

R. Schneider: Burgen haben mich mit ihrer geschichtsträchtigen Vergangenheit schon immer fasziniert. So auch die Brandenburg, die mit ihren malerischen Ruinen als nicht zu übersehendes Wahrzeichen das mittlere Werratal flankiert. Bereits als Kind zog es mich auf die Brandenburg als Abenteuerspielplatz. Aber mit der Brandenburg verbindet mich vor allem ihre Rolle in der Zeit des „kalten Krieges“. Die Brandenburg wurde während dieser Zeit zum „unbequemen Denkmal“, weil sie mit ihrer grenznahen Lage im Sperrgebiet der DDR ihre Besucher geradezu zum Grenzdurchbruch einlud. Deshalb wurde die Burg von 1962 bis 1989 nicht nur grenzseitig, sondern auch zur DDR-Seite hin eingezäunt und damit jeglicher Besucherverkehr unterbunden. Die Natur nahm die Gelegenheit wahr und versetzte die Brandenburg in den Status eines nicht betretbaren „Dornröschenschlosses“. Sie wurde somit unerreichbar für Besucher aus Ost und West, sogar für die Bewohner der Sperrzonengemeinde Lauchröden. Nur der Fall der Grenze konnte diese Situation verändern. Damit wurde die Burg zum Symbol der Sehnsucht der Menschen nach Grenzöffnung auf beiden Seiten des Werratals. Das gemeinsame Wahrzeichen wurde somit umso mehr zum gemeinsamen Heimatsymbol, das es zu bewahren galt. Deshalb war die Gründung eines Fördervereins der Brandenburg, nachdem ihr Betreten wieder möglich war, eine Initiative zur Sicherung und Bewahrung eines Heimatsymbols.

GeschiMag: Es ist natürlich immer schwierig bei so langlebigen Bauwerken etwas Grundsätzliches zu ihrer historischen Bedeutung zu sagen. Zunächst einmal sind Festungen vom Kaliber der Brandenburg ja Herrschaftssitze und Teil von landes- oder reichsherrlichen Verwaltungsstrukturen. Wie lässt sich hier die Brandenburg auch unter Berücksichtigung ihres Doppelburgcharakters einordnen?

Friedrich von Sydow: Thüringen und der Harz mit ihren Merkwürdigkeiten, Volkssagen und Legenden, 1839. Zeichnung von I.H. Rottmann.

Friedrich von Sydow: Thüringen und der Harz mit ihren Merkwürdigkeiten, Volkssagen und Legenden, 1839. Zeichnung von I.H. Rottmann.

R. Schneider: Die erste Brandenburg wurde von den Grafen von Wartberg um 1200 erbaut. Diese Grafen verwalteten im Auftrag des Landgrafen von Thüringen die Wartburg und schufen sich im Bereich um Lauchröden und um Goldbach (bei Gotha) ihr Allodialeigentum. Die Brandenburg, nach der sie sich nach deren Erbauung nannten, war ihr neuer Herrschaftssitz im Rahmen ihrer Grundherrschaft und sie war zugleich Geleitschutzburg im Bereich der Via Regia, konkret auf der Route von Gerstungen über Herleshausen nach Eisenach. Die Grafen von Brandenberg übten außerdem Vogteirechte gegenüber dem Wirtschaftshof Herleshausen des Klosters Kaufungen aus.
Die Brandenburg wurde erst mit der Erbauung der Westburg Anfang des 14. Jahrhunderts zur Doppelburg. Diese Erbauung erfolgte vermutlich auf Grund einer Verpfändung an die Stadt Erfurt, die zu dieser Zeit etliche Burgen übernahm, um ihre Handelswege zu sichern und die Einnahmen aus dem Geleitschutz selbst zu verwerten. Ab Anfang des 15. Jahrhunderts wurden beide Burgen durch den Landgrafen von Thüringen als Lehen an die Herren von Reckrodt (Westburg) und die Herren von Herda (Ostburg), beide dem niederen Adel zugehörig, bis zur Auflassung der beiden Burgen vergeben.
Inwieweit der Brandenburg auch eine grenzsichernde Rolle zuzuweisen ist, bedarf noch näherer Untersuchungen, denn die hessisch-thüringische Grenze war nach dem hessisch-thüringischen Erbfolgekrieg meiner Kenntnis nach kein Konfliktherd.

GeschiMag: Im Gegensatz zur Wartburg existiert die Brandenburg im Grunde ja noch im Original. Vor diesem Hintergrund liefern die Überbleibsel eine Reihe interessanter architektonischer Besonderheiten über deren genaue Hintergründe noch geforscht werden muss. Können Sie uns etwas darüber erzählen?

BraBu6SXR. Schneider: Die Ostburg der Brandenburg hat zwei architektonische Besonderheiten: einen Bergfried mit sechseckigem Grundriss und Buckelquaderarchitektur sowie Schwalbenschwanzzinnen auf den Mauerkronen. Damit verfügt sie für beide Besonderheiten unter den Thüringer Burgen über ein Alleinstellungsmerkmal. Dieser Bergfried und die italienisch anmutenden Schwalbenschwanzzinnen in Verbindung mit dem hellen Kalkstein der Ruine umgeben die Brandenburg mit dem Charme und der Ausstrahlung von Burganlagen, wie sie für den Süden des ehemaligen Stauferreiches typisch waren.

GeschiMag: Auf der Brandenburg hat kein Martin Luther ein Tintenfass geworfen, kein Sängerwettstreit stattgefunden, kein Goethe hatte dort geweilt. Kulturgeschichtlich scheint die Burg also nach Maßstäben der Tourismusindustrie vergleichsweise bedeutungslos. Ich denke, Sie sind da anderer Ansicht.

R. Schneider: Kulturgeschichtlich ist zur Brandenburg noch zu wenig bekannt. Fakt ist, dass sie immerhin von den Burggrafen der Wartburg erbaut wurde und der Erzbischof von Mainz selbst bei der Einweihung ihres Schutzpatronats Lauchröden zugegen war. Tatsache ist, dass die Erbauer der Brandenburg auch Teilnehmer von zwei Kreuzzügen nach Palästina waren. Ritter Georg von Reckrodt, Reiterführer des Schmalkaldischen Bundes, wurde als streitbarer Parteigänger Martin Luthers genauso mit der Reichsacht belegt und verfolgt wie dessen Hauptleute, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen und Landgraf Philipp von Hessen. Er war darüber hinaus als bekannter Söldnerführer im Rahmen der kriegerischen Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts auf vielen Kriegsschauplätzen Europas im Einsatz .

GeschiMag: Sie hatten vorhin auf die besonderen architektonischen Merkmale hingewiesen. Entstand so etwas üblicherweise eher durch die Vorlieben des Auftraggebers oder des Baumeisters und ist diese Frage für die Brandenburg eigentlich geklärt? Welcher Forschungsbedarf besteht eigentlich noch insgesamt an und in Zusammenhang mit der Burg? Können Sie die Themenbereiche umreißen?

P1030779R. Schneider: Die Burgenarchitekturwurde nicht nur von Wohn- und Wehranforderungen geprägt, sondern diente auch dem Repräsentationsbedürfnis. Zu Zeiten des größten Burgenbaubooms unter den Staufern verwendete man im Rückblick auf das römische Reich, als dessen Fortsetzer sich insbesondere die Stauferkaiser verstanden, bewusst architektonische Elemente aus dem alten Rom für Repräsentationszwecke, so auch die Buckelquaderarchitektur. Und letzten Endes wurde es auch Mode, selbst die Zinnengestaltung für repräsentative Zwecke einzusetzen. Deshalb gehen wir davon aus, dass der Bauherr entsprechend seines Repräsentationsbedürfnisses auch in dieser Hinsicht das letzte Wort hatte. Ein großer Forschungsbedarf besteht hinsichtlich der Baugeschichte der Brandenburg. Wir haben in den letzten Jahren eine Reihe bisher offener Fragen beantworten können, wie des Alters der beiden Einzelburgen. Nach wie vor besteht aber ein Forschungsbedarf hinsichtlich der ehemaligen Gebäudesituation der ersten Burganlage auf der Ostburg sowie der Westburg, von der die meisten Baulichkeiten zur Materialgewinnung regelrecht abgetragen wurden. Hier können eigentlich nur gezielte archäologische Untersuchungen weiterhelfen. Und nach wie vor besteht natürlich auch kulturgeschichtlich großer Forschungsbedarf

GeschiMag: Die Burg Brandenburg hat noch eine Menge Potenzial, sowohl was Restaurations- und Sicherungsarbeiten aber auch was archäologische Untersuchungen, Veranstaltungen und Projekte betrifft. Was ist für die Zukunft geplant, vorstellbar beziehungsweise dringend notwendig und auf welche Unterstützung können Sie dabei von offizieller aber auch wirtschaftlicher Seite zählen?

R. Schneider: Seit der Wende haben wir mit dem Brandenburgfest dazu beigetragen, dass die Brandenburg auch überregional wieder bekannt wurde. Dieses Fest ist aus einem Begegnungsfest der grenznahen Bevölkerung aus Ost und West zu einem Treffpunkt der Mittelalterszene Deutschlands und darüber hinaus geworden. Im Unterschied zu vielen anderen Mittelalterfesten versuchen wir dieses Fest mit der Nachstellung historischer Ereignisse aus dem Umfeld der Brandenburg im Rahmen eines Reenactments zu verbinden. Des Weiteren bieten wir zum Beginn und Ende der Museumssaison thematische Veranstaltungen, wie „Das Pferd im Mittelalter“ im Sinne eines lebendigen Museums an. In Vorbereitung des 117. Deutschen Wandertages in der Lutherregion um Eisenach ist eine Sonderausstellung gemeinsam mit der Wilhelmsburg in Schmalkalden geplant, die sich mit dem Schmalkaldischen Bund und Georg von Reckrodt befasst. In diesem Zusammenhang muss unser Burgmuseum aus der Sicht von Sonderausstellungen neu gestaltet werden. Partner ist in diesem Zusammenhang auch das Aktionsnetzwerk der Luther-Region. Ein neuer touristischer Partner ist die Grimmheimat Nordhessen, die uns eine Kooperation mit nordhessischen Burgen anbietet.

GeschiMag: Herr Schneider, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Homepage des Werratalvereins-Zweigverein Brandenburg e.V.

Die Brandenburg auf der Seite der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter

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