Geschichte der Welt

1350 – 1750 Weltreiche und Weltmeere

9783406641039_coverMit dem Band Weltreiche und Weltmeere ist 2014 der dritte Band der auf sechs Teile angelegten „Geschichte der Welt“ bei C.H.Beck erschienen. Er behandelt den Zeitraum, in der „die Geschichte der Welt“, wie es im Klappentext heißt, „endgültig zu einer zusammenhängenden Weltgeschichte“ wird. Die Tatsache, dass hier über die Autoren Jahrzehnte internationaler Forschung u.a. zur Vorgeschichte der Globalisierung vermittelt und miteinander inhaltlich vernetzt werden, macht das Buch zu etwas Besonderem.

Auch wenn sich die Autoren – HistorikerInnen überwiegend aus den USA und Deutschland – eines gut lesbaren Stils bedienen, das rund 1000seitige Buch stellt an den Leser durchaus gewisse Ansprüche. Das liegt zunächst einmal daran, dass es mit den Traditionen der klassischen Nachschlagewerke zur Weltgeschichte bricht. Das bedeutet nicht nur eine Abkehr von der klassischen eurozentrischen Sicht. Da werden ökonomische, kulturelle, interkulturelle, konzeptionelle und religiöse Hintergründe zu Reich, Weltreich, Staat oder Nation diskutiert um eine Begriffsbestimmung vorzunehmen. Denn während des behandelten Zeitraumes bilden Reichsbildung und globale Interaktion von Reichen einen wesentlichen Aspekt der historischen Entwicklung. Und so ist es kein Zufall, dass statt klar voneinander abgegrenzter und isoliert betrachteter Kulturen immer wieder Grenzen, Kontaktzonen, Kontaktgruppen soziale und religiöse Strukturen als Regionen intensiver Interaktion und Kommunikation herausgearbeitet werden.

Über Grenzen und Kulturen

Mit Imperien und Grenzregionen in Kontinentaleurasien beginnt die Betrachtung der Weltregionen, bei der die Strukturen und Entwicklungen Chinas, Russlands, Zentralasiens, Japans, Koreas und Vietnams untersucht werden. Vergleiche, Verbindungen und Konvergenzen zwischen den politischen, ökonomischen und kulturellen Räumen werden dabei nicht nur am Ende des Kapitels thematisiert. Das, was dem Leser hier begegnet – zunächst weitestgehend ohne den versprochenen Weltmeerbezug – trifft er in den folgenden Kapiteln in anderen Zusammenhängen und unter anderen Perspektiven wieder. Denn beispielsweise China, Japan, Korea und Vietnam sind nicht nur Teil der dynamischen kontinentaleurasischen Prozesse, sondern ebenfalls Player in einem gewaltigen maritimen Raum, der die islamische (und später auch die westeuropäische) Welt mit den süd- und südostasiatischen Mächten interagieren lässt.

Spätentwickler Europa

Nicht zufällig findet sich das Kapitel Europa und die atlantische Welt am Ende der weltgeschichtlichen Betrachtung. Denn während der Indik und Ozeanien bis ins 18. Jahrhundert weitestgehend von den asiatischen Kräften und Strukturen dominiert werden, ist Europa historisch erst spät prägend in die globalen Beziehungen eingetreten. Die Entdeckung der Neuen Welt, die den Atlantik zwischen Westeuropa, Afrika und dem Doppelkontinent gewissermaßen zum europäischen Meer werden ließ war dabei sicherlich ein maßgeblicher Faktor. Die Ausführungen der Autoren beschränken sich aber nicht auf die bekannten historischen Ereignisse und ihre Auswirkungen. Vielmehr werden die ökonomischen und sozialen Strukturen in den einzelnen Regionen unter die Lupe genommen und hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Wirkungen, ihres Konflikt- und Stabilitätspotenzials, ihrer Besonderheiten bewertet. Vergleiche werden gezogen, Veränderungen beispielsweise aufgrund von Migration untersucht oder philosophisch-religiöse Grundlangen von Verwaltungsstrukturen analysiert.

Das Buch: Eine gelungene Herausforderung

Es ist ein schwieriges Unterfangen, ein Buch inhaltlich so zu strukturieren, dass es dem Anspruch gerecht wird, „bisher wenig beachtete Querbeziehungen und Wechselwirkungen“ im interkontinentalen Maßstab verständlich zu vermitteln. Ob das vollständig gelungen ist, mag im Einzelfall dahingestellt sein. Die Abkehr von der in „Weltgeschichten“ meist üblichen Aneinanderreihung einzelner Spezialgeschichten stellt aber auch den Leser vor gewisse Herausforderungen. Der sollte die Herausforderung der komplexen Geschichtsbetrachtung aber unbedingt annehmen, denn neue Erkenntnisse und spannende Perspektiven und Informationen sind dabei garantiert. Geschichte der Welt 1350 – 1750 ist ohnehin kein klassisches Geschichts-Nachschlagewerk. Dafür ist es außerordentlich anregend und der Leser hat nicht nur wegen seines Umfangs lange damit zu tun. Das Buch sollte studiert und nicht einfach konsumiert werden und es bietet dem Leser in seinem Anhang mit den Anmerkungen und der Bibliografie alles, was er dafür benötigt.

Wolfgang Reinhard (Hrsg.): Geschichte der Welt, 1350 – 1750 Weltreiche und Weltmeere. C.H.Beck 2014. Gebunden, 1008 Seiten.

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Rezension

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