Böser Wilder, friedlicher Wilder

Wie Museen das Bild anderer Kulturen prägen

Sonderausstellung im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg vom 13. Juni – 13. September 2015

Plakatmotiv der Ausstellung. Foto: Landesmuseum Natur und Mensch

Plakatmotiv der Ausstellung. Foto: Landesmuseum Natur und Mensch

(Pressetext Landesmuseum). Als sich das Deutsche Kaiserreich verspätet seinen „Platz an der Sonne“ sichern konnte, begann eine außerordentliche Sammeltätigkeit in den deutschen Kolonien. Forschungsreisende, Militärangehörige, Missionare und Seefahrer betätigten sich als Sammler und verschifften ihre Schätze in die heimatlichen Völkerkundemuseen. Vom 13. Juni – 13. September thematisiert die Sonderausstellung „Böser Wilder, friedlicher Wilder“ im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg, wie Kuratoren der Museen diese gesammelten Objekte in Szene setzten. Durch ihre Ausstellungen, zusammen mit den damals vorherrschenden Wissenschaftstheorien, der Populärkultur sowie zeitgenössischen sozialen und politischen Themen, prägten sie in der deutschen Öffentlichkeit bestimmte Bilder von anderen Kulturen. Wie diese Bilder aussahen, zeigt die Ausstellung auf und stellt die Entstehungsgeschichte der eigenen ethnologischen Sammlung in den Blickpunkt.

Massai-Krieger, Historische Darstellung, aus „Völkerkunde” von Friedrich Ratzel, 1894.

Massai-Krieger, Historische Darstellung, aus „Völkerkunde” von Friedrich Ratzel, 1894.

Die prall gefüllten Magazine der deutschen Völkerkundemuseen und auch des Landesmuseums Natur und Mensch zeugen noch heute von den Sammeltätigkeiten aus dem kurzen Abschnitt des deutschen Kolonialismus zwischen 1884 und 1919. Bemerkenswerterweise gelangten in diesen 35 Jahren fast genauso viele Objekte in die Magazine des Landesmuseums wie in den übrigen mehr als 140 Jahren seines Bestehens; folgerichtig stammte der Zuwachs zur Kolonialzeit vor allem aus Deutsch-Ostafrika, Kamerun, Togo, Südwestafrika, Deutsch-Neuguinea, West-Samoa und Tsingtau. Über die Hälfte der Objekte aus den deutschen Kolonien im Landesmuseum sind Waffen. Insgesamt stammen sogar 94,5 % der gesammelten Waffen aus der Kolonial- und Vorkolonialzeit. Die Objekte geben damit nicht nur Auskunft über die Menschen in den Kolonien, sondern auch über die Kultur der Sammler, die bewusst wählten, was sie mitnahmen.

„Böser Wilder, friedlicher Wilder“ vergleicht populäre Ausstellungsstile in der Kolonialzeit mit denen der Gegenwart und betrachtet die zeitgenössischen Einflüsse wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Theorien. Am Beispiel von rassenkundlichen und sozialdarwinistischen Ansätzen wird deutlich, wie schnell solch vorherrschenden theoretischen Grundlagen wieder verschwinden können und somit auch die Präsentationsstrategie in Museen verändern.

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Das Naturalien-Cabinett in der Dauerausstellung des Landesmuseums Natur und Mensch spiegelt eine Ausstellungssituation Anfang des 19. Jahrhunderts wider. Foto: Sven Adelaide

Zunächst untersucht die Ausstellung die Darstellungsweise fremder Kulturen in deutschen Völkerkundemuseen um 1900. Mit ihren gesammelten Objekten schufen sie, beeinflusst durch die damalige Wissenschaft, Politik und Kultur, stereotype Bilder der Anderen. So wurden die Ethnien in den deutschen Kolonien Afrikas gern kriegerisch und mit Waffen dargestellt, andere, insbesondere die nordamerikanischen Indianer, dagegen wesentlich friedlicher aufgefasst und präsentiert. Auch den Ausstellungsbesuchern, die diese Kulturen über die Objekte kennenlernen sollten, wurde durch die visuelle Darstellung eine ganz konkrete Vorstellung vermittelt. Bekamen die Indianer in ihrem Widerstand gegen die amerikanische Regierung beispielsweise nur noble Motive zugeschrieben, wurden aufständische Bewegungen in den eigenen Kolonien in der deutschen Öffentlichkeit verurteilt: Kämpften die einen gegen eine ihnen aufgezwungene Zivilisation, setzten sich die anderen ihren rechtmäßigen Herren zur Wehr. Die Ausstellung wählt den Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 als ein Beispiel. Dieser wurde eben nicht romantisch betrachtet, sondern blutig niedergeschlagen, und mündete letztendlich fast in der Vernichtung der Herero. Historische Postkartenmotive und populäre Literatur zeigen den Kontrast anschaulich in der Ausstellung. Werbeplakate der Deutschen Kolonial-Gesellschaft und Ausstellungsplakate von Museen machen deutlich, dass sich dieses „Spiel der Zuschreibungen“ unter neuen Bedingungen auch nach Verlust der Kolonien durch den Versailler Vertrag in der Zwischenkriegszeit fortsetzte.

Ethnologische Objekte werden in modernen Museen oft vereinzelt und kunstgleich präsentiert. Inszenierung in der Ausstellung Foto: Landesmuseum Natur und Mensch

Ethnologische Objekte werden in modernen Museen oft vereinzelt und kunstgleich präsentiert. Inszenierung in der Ausstellung
Foto: Landesmuseum Natur und Mensch

Die Gegenwart ethnologischer Museumsobjekte thematisiert der letzte Ausstellungsteil. Eine ethnologische Präsentation, wie sie aktuell in vielen Museen real ist, wird erlebbar: An die Stelle von Waffenansammlungen sind Einzelobjekte ohne einen kriegerischen Kontext getreten und werden als Kunst präsentiert. Ausstellungsbesucher sollen sich durch die reine Betrachtung der künstlerischen Objekte ein unmittelbareres und neutraleres Bild machen. Doch eine Debatte der Museumstheoretiker darüber, ob diese Ausstellungsweise Besuchern tatsächlich einen objektiven Blick ermöglicht, begann bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dauert noch heute an. Mit der Inszenierung einer aktuellen Magazinsituation widmet sich die Ausstellung abschließend dem Schicksal der zahlreichen, nicht mehr präsentierten Objekte, die nun in den Magazinen der Völkerkundemuseen lagern.

„Ich glaube nicht, dass sich Ethnien wie die Massai in diesen „Kunstausstellungen“ wiederfinden würden. Sie sehen sich selbst dezidiert als Krieger und nicht als Künstler“, so Kurator Glenn Ricci. „Sind die Bilder der „Bösen Wilden“ und der „Friedliche Wilden“ in den Ausstellungen nicht viel eher Reflexionen unserer eigenen Kultur im Wandel der Zeit? Diese Frage stellen wir mit der Ausstellung nicht nur uns als Museum, sondern auch unseren Besuchern.“

Ausstellungstafel mit historischer Fotografie. Foto: Landesmuseum Natur und Mensch

Ausstellungstafel mit historischer Fotografie.
Foto: Landesmuseum Natur und Mensch

Alle Ausstellungstexte sind sowohl in Deutsch als auch in Englisch verfasst. Der zur Ausstellung gleichnamige Katalog ist ebenfalls zweisprachig und erscheint im Isensee Verlag. Er ist im Museumsshop und über den Buchhandel erhältlich. Verschiedene Angebote wie Zwei-Generationen-Workshops, öffentliche Sonntagsführungen, eine Führung und Lesung für Erwachsene und eine Filmvorführung begleiten die Ausstellung „Böser Wilder, friedlicher Wilder“ bis zum 13. September 2015.

Die Anfänge der ethnologischen Sammlung des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg gehen zurück auf das Jahr 1843. Seitdem wurde sie stetig erweitert und umfasst heute ca. 7000 Objekte aus aller Welt. Der Kurator der Ausstellung, Glenn Arthur Ricci, beschäftigte sich im Rahmen des durch die Kulturstiftung des Bundes geförderten „Programm Internationales Museum“ seit 2013 mit der bis dahin wenig publizierten und erforschten Sammlung. Ein erstes Ergebnis seiner Forschungen bildete die Ausstellung „Eigen und fremd in Glaubenswelten“ vom 27. September – 12. April 2014.

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