Leviathan, Fafnir und die mittelalterlichen Helden

über Drachenkämpfe und Kulturkriege

Aus seinem Erdloch heraus tötet Sigurd den Drachen Fafnir. Arthur Rackham 1901

Aus seinem Erdloch heraus tötet Sigurd den Drachen Fafnir. Arthur Rackham 1901

„Wer schreibt, der bleibt“. Dieser beliebte Spruch ist bei jedem Skatturnier zu hören und gilt auch für die Kulturgeschichte. Und so hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass die Römer den Drachen über die Alpen nach Nordwesteuropa gebracht haben. Tatsächlich taucht der Begriff Dracon in den barbarischen Gefilden diesseits der Alpen erstmals im Zusammenhang mit den Römern und ihren Feldzeichen auf. Wo dieser Begriff herkommt, und dass er beispielsweise mit den sarmatischen Hilfstruppen der Römer bis auf die britischen Inseln gelangt ist, wissen wir aus den schriftlichen Überlieferungen der Griechen und Römer. Über eine nordwesteuropäische Drachentradition vor den Römern wissen wir hingegen nahezu gar nichts.

Weder die hier ansässigen bronzezeitlichen Kulturen, noch die Kelten oder Germanen, ja nicht einmal die ab dem 6. nachchristlichen Jahrhundert eingewanderten Slawen hatten eigene schriftliche Überlieferungen aus vorrömischer und vorchristlicher Zeit vorzuweisen. Das, was uns heute an schriftlichen Quellen vorliegt, ist nach bereits erfolgreicher Christianisierung und Etablierung der Kirche in Nordwesteuropa entstanden, stark geprägt von christlichen Interpretationen und unterschiedlichen Interessenlagen des jeweiligen Verfassers. Das Drachenbild, das uns im Mittelalter begegnet, ist also einigermaßen verwirrend:

Der Drache der Briten

Da stehen sich beispielsweise in der Artus-Legende der rote und der weiße Drache im Kampf um Britannien gegenüber. Der rote Drache verkörpert Artus und sein britannisches Volk, der weiße Drache repräsentiert die sächsischen Invasoren. Macht und Ansehen sind hier zentrale, eher symbolische Aspekte des Drachen, der in diesem Fall seine Ableitung von den römischen Feldzeichen kaum verleugnen kann. Wenn aber Artus Vater, Uther, in der gleichen Überlieferung als Pendragon, als personifizierter Drache bezeichnet wird, dann deutet dies auch auf eine andere kulturelle Tradition hin. In den inselkeltischen Sagen finden sich neben den kriegerischen Aspekten für uns recht merkwürdig anmutende totemistische Elemente und eine nur schwer zu entschlüsselnde Symbolsprache

Beowulf der Drachentöter

Der Drache des Beowulf aus einer Handschrift des 13. Jahrhunderts

Der Drache des Beowulf aus einer Handschrift des 13. Jahrhunderts

Im historischen Umfeld des 6. Jahrhunderts nach Chr. spielt das Beowulf-Epos, das wahrscheinlich zum Ende des 1. Jahrtausends entstanden ist. Der dänische König Beowulf muss hier einen Drachenkampf bestehen, dessen Ursprung und Ausgang bemerkenswert sind: Ein Knecht hatte den riesigen Schatz eines schlafenden Drachen gefunden und eine kostbare Schale gestohlen. Als der Wurm erwachte, bemerkte er den Diebstahl und begann auf der Suche nach dem Räuber und seiner Beute das Königreich des greisen Königs Beowulf zu verwüsten. Glutspeiend flog er über das Land, versengte Höfe und Hallen. Bewaffnet mit einem eisernen Schild und elf Gefährten machte sich Beowulf auf, um sein Königreich vom wütenden Drachen zu befreien. Es war ein harter Kampf und ein Sieg, den Beowulf schließlich mit seinem Leben bezahlte. Am harten Panzer des schlangenartigen Wurmes zerbrach sein Schwert; der Eisenschild hatte ihn kaum vor der Glut des feuerspeienden Drachen schützen können und als der greise König mit Hilfe eines Gefährten den Drachen in letzter Minute töten konnte, war er selbst bereits tödlich verwundet. Die Drachenbisse, starke Verbrennungen und das Gift, das aus dem Rachen des Ungetüms in die Wunden des Helden tropfte, töteten den König kurze Zeit nach seinem Sieg über das mächtige Ungeheuer.

Naturgottheit und Satansbraten

Beowulf lässt mit seinem Drachenkampf die Nähe zur nordischen Götterdämmerung erahnen. Hier besiegt der mächtige Gott Thor die gewaltige Midgardschlange und erliegt dabei selbst ihrem giftigen Atem. Die weltumspannende Midgardschlange ist als Kind des ungeliebten Gottes Loki ein Mitglied der vielschichtigen nordischen Götterwelt, die sich wie die Griechische aus mehreren aufeinanderfolgenden Einwanderungswellen zusammensetzt und ihre kulturellen Konflikte durch mythologisches Jobsharing bewältigt. In der nordischen Sigurd- und der darauf basierenden germanisch-deutschen Siegfriedsage findet sich das Konzept des Drachen als Gestaltwandler und als Naturgottheit. Die hier als Schlachtvieh für strahlende Helden vorgeführten Drachen wie Fafnir, hatten ihre Karriere als Menschen begonnen. Bösartigkeit, Neid und Gier ließ sie zu Drachen mutieren, so jedenfalls die politisch korrekte Darstellung in einer fundamentalistisch-christlichen Gesellschaft.

Der Drache ist tot, es lebe der Drache

Das Bild ‚Die Hure Babylons‘ aus der Ezyklopädie ‚Hortus Deliciarum‘ der Äbtissin Herrad von Landsberg, Mitte des 12. Jahrhunderts zeigt die ‚Thiere‘, die wir aus der Apokalypse des Johannes kennen.

Das Bild ‚Die Hure Babylons‘ aus der Ezyklopädie ‚Hortus Deliciarum‘ der Äbtissin Herrad von Landsberg, Mitte des 12. Jahrhunderts zeigt die ‚Thiere‘, die wir aus der Apokalypse des Johannes kennen.

Als Opfer christlicher Helden war der scheinbar bösartige Drache heidnischen Ursprungs in den mittelalterlichen Dichtungen gerne gesehen und fand auf diese Weise großen Anklang in der höfischen Kultur und bei den Kirchenvertretern. So konnte der als des Teufels Verkörperung, als ‚Alte Schlange‘, von der Kirche gnadenlos verfolgte und am Ende tatsächlich ausgerottete biblische Drache ausgerechnet in seiner heidnischen Form die harten Zeiten der kirchlichen Inquisition überstehen. Denn während die teuflischen Drachen in Form von Hexen, Ketzern, Katzen und allerlei anderen von ihnen besessenen Lebewesen in den Jahrhunderten der Inquisition erbarmungslos dem Scheiterhaufen überantwortet wurden, zierten sie als Repräsentanten von Kraft und Mut die Schilde und Wappen vieler Adelsgeschlechter. Solange der Drache nicht die kirchlichen und weltlichen Herrschaftsstrukturen gefährdete, durfte er sich selbst in den Zeiten der Inquisition in Literatur und Volksglauben ausbreiten. Und so nagte er genüsslich als Nidhöggr an der nordisch-germanischen Weltenesche, während der Gott Thor mit der Midgardschlange rang oder sich die vielköpfige antike Drachendame Hydra durch die Eingeweide der Krokodile des Nils wühlte.

Der Drachenkampf um den wahren Gott

Kirchenmalerei. Der heilige Sebastian bezwingt den Drachen

Kirchenmalerei. Der heilige Sebastian bezwingt den Drachen

Für die römisch-katholische Kirche war der Drache Gegenstand ständiger Infragestellung ihrer Autorität. Und damit war gleichzeitig die Infragestellung der weltlichen Herrschaftsstrukturen insgesamt verbunden. Der Drache galt ja nach der Offenbarung des Johannes als Verkörperung des Antichrist, des Teufels. Der Teufel wiederum war ursprünglich, folgt man dem Alten Testament, der mächtigste, dem Schöpfergott beinahe ebenbürtige Engel Luzifer, der von seinem Chef die offizielle Aufgabe erhalten hatte, die Aktivitäten des Allmächtigen immer wieder kritisch zu hinterfragen. Luzifer nahm seine Aufgabe offensichtlich zu ernst und wurde schlichtweg gefeuert. Als ‚Alte Schlange‘, als drachengestaltiger Gegner Gottes, machte sich Luzifer selbständig und litt übrigens nicht gerade unter Auftragsmangel. Christliche Gelehrte, die die Bibel als Grundlage des Glaubens ernst nahmen und intensiv studierten, glaubten nämlich herausgefunden zu haben, dass der alttestamentarische Gott Jachweh eigentlich der Böse und Luzifer der Gute war, dass Jesus die Menschheit vom Glauben an den falschen Gott abbringen und zum guten Gott hinführen wollte.

Der Heilige Augustinus und der Teufel‘, Flügelaltarszene, von Michael Pacher ca. 1430.

Der Heilige Augustinus und der Teufel‘, Flügelaltarszene, von Michael Pacher ca. 1430.

Jachweh war hier der Gott, der die Menschen aus persönlichem Machtbedürfnis von der Erkenntnis, der Erleuchtung fernhalten wollte. Luzifer hingegen galt als strahlender Gott der Erkenntnis, als Befreier der Menschheit aus der Abhängigkeit vom eindeutig bildungsfeindlichen Jachweh. Und diese Gelehrten fanden auch kulturgeschichtlich glaubwürdig heraus, dass Jachweh und Luzifer ursprünglich Drachengottheiten waren, symbolisiert und verkörpert durch Schlangen. Es waren die sogenannten Gnostiker, jene Gelehrte, die, gestützt auf griechische Philosophien, die Dogmen der römischen Kirche, immer wieder unter Berufung auf die Texte der Bibel untergruben und zum Glauben an den wahren Gott aufriefen. Diese kirchlich-wissenschaftliche Auseinandersetzung zwischen den dogmatischen, ‚staatstragenden‘ Parteigängern Jachwehs und den in ihrer Konsequenz ‚herrschaftsfeindlichen‘ Teufels- beziehungsweise Drachenanbetern bildete den Hintergrund von Inquisition und Drachenverfolgung.

Herrschaft, Anarchie und Weltuntergang

Hinzu kam die Erwartung des Weltuntergangs mit dem jüngsten Gericht zur ersten nachchristlichen Jahrtausendwende. Und zu den Zeichen dieses Weltuntergangs gehörte nach der Johannesoffenbarung, eben auch das Erscheinen des Alten Drachen, dem sich Kirche, Könige und Kaiser verpflichtet fühlten, mit allen Mitteln entgegenzutreten. Zwar blieb der Weltuntergang bis heute aus, aber rund vier mittelalterliche Jahrhunderte lang waren Weltuntergangszeichen, Drachensichtungen und Prozesse gegen die Anhänger des Drachengottes an der Tagesordnung. Nahezu jedes natürliche oder gesellschaftliche Unheil – Epedemien, Kriege, Brände oder Naturkatastrophen – wurde in Erwartung des Weltunterganges als apokalyptisches Zeichen mit Drachenbeteiligung gewertet. So zogen zeitgenössischen Meldungen zufolge die geflügelten zweibeinigen Wyvern über den Himmel, und verbreiteten Pest und andere Seuchen über Europa. Wie Kometen jagten die feurigen Drachen durch die Nacht und setzten so manche Scheune, manches Dorf und manche Stadt in Brand. 1222 wurden in Zusammenhang mit Unwettern und schweren Überschwemmungen Drachen über London gesichtet. Schlangenartige Drachen hausten in Gewässern und Sümpfen und forderten immer wieder Opfer unter der Landbevölkerung. Reisende waren auf ihren Wegen vor allem in unwegsamen Gegenden, auf Gebirgs-, Wald- und Passstraßen akut von in ihren Höhlen lauernden Drachen bedroht. Der feurige Tatzelwurm der Alpen ist ein Beispiel hierfür: bereits im Jahre 1085 wurde vermerkt, dass die Gegend um das heutige Bayrischzell eine wüste Einsamkeit, die Heimat wilder Tiere und ein Drachenlager war‘.

Der Beitrag ist eine gekürzte Version des gleichnamigen Kapitels aus:
Wolfgang Schwerdt: Andre Zeiten, andre Drachen. Eine Kulturgeschichte der Drachen. Berliner Vergangenheitsverlag 2010. Broschiert, 140 Seiten

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter

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