Die Entdeckung der Vampire

Die politische Dimension des legendären Blutsaugers

Traktat

Originalseite aus dem 1733 erschienen Traktat „Vernünftige und Christliche Gedancken über die Vampirs“ von Johann Christoph Harenberg.

1725 erreichte Wien der Bericht über das Wüten eines Vampirs im serbischen Dorf Kisolova. Es hieß in dem Dorfe sei ein gewisser Peter Plogojoviz verstorben und bestattet worden. Innerhalb der folgenden acht Tage starben weitere neun Menschen nach 24-stündiger Krankheit. Auf dem Sterbebett berichteten sie, dass der verstorbene Plogojoviz im Schlaf zu ihnen gekommen sei, sich auf sie gelegt und gewürgt habe. Schließlich berichtete die Frau des Verstorbenen, dass ihr toter Mann zu ihr gekommen sei und die Herausgabe seiner Schuhe verlangt habe.

Die Bevölkerung alarmierte den Kameralprovisor, einen kaiserlichen Beamten im Gesundheitswesen des Gradisker Distrikts, und forderte ihn auf, zusammen mit dem örtlichen Pfarrer, der Exhumierung des Plogojoviz beizuwohnen. Der Provisor sollte anhand eindeutiger körperlicher Merkmale des Verstorbenen bestätigen, dass Plogojoviz ein Vampir sei und der sachgerechten Vernichtung des Untoten beiwohnen. Der Provisor berichtete:

„daß erstlich von solchem Cörper und dessen Grab nicht das mindeste sonst der Todten gemeinen Geruch verspüret; der Cörper, ausser der Nasen, welche etwas abgefallen, ganz frisch; Haar und Barth, ja auch die Nägel, wovon die alten hinweg gefallen, an ihm gewachsen; die alte Haut, welche etwas weißlicht war, hat sich hinweg geschelet, und eine neue frische darunter hervor gethan; das Gesicht, Hände und Füße, und der ganze Leib waren so beschaffen, dass sie in seinen Lebzeiten nicht hätten vollkommener seyn können; in seinem Munde habe nicht ohne Erstaunen einiges frisches Blut erblicket, welches der gemeinen Aussage nach, er von denen durch ihn umgebrachten gesogen hatte. In Summa, es waren alle indicia vorhanden, welche dergleichen Leute an sich haben sollten.“

Für die Dorfbewohner war der Fall ohnehin klar und so spitzten sie eiligst einen Pfahl und durchstießen damit sachgerecht den Körper des Vampirs, genau durch das Herz. Die Folge war ein Spektakel, das der Provisor folgendermaßen beschreibt: „da denn bey solcher Durchstechung nicht nur allein häuffiges Blut, so ganz frisch, auch durch Ohren und Mund geflossen, sondern noch andere wilde Zeichen (penis erectio) fürgegangen.“ Mit der ordnungsgemäßen Einäscherung des Leichnams war die Angelegenheit für die Dorfbevölkerung erledigt.

Vampirmeldungen – ein Fall für Habsburger Militärärzte

Bei den Menschen der 1718 mit dem Frieden von Passarovitz an Österreich gefallenen osmanischen Gebiete war die Existenz von Vampiren seit Jahrhunderten fester Bestandteil des Volksglaubens. Den Habsburgischen Beamten waren die mysteriösen Todesfälle, von denen immer wieder aus den Dörfern der neuerworbenen Gebiete berichtet wurde, Anlass genauerer Untersuchungen. Bis 1732 blieben die Vampirberichte und amtlichen Untersuchungen weitestgehend behördeninterne Verwaltungsakte. Im Dezember 1731 jedoch wurde der Militärarzt Glaser mit einer Untersuchung im serbischen Dorf Medvegya beauftragt. Dreizehn Bewohner waren hier nach Auffassung der Einheimischen von einem „Vampyr“ ermordet worden. Nach Glasers Untersuchungsbericht wurde eine zweite Untersuchung angeordnet, die der Regimentsfeldscher Johann Flückinger durchführte. Sein Bericht endet mit den Worten:

„Nach geschehener Visitation seynd denen Vampyren die Köpf durch dasige Zigeuners herunter geschlagen und sambt denen Cörpern verbrent, die Aschen davon in den Fluß Morova geworfen, die verwesene Leiber aber widrumb in ihre vorgehende Gräber gelegt worden.“

Naturwissenschaft und Medienhype

Während die Angelegenheit bürokratisch gesehen im November 1732 erledigt war, hatte der südosteuropäische Untote bereits seit Anfang desselben Jahres die Aufmerksamkeit der mittel- und westeuropäischen Öffentlichkeit gewonnen. Glasers Vater, ein Wiener Arzt, schickte den Bericht seines Sohnes als Korrespondent an die erste medizinische Wochenschrift in Deutschland – das Nürnberger „Commercium litterarium ad rei medicae et scientiae naturalis incrementum institutum“ (1731 – 1745). Und kaum hatte das Blatt die Geschichte publiziert, fand sie auch Eingang in andere Zeitungen und erreichte damit das Interesse der gebildeten Kreise Europas. Die Berichte über die serbischen Blutsauger verursachten einen Medienhype, in dessen Rahmen offensichtlich auch die Untoten des west- und mitteleuropäischen Aberglaubens ihre Aktivitäten verstärkten. Auch in wissenschaftlichen Traktaten wurden die Vampire in einem Atemzug mit Wiedergängern, anderer Regionen, mit Dämonen und Geistern genannt. Nicht erst mit „Dracula“, der Kunstfigur Bram Stokers, waren die Konturen des speziellen südosteuropäischen Phänomens Vampir völlig unscharf geworden. Mit den langen Eckzähnen mischten sich Elemente des Werwolfes, mit der Blutsaugerei gar antike Dämonen in das publizistische „Erbgut“ des Vampirs. Zedlers Universallexikon weiß 1745 beispielsweise zu berichten:

„Vampyren, oder Blutsauger, diese haben mit den schmatzenden Todten [ . . . ] grosse Verwandtschaft. [ . . . ] In Polen weiß man auch von solchen Todten vieles zu erzählen, die in ihren Gräbern noch fressen, als Gespenster herum wandern, und die Leute in der Nachbarschaft umbringen sollen. [ . . . ] In Schlesien, und zwar in einem Dorffe Hozeploz genannt, sollen die Menschen nach dem Todte sehr oft zu den ihrigen zurückkommen, mit ihnen essen und trincken, ja gar mit ihren hinterlassenen Weibern sich fleischlich vermischen. Wenn reisende Leute zu der Zeit, da sie aus den Gräbern herauskommen, durch das Dorf paßieren, lauffen sie ihnen nach, und hucken auf ihre Rücken.“

Aberglaube und Machtpolitik

Tatsächlich war das Interesse vor allem der Obrigkeit an naturwissenschaftlicher Aufklärung gewaltig. Ziel der Untersuchungen durch die Militärärzte war es vor allem, dem vampirischen Aberglauben in dieser Region durch wissenschaftliche Erklärungen des Phänomens die Grundlage zu entziehen. Der Grund für dieses nahezu missionarische Aufklärungsbedürfnis war vor allem politischer und wirtschaftlicher Natur. Ähnlich wie in Kisolova hatten die Bewohner Medvegyas gedroht, aus dem Dorf abzuwandern, wenn man ihnen nicht erlaube, den für die unheimlichen Todesfälle verantwortlich gemachten Vampir nach altem Brauch zu vernichten. Mit der Abwanderung wäre jedoch die Ostgrenze zum osmanischen Reich preisgegeben worden, denn Medvegya war ein Heiduckendorf, seine Bewohner besoldete Infanteristen mit ihren Familien, die hier zur Grenzsicherung angesiedelt waren.

Aufgeklärte Medienpolitik

Die Vorstellung vom Vampir als Schreckgespenst abergläubiger und rückständiger Völkerschaften, im hintersten Winkel des Habsburgerreiches und das geradezu zwanghafte naturwissenschaftliche Erklärungsbedürfnis, hatte also vor allem einen politisch-propagandistischen Hintergrund. Während sich in den Österreichischen Publikumszeitungen keine Nachrichten über die Vampirvorkommnisse der rumänisch-serbischen Grenzgebiete fanden, wurden sie von den preußischen Medien begierig aufgenommen und verbreitet. Zeitungen waren in jener Zeit ein ausgesprochen populäres Massenmedium, das sowohl die gebildete Oberschicht, als auch die Unterschicht erreichte. Mitte des 18. Jahrhunderts waren Zeitschriften und Zeitungen in Salons und Kaffeehäusern, an den Höfen und in den Bürgerstuben verfügbar. Über die Auslage in den Wirtshäusern, über Lesekreise und Gemeinschaftsabonnements gelangte sie auch an die niederen Stände. Diese Reichweite machte das Medium zu einem interessanten Propagandainstrument.
Der Vampirfall von Hermersdorf dokumentiert, wie der südosteuropäische Volksglaube zum Spielball machtpolitischer Interessen wurde. Im Februar 1755 entsandte die Habsburgerin Maria Theresia die Ärzte Johannes Gasser und Cristian Wabst zur Untersuchung eines Vorfalls in das schlesische Hermersdorf. Man könnte diesen Fall zu den Akten legen, gäbe es da nicht einige Aspekte, die ihn von den oben Beschriebenen unterscheiden. Abgesehen von den üblichen medizinischen Erkenntnissen scheint der Bericht der beiden Ärzte vor allem ein Pamphlet gegen den ländlichen Aberglauben zu sein. Im Gegensatz zur gelehrten Debatte des Jahres 1732 versuchten die österreichischen Ärzte ein Programm gegen den Aberglauben zu formulieren und verurteilten in ihrem Bericht vor allem die für die Exhumierungen verantwortliche Allianz aus kirchlichen und weltlichen Behörden. Für den Preußenkönig Friedrich II, war der Fall Hermersdorf ein gefundenes Fressen. So hatte der kräftig an seinem Image des aufgeklärten Herrschers und dem Großmachtanspruch Preußens arbeitende Konkurrent Maria Theresias offensichtlich die Berichte über den ländlichen Aberglauben in Österreich in die Berliner Zeitungen lanciert. Dass das hinsichtlich Kritik am Aberglauben und Inkompetenz der lokalen österreichischen Institutionen und Ärzte ohnehin schon tendenzielle Traktat in den preußischen Zeitungen journalistisch noch ein wenig aufgearbeitet wurde, versteht sich von selbst. Letztendlich war der schon längst nicht mehr dem Original des Volksglaubens entsprechende Vampir zur „politischen Figur“ geworden.

Der Beitrag ist eine gekürzte Version des gleichnamigen Kapitels aus:
Wolfgang Schwerdt: Vampire, Wiedergänger und Untote. Auf der Spur der lebenden Toten. Berliner Vergangenheitsverlag 2011. Broschiert, 180 Seiten

 

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