Die Welt der Wissenschaft im 18. und 19. Jahrhundert

Göttingen

Göttinger Universitäts- und Bibliotheksgebäude um 1815, Kupferstich von H. Chr. Grape

Mit einer Sonderausstellung feierte die 1737 gegründete Georgia Augusta in Göttingen von Juni bis Oktober 2012 ihr 275 jähriges Bestehen. Dabei präsentierte die seinerzeit führende Hochschule der deutschen Aufklärung ihre auch heute noch international bedeutsamen Lehr- und Forschungssammlungen. Einige dieser Sammlungen stehen in direktem Zusammenhang zu den Reisen der Naturforscher des 18. Jahrhunderts. Die zweifellos bedeutendste und heute weltweit größte ihrer Art ist die Göttinger Cook-Forster-Sammlung , deren Grundstein 1781 durch den damaligen Inspektor der Naturaliensammlung, Johann Friedrich Blumenbach gelegt wurde.

Blumenbach – ebenfalls Mitglied der britischen Wissenschaftsvereinigung Royal Society und der Deutschen Akademie Leopoldina – hatte seine Beziehungen spielen lassen und den britischen König Georg III. zur Finanzierung des Ankaufs von Objekten bewegt, die auf den Reisen von James Cook gesammelt worden waren. Dass ausgerechnet der britische König eine deutsche Universität unterstützte, erscheint nur auf den ersten Blick verwunderlich. Denn Georg III. war gleichzeitig Kurfürst von Hannover. Als ebensolcher hatte Georg II. die Georgia Augusta 1737 höchstpersönlich gegründet und sein Nachfolger stand dementsprechend in der Pflicht.

Göttingen, die Südsee und der britische König

Einen großen Teil der für die Göttinger Sammlungen angekauften Südseeartefakte hatten der deutsche Naturforscher Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg mitgebracht, die 1772 bis 1775 im Auftrag der britischen Admiralität, Cook auf dessen zweiter Reise begleiteten. Der damals 17 jährige Georg verfasste 1777 unter dem Titel „A Voyage Round The World“ eine populäre Reisebeschreibung, die internationales Aufsehen erregte und zu seiner Mitgliedschaft in zahlreichen wissenschaftlichen Akademien Europas führte, allen voran in der 1662 als private Vereinigung experimenteller Wissenschaftler gegründeten Royal Society. 1778 bis 1784 lehrte Georg in Kassel und weil er in diesem Zusammenhang regelmäßig die damals einzigartige Bibliothek der Göttinger Universität nutzte, entwickelten sich auch persönliche Beziehungen zur Georgia Augusta. Georg heiratete 1785 die Tochter des Bibliotheksdirektors Cristian Gottlob Heyne, eine Beziehung, die auch dazu beitrug, dass ein Teil der Südseesammlung der Forsters in Göttingen landete.
Seit seiner Rückkehr nach Deutschland stand Georg unter anderem mit Joseph Banks in engem schriftlichen Kontakt. Der Privatgelehrte Banks war nicht nur Cooks Begleiter auf dessen erster Forschungsreise gewesen und hatte durch seinen Rückzug den Platz für die beiden Forsters auf Cooks zweiter Reise freigemacht. Er war als Vorsitzender der Royal Society auch Initiator der Bounty-Expedition 1787 und Förderer von Matthew Flinders, der 1801/1802 die Küste Australiens erforschte und vermaß.

Die experimentelle Physik und der Vorstoß in neue Welten

Viele private und wissenschaftliche Verbindungen lassen sich also zwischen den Wissenschaftlern und Naturforschern, den Reisenden und den Universitätsprofessoren des Zeitalters der Forschungsreisen herstellen und das in wahrlich internationalem Maßstab. Aber diese wissenschaftlichen Verflechtungen formellen und informellen Strukturen haben ihre Ursprünge bereits in der Zeit des Aufbruchs in die neuen Welten. Mit dem maritimen Aufbruch der Europäer zu neuen Ufern stellten sich an das Wissen der Menschen und an die Informationsgewinnung, also auch an die Wissenschaft völlig neue Herausforderungen. Dabei ging es nicht nur um die Probleme, die allein die Unfähigkeit der korrekten Bestimmung der geografischen Länge nach sich zog.
Die konkreten, praktischen und natürlich auch philosophischen Fragen, die sich aus den immer neuen Entdeckungen ergaben, ließen sich nicht mehr allein aus dem Studium antiker Schriften und der Bibel heraus beantworten. Die experimentelle Überprüfbarkeit von Vermutungen und theoretischen Konstrukten, die Beobachtung der Wirklichkeit, das Sammeln und Untersuchen von Informationen, das Gewinnen von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, das Vermessen und Dokumentieren wurde zum Schlüssel erfolgreicher Expansion, zu Reichtum und Macht von Individuen ebenso wie von Nationen. Astronomie und Mathematik, experimentelle und angewandte Physik gehörten zu den Gebieten, mit denen die frühneuzeitlichen Wissenschaftler sowohl die Grundlagen moderner Navigation legten als auch selbst in ganz neue Welten vorstießen.

Die Ablösung der biblischen Wissenschaft

Nicolaus Copernicus etwa, der Arzt, Ökonom und Hobbyastronom beschrieb Anfang des 16. Jahrhunderts das heliozentrische Weltbild. Dabei geht es um die Vorstellung, dass sich die Erde und die anderen Planeten um die Sonne drehen. Das heliozentrische Weltbild war damals nicht wirklich neu. Bereits der antike Astronom Aristarchos von Samos hatte im dritten vorchristlichen Jahrhundert diese Vorstellung vertreten. Damit stand dieser – ebenso wie Kopernikus rund 1900 Jahre später – in Gegensatz zur vorherrschenden Lehrmeinung. Aber die Zeit für neue Wege auch im Denken und Forschen war im 16. Jahrhundert reif. Und so folgte Johannes Keppler (1571-1630) mit seinen mathematischen Gesetzen der Planetenbewegung und der Einführung in das Rechnen mit Logarithmen und schließlich Galileo Galilei (1564-1642). Der gewann seine Erkenntnisse nicht allein aus mathematischen Berechnungen, sondern er beobachtete den Himmel mit seinen selbst konstruierten und für die damalige Zeit hochauflösenden Fernrohren. Dadurch konnte er nicht nur das heliozentrische Weltbild als physikalische Wirklichkeit belegen, sondern er fand neue Welten, die denen der maritimen Eroberer kaum nachstanden. Er entdeckte die Jupitermonde und die Bedeutung der Venusphasen als Beleg für das heliozentrische Weltbild. Und seine Feststellung, dass die Milchstraße kein Nebel, sondern eine Ansammlung unendlich vieler Planeten, möglicherweise gar weiterer Sonnensysteme war, stellte zudem die aus der Bibel abgeleitete schöpferische Einzigartigkeit unserer Erde in Frage.

Wissenschaftliche Gesellschaften und Akademien

NavigationHandbuch

Frontispiz des Segelhandbuches „Licht der Seefahrt“ von 1608. Es zeigt die ganze Bandbreite der zu jener Zeit verfügbaren Navigationsinstrumente, angefangen vom Kompass, der Sanduhr, den Astrolaben Zirkel und Jakobsstab und Himmels- und Erdgloben.

Es waren die wissenschaftlichen Gesellschaften auf deren Basis sich die experimentelle Wissenschaft entwickeln konnte. Zunächst formlose Zusammenschlüsse naturwissenschaftlich orientierter Forscher, bildeten diese Gruppen bald festere Strukturen, die mit königlichen oder fürstlichen Privilegien ausgestattet zu Akademien wurden. Schnell wurden diese Forschungseinrichtungen – mehr noch als die meist konservativen theologisch-philosophisch ausgerichteten Universitäten mittelalterlichen Ursprungs – zum Träger des wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts. Und sie wurden Teil wirtschafts- und machtpolitischen Kalküls. Die französische Académie des sciences beispielsweise entstand 1666 auf Initiative des damaligen Superministers Jean-Baptiste Colbert, des Chefökonomen des Sonnenkönigs. Colbert war nicht nur für die Staatsfinanzen verantwortlich, sondern ab 1661 ebenfalls für Verkehr, Handel und Kunst. Aufgrund seiner Reformen gilt er als Gründer der französischen Marine, deren Neustrukturierung in engem Zusammenhang mit den kolonialen Ambitionen Frankreichs zu sehen ist. Auf Initiative Colberts wurden unter anderen auch die französische Ostindische und Westindische Handelskompanie gegründet.

Das Zeitalter der wissenschaftlichen Expeditionen

1666 lud Colbert also eine ausgewählte Gruppe von aufgeschlossenen Wissenschaftlern ein, in der königlichen Bibliothek in Paris ihre Arbeitssitzungen abzuhalten. 1699 wurde der Wissenschaftszirkel auf Erlass Ludwig XIV. zur Académie royale mit Sitz im Pariser L’Ouvre und entwickelte sich seitdem zu einer der führenden Wissenschaftseinrichtungen Frankreichs. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich auch die Wissenschaftler der Académie mit der für die Seefahrt und die koloniale Verwaltung so wichtigen Erdvermessung befasste. Mit zwei großen Expeditionen versuchten die Académiemitglieder Charles Marie de la Condamine (1735-1745 in Südamerika) und Pierre Louis Moreau de Maupertuis (1736 in Lappland) der Größe und Gestalt der Erde auf die Spur zu kommen und dabei auch dem immer noch nicht gelösten Problem der Längenbestimmung auf den Leib zu rücken. Maupertuis war übrigens seit 1728 auch Mitglied der englischen Royal Society und 1740 hätte er, wäre es nach dem Willen Friedrich II. gegangen, die Leitung der 1700 gegründeten Preußischen Akademie der Wissenschaften übernehmen sollen.
Keine Frage, die Wissenschaft der frühneuzeitlichen und neuzeitlichen Aufklärung war international, die Wissenschaftler pflegten nicht nur per Schriftwechsel einen regen wissenschaftlichen Austausch über alle nationalen Grenzen hinweg, sie waren auch selbst außerordentlich mobil. Kein Wunder, denn im ökonomisch-technologischen Wettbewerb der Nationen an der Schwelle der industriellen Revolution, waren qualifizierte Naturforscher unabhängig von ihrer nationalen Herkunft in allen europäischen Nationen sehr gefragt. Und ganz offensichtlich erhöhte die Mitgliedschaft in möglichst vielen Gelehrtengesellschaften den persönlichen Marktwert. Umgekehrt war natürlich auch die Mitgliedschaft besonders prominenter internationaler Kollegen für das Ansehen einer wissenschaftlichen Gesellschaft von hohem Wert.

Angriff auf die Längenfrage

Angesichts der Konkurrenz der europäischen Staaten um die Ressourcen der Welt erscheint die eher grenzenlose Wissenschaftsgemeinde auf den ersten Blick im deutlichen Widerspruch zu den nationalen Interessen ihrer königlichen oder fürstlichen Förderer zu stehen. Aber die naturwissenschaftlichen Fragestellungen waren so komplex und die Untersuchungsmethoden so aufwändig geworden, dass sie weder von einzelnen Forschern, noch von der intellektuellen Elite einzelner Nationen und erst recht nicht deutscher Fürstentümer bewältigt werden konnten. Zehntausende von Briefen tauschten die führenden Naturforscher mit ihren Kollegen im Rahmen der wissenschaftlichen Diskurse aus. Denen lagen zum Teil zeitaufwändige physikalische Experimente zugrunde, für die zudem spezielle Apparaturen erdacht und erbaut werden mussten. Viele Jahre dauerte es, um allein die auf einzelnen Forschungsreisen gesammelten Notizen, Informationen und Artefakte auch nur zu dokumentieren, zu systematisieren und auszuwerten. Und natürlich band auch die Suche nach der Lösung des Längenproblems erhebliche wissenschaftliche Ressourcen. Observatorien wurden gebaut, allen voran das königliche Observatorium in Greenwich 1675. Und 1714 lobte das englische Parlament gar einen Preis von bis zu 20.000 Pfund für eine praktikable Lösung aus.

Naturwissenschaften und bürgerliche Öffentlichkeit

Erst mit der Erprobung eines Nachbaus des 1759 von John Harrison entwickelten Chronometers durch James Cook auf seiner zweiten Reise im Jahr 1775 durfte die Längenfrage als gelöst gelten. Damit konnte nun auch die exakte Vermessung – und Aufteilung – der Erde in Angriff genommen werden.
Und während sich die einen – sozusagen als science adventurers – auf abenteuerliche Forschungsreisen in die entferntesten Winkel der Welt begaben, bemühten sich andere die ständig anwachsende Wissens- und Informationsflut in praktische Anwendungen umzusetzen. Zunächst experimentell gewonnene physikalische Gesetzmäßigkeiten fanden ihren Niederschlag beispielsweise in Fördersystemen oder Pumpen für den Bergbau. Neue Wissenschaftsfelder wie beispielsweise die Geologie eröffneten der Suche nach Bodenschätzen in aller Welt neue Perspektiven. Die Verbindung zwischen Naturwissenschaft und Technik bildete schließlich die Grundlage der Ingenieurwissenschaften. Lehr- und Forschungssammlungen, die wissenschaftlichen Zeitschriften der Akademien, der Briefwechsel zwischen den Forschern oder die wissenschaftlichen Publikationen, die in den Universitäts- und Akademiebibliotheken ihren Eingang fanden, sorgten für den Austausch neuester Erkenntnisse innerhalb der Wissenschaftsgemeinde.
Angesichts der durch die Ingenieurskunst zunehmend praktisch sicht- und nutzbaren Ergebnisse, wurden die Naturwissenschaften seit dem 18. Jahrhundert auch in weiteren Kreisen der Bevölkerung populär. So populär, dass etwa die Reiseberichte von Cook, Flinders & Co zu echten Bestsellern wurden und die allgemeinen und speziellen Enzyklopädien die Bücherregale der bürgerlichen Gesellschaft eroberten.

Der Beitrag ist eine gekürzte Version des gleichnamigen Kapitels aus:
Wolfgang Schwerdt: Forscher, Katzen und Kanonen. Über Leben und Arbeit von Forschungsreisenden im 18. und 19. Jahrhundert. Berliner Vergangenheitsverlag 2012. Broschiert, 200 Seiten

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