Generaloberst Heinz Wilhelm Guderian 3

Teil 3: Guderian und der Vernichtungskrieg im Osten

Von Dr. Klaus-Jürgen Bremm, Osnabrück

Das Abzeichen der 2. Panzerarmee von Juni bis Ende 1941. Das G weist auf den Kommandeur Heinz Wilhelm Guderian hin. Quelle: Deut.2.PzArmee-Abzeichen CC BY-SA 3.0

Das Abzeichen der 2. Panzerarmee von Juni bis Ende 1941. Das G weist auf den Kommandeur Heinz Wilhelm Guderian hin. Quelle: Deut.2.PzArmee-Abzeichen CC BY-SA 3.0

Der rasante Aufbau der Panzertruppe war, ebenso wie der des gesamten deutschen Heeres noch längst nicht abgeschlossen, als Hitler schließlich am 1. September 1939 den Einmarsch in Polen befahl. Die Masse der Fahrzeuge bestand immer noch aus den unzulänglichen Typen I und II. Dagegen besaß das deutsche Heer von den kampfkräftigeren Modellen III und IV zu Beginn des Krieges kaum mehr als 300 Panzer, doch waren die meisten Fahrzeuge immerhin mit Funkempfängern ausgestattet.

Für Guderian war der Krieg gegen den alten Rivalen im Osten durchaus eine Herzensangelegenheit, gehörte doch sein Geburtsort Kulm in Westpreußen seit 1918 zu Polen. Allerdings hoffte er, dass sich Briten und Franzosen nach einem schnellen deutschen Sieg wieder an den Verhandlungstisch begeben würden.

Guderians XIX. Armeekorps und die ersten Erfolge der deutschen Panzerwaffe

Im Rahmen der 4. Armee des Generalobersten Günter v. Kluge griff Guderians XIX. Armeekorps als Speerspitze von Hinterpommern aus über die Tucheler Heide an. Das Führen von vorne wurde rasch sein Markenzeichen und half, so manche kritische Situation bei der kriegsungewohnten Truppe wieder in Schwung zu bringen. Von Ostpreußen aus setzte sein Korps erneut an, überquerte den Narew und erreichte nach heftigen Kämpfen am 17. September die ostpolnische Stadt Brest-Litowsk, wo kurz darauf auch gemäß der Geheimklauseln des Hitler-Stalin-Paktes sowjetische Truppen eintrafen. Der anschließenden gemeinsamen Siegesparade dürfte der ehemalige Ia der „Eisernen Division“ mit gemischten Gefühlen beigewohnt haben. Zwei Jahre spätere schrieb der überzeugte Antibolschewist grimmig an seine Frau: „Am 22. (Juni 1941) ging der Kampf an der Stelle los, wo ich 1939 aufgehört hatte.“ Angesichts der herben Verluste des XIX. bestand auf deutscher Seite ohnehin kein Anlass für Champagnerlaune. Die 650 Gefallenen des Korps und seine mehr als 1500 Verwundeten oder Vermissten waren nur ein kleiner Vorgeschmack auf weitere entsetzliche Aderlässe, da die beiden Hauptgegner im Westen noch gar nicht in den Krieg eingegriffen hatten.
Obwohl ein geschlossener Einsatz der sechs Panzerdivisionen in dem nur 18-tägigen Feldzug nicht zustande gekommen war, hatte sich die neue Waffe doch überwiegend bewährt. Trotz des Verlustes von immerhin 217 Kampfwagen konnte jetzt mit Hilfe tschechischer Beutefahrzeuge vom Typ Skoda (35/38 t) die Zahl der Panzerdivisionen auf zehn erhöht werden.

Der Höhepunkt in Guderians militärischer Laufbahn

Der folgende Feldzug im Westen begann nach einem halbem Jahr voller Querelen um den besten Operationsplan am 10. Mai 1940. Er brachte den Höhepunkt in Guderians militärischer Laufbahn und seine Beförderung zum Generaloberst. Den Traditionalisten im Heer schien es nicht gerade ein aussichtsreicher Plan, die Masse der deutschen Panzer in langen Kolonnen auf den engen Straßen der Ardennen zu konzentrieren, doch operative Mängel auf französischer Seite, mehr noch aber das rücksichtslose Vorantreiben der deutschen Panzerspitzen über die Maas hinaus machten aus dem gewagten Spiel einen unerwarteten militärischen Triumph. In nur drei Tagen erreichte Guderian, der wieder an der Spitze seines alten XIX. Panzerkorps stand, mit seinen drei Divisionen, darunter das voll motorisierte Infanterieregiment „Großdeutschland“, die Maas bei Sedan und bildete unter kurzen heftigen Kämpfen einen Brückenkopf, der schon am nächsten Tag auf mehr als 20 km Tiefe ausgedehnt werden konnte. Erstmals kämpften die Panzerdivisionen jetzt geschlossen in der Panzergruppe des Generals Ewald v. Kleist im Schwerpunkt des Angriffs. Trotz ihrer waffentechnischen Unterlegenheit gegenüber den französischen Modellen rollten die deutschen Panzer, ohne sich um ihre Flanken zu kümmern, in nur einer Woche durch Nordfrankreich zur Kanalküste und entschieden damit den Feldzug gegen den so genannten Erzfeind praktisch im Alleingang. Als die Spitze von Guderians 2. Panzerdivision am Abend des 20. Mai 1940 die Mündung der Somme bei Abbeville erreicht hatte, bedeutete dies den größten Sieg des deutschen Heeres seit 1870, erzielt mit einer Waffe, von der Deutschland nur zehn Jahre zuvor nicht mehr als ein halbes Dutzend Versuchsfahrzeuge besessen hatte.

Kriegsverbrecher unter amerikanischer Protektion

Die bahnbrechenden Erfolge der Panzerwaffe ließen auch ihre letzten Kritiker im Heer verstummen. Im Herbst 1940 wurde die Zahl der Panzerdivisionen verdoppelt. Allerdings musste dazu die Panzerregimenter in den bereits vorhandenen Divisionen halbiert werden. Da zeichnete sich aber schon Hitlers größtes und verhängnisvollstes Abenteuer ab: Der Krieg gegen die Sowjetunion.
Dass dieser Feldzug unter völlig anderen Bedingungen als die bisherigen stattfinden sollte, erfuhren die Kommandeure des Heeres spätestens am 31. März 1941, als ihnen Hitler in der eindrucksvollen Kulisse der neuen Reichskanzlei die Grundzüge seiner Politik offen darlegte. In einer zweistündigen Rede stimmte der Diktator seine obersten Befehlshaber, darunter auch Guderian, auf einen schonungslosen Vernichtungskrieg im Osten ein, in dem unter bewusster Missachtung des humanitären Kriegsvölkerrechtes vor allem die Kommissare als angebliche Träger der bolschewistischen Ideologie sofort erschossen werden sollten. Gegen diese Absicht erhob sich auch dann kein Widerstand seitens der Generale, als schließlich im Mai, wenige Wochen vor Angriffsbeginn, der berüchtigte Kommissarbefehl in schriftlicher Form an die drei Heeresgruppen erging. Auch in Guderians Panzergruppe wurde der Mordbefehl entgegen späteren Schutzbehauptungen anstandslos weitergeleitet und umgesetzt. Bis zum Dezember 1941 meldete Guderians Pz-AOK 2 nach neuesten Untersuchungen (Felix Römer) etwa 250 sowjetische Kommissare, die nach ihrer Gefangenname von der Truppe sofort erschossen worden waren. Dass Guderian im Oktober 1941 sogar den radikalen Mordbrennerbefehl des Generalfeldmarschalls Walter v. Reichenau, der von Hitler ausdrücklich gelobt worden war, auch in seinem Verantwortungsbereich billigte – „Anliegenden Befehl der 6. Armee mache ich mir zu eigen“ – zeigt, wie sehr er sich mit den darin klar ausgesprochenen Ziel einer systematischen Beseitigung der Juden in den besetzten Gebieten identifizierte (Johannes Hürter, Hitlers Heerführer). Allein der amerikanischen Protektion hatten es Guderian wie auch der langjährige Chef des Generalstabes, Franz Halder, zuletzt zu verdanken, dass in Nürnberg keine Anklage gegen sie erhoben worden ist. Dieselbe Beweislage hatte immerhin gereicht, um Wilhelm Keitel, einen Vetter zweiten Grades von Guderians Frau, an den Galgen zu bringen. Den Panzerspezialisten Guderian schienen die Amerikaner jedoch noch zu benötigen. Auch die von den Polen geforderte Auslieferung Guderians wegen seiner Tätigkeit als Chef des Heeresgeneralstabes während des Warschauer Aufstandes im Spätsommer 1944 wiesen sie daher zurück.

Guderian, ein genialer Truppenführer ohne politische Distanz zum Regime

Guderian, der den Oberbefehl über seine 2. Panzerarmee bereits im Dezember 1941, nach dem Scheitern der deutschen Offensive vor Moskau, wegen operativer Differenzen mit Hitler hatte abgeben müssen, lehnte es trotz seiner vorübergehenden Kaltstellung ab, mit dem Widerstand zu kooperieren. Schon 1942 waren Karl Goerdeler und General Friedrich Olbricht an ihn herangetreten. Der General im Wartestand aber hatte dem zögerlichen Beck nicht die Führung eines Staatsstreiches zugetraut und gab sich zudem der bemerkenswerten Illusion hin, man könne „die Mängel und Missstände des nationalsozialistischen Systems“ und vor allem „die Fehler, die in der Person Hitlers“ lagen, noch abstellen. Nach dem 20. Juli 1944 spielte Guderian schließlich eine ambivalente Rolle, indem er als neuer Chef des Heeresgeneralstabes und Beisitzer eines so genannten Ehrengerichts daran mitwirkte, die an Graf Stauffenbergs Attentat beteiligten Offiziere aus der Wehrmacht auszustoßen. Allerdings verstand er es in dieser Funktion auch, einige weniger belastete Offiziere aus der Schusslinie zu bringen.
Trotz zunehmend schärfer werdender Differenzen mit Hitler, die schließlich noch in der Endphase des Krieges zu seiner Beurlaubung führten, war Guderian nie ein grundsätzlicher Gegner der verbrecherischen Kriegspolitik des Diktators. Obwohl sein Verhalten gegenüber Untergebenen unbestreitbar von großer Fürsorge geprägt war, und er auch deswegen keinem Streit mit Hitler aus dem Weg ging, gelang es ihm bis zuletzt nicht, sich von dessen Regime politisch zu distanzieren. Wie Dutzende anderer Heerführer hatte er überhaupt erst durch seine kritiklose Gefolgschaft Hitlers Eroberungspolitik und den damit verbundenen Völkermord ermöglicht. Auch seine nach der Entlassung aus alliierter Kriegsgefangenschaft im Juni 1948 verfassten Erinnerungen eines Soldaten enthalten nicht die geringste Einsicht in diesen verhängnisvollen Zusammenhang. Guderian war fraglos ein genialer, ja beinahe charismatischer Truppenführer mit einem sicheren Blick für das taktisch oder operative Richtige. In seinem politischen Urteilsvermögen war er jedoch fast kindlich naiv, stand allerdings mit diesem Manko in seiner Generation bei weitem nicht allein. Er verstarb schließlich am 14. Mai 1954 an seinem Alterssitz in Schwangau, erst 66 Jahre alt, fast genau ein Jahr, bevor die Bundesrepublik Deutschland der NATO beitrat.

1 2 3

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 20. Jahrhundert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s