Generaloberst Heinz Wilhelm Guderian 2

Teil 2: Die Entwicklung der Panzerwaffe

Von Dr. Klaus-Jürgen Bremm, Osnabrück

T-16-Panzer (1927), Prototyp des sowjetischen T-18 auch als MK 1 bezeichnet

T-16-Panzer (1927), Prototyp des sowjetischen T-18 auch als MK 1 bezeichnet

Angeregt von den Berichten des Oberleutnants Ernst Volckheim, einem Panzeroffizier des Ersten Weltkrieges, befasste sich Guderian mit dem Einsatzmöglichkeiten von Kampfpanzern und las jetzt auch intensiv die Werke der englischen Panzerfachleute John Frederike Fuller, Liddell Hart und Martel. Diese Offiziere hatten nach dem Krieg mit der Idee eigenständig operierender Panzerverbände bereits einen zukunftsweisenden Weg beschritten, waren aber zunächst am Widerstand konservativer Kreise im britischen Generalstab gescheitert. Erst 1931 wurde probeweise eine Tankbrigade geschaffen, die aber immer noch der Infanterie unterstellt blieb. Ebenso wie die englischen Offiziere scheiterte in Frankreich der damalige Oberst Charles de Gaules mit seinen Bemühungen, die Panzerwaffe aus ihrer bedrückenden Abhängigkeit von der Infanterie zu befreien.

Noch schwieriger hatten es die Protagonisten der neuen Waffe in der Reichswehr, wo zudem konkretes Anschauungsmaterial fehlte. Abwertende Urteile wie die des zeitweiligen Inspekteurs der Kraftfahrtruppe, Oberst v. Natzmer, waren kein Einzelfall. Anlässlich einer erfolgreich verlaufenen Übung kanzelte er Guderians Pläne zum Ausbau seiner Truppe zu Kampfverbänden mit den Worten ab: „Zum Teufel mit der Kampftruppe. Mehl sollt ihr fahren“.

Die ersten Schritte: mit Attrappen und „Großtraktoren“

Zu den Förderern der Panzerwaffe zählte dagegen Natzmers Nachfolger, der Oberst Alfred v. Vollard-Bockelberg. Die sogleich von ihm verfügte Umbenennung der Kraftfahrtruppe zur Kraftfahrtkampftruppe zeigte bereits die neue Richtung an. Im Frühjahr 1929 erhielt die Kraftfahrabteilung 6 in Münster den Auftrag, sich in ein motorisiertes Bataillon umzugliedern, das aus einer Kradschützenkompanie, einer Panzerspähwagen- sowie einer Kampfwagenkompanie bestehen sollte. Die guten Übungsresultate der neuen Truppe bewogen das Reichswehrministerium nur ein Jahr später, auch die übrigen sechs Kraftfahrabteilungen in motorisierte Bataillone umzubilden.
Im Februar 1930 wurde der inzwischen zum Major beförderte Guderian Kommandeur der 3. (preußischen) Kraftfahrtabteilung in Berlin-Lankwitz. Die Panzer- und Panzerspähwagen seines neuen Verbandes waren jedoch wegen der nach wie vor bestehenden alliierten Verbote mit Leinwand bespannte Nachbildungen von echten Gefechtsfahrzeugen, die Panzerkanonen aus Holz.
Immerhin gestatteten die damals oft verspotteten Attrappen in begrenztem Umfang eine taktische Ausbildung. Für die schieß- und fahrzeugtechnische Instruktion hatte die Reichswehrführung bereits 1926 mit der Sowjetunion ein Abkommen abgeschlossen, das ihr erlaubte, im russischen Kasan ein Kampfwagenausbildungszentrum unter der Tarnbezeichnung „Kama“ zu unterhalten. Die Rote Armee stellte dazu die ersten Kampfwagen MS I und MS II zur Verfügung, die mit einer 3,7 cm Kampfwagenkanone ausgerüstet waren. Später kamen dort auch deutsche Kampfwagenprototypen, sechs so genannte Großtraktoren mit einem 75 mm Geschützturm zum Einsatz. Guderian selbst konnte seine ersten praktischen Erfahrungen mit einem Panzerfahrzeug im Jahre 1929 machen, als er bei einem schwedischen Bataillon Gelegenheit hatte, den letzten deutschen Kriegspanzer, den LK II im Einsatz zu beobachten und sogar selbst zu fahren.

Neue Panzertypen für Deutschland

Doch schon zu Beginn der 1930er Jahre begann Deutschland ganz offen, neue Panzertypen zu entwickeln. Seit 1932 betrieb das Heereswaffenamt unter Leitung des nunmehrigen Generals v. Bockelberg die Entwicklung der leichten Panzertypen I und II, die später zur ersten Grundausstattung der neuen Panzerdivisionen gehörten. Ursprünglich als reine Ausbildungsfahrzeuge vorgesehen, bildeten sie tatsächlich noch während der ersten beiden Kriegsjahre das Rückgrat der deutschen Panzerwaffe. Trotz ihrer nur schwachen Bewaffnung mit Doppel-MG oder einer 20 mm Bordkanone (Panzer II) erfüllten sie bereits die technischen Grundforderungen an moderne Panzer. Beide Typen besaßen einen voll schwenkbaren Turm, hohe Geschwindigkeit und einen großen Fahrbereich. Die ambitionierten Pläne des Chefs des Truppenamtes, General Ludwig Beck, sahen bereits eine Ausstattung des deutschen Heeres mit 52 Panzerbataillonen vor, die in drei Panzerdivisionen und drei selbständigen Panzerbrigaden zusammen gefasst sein sollten.

Guderian wird mit „Achtung Panzer“ international anerkannter Fachmann der Panzerwaffe

In der von Beck 1932/33 herausgegebenen Vorschrift „Truppenführung“ war auch der Einsatz von Panzerkräften in großem Umfang vorgesehen, doch nach Ansicht von Guderian waren die Panzer darin immer noch zu sehr an die Operationen der Infanterie gebunden. Vor allem kritisierte der mittlerweile zum Stabschef der Kraftfahrinspektion ernannte Panzerspezialist, dass aus den drei vorgesehenen Panzerdivisionen kein geschlossenes Panzerkorps gebildet werden sollte und machte sich einmal mehr für selbständig operierende Panzerverbände stark, die im Schwerpunkt des Gefechtes die zentrale Waffe des Heeres sein sollten. In einem solchen Verband aller Waffen sollten die Panzer „die erste Geige“ spielen. Seine Ideen zur Panzerwaffe fasste Guderian 1937 in einer Broschüre unter dem effektvollen Titel „Achtung Panzer“ zusammen. Das Buch erlebte mehrere Auflagen, wurde sogar ins Englische und Französische übertragen und machte seinen Verfasser nicht nur in Fachkreisen populär.
Trotz aller konzeptionellen Differenzen waren somit bereits vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 die entscheidenden Weichen für die Entwicklung der deutschen Panzerwaffe gestellt. Unter Hitler konnte ihr Ausbau nun offen fortgesetzt werden. Von neuer Militärtechnik grundsätzlich fasziniert, sah er in der neuen Panzerwaffe vor allem ein Mittel, in einem zukünftigen Krieg die verhängnisvollen Materialschlachten des ersten Weltkrieges zu vermeiden. Als der Diktator 1934 einer Gefechtsvorführung der neuen Panzertruppe in Kummersdorf beiwohnte, soll er mehrfach ausgerufen haben: „Das ist es, was ich brauche. Das will ich haben“. Für Guderian schien Hitler ohnehin der neue starke Mann, der dem Heer seinen alten Glanz zurückzugeben versprach. Im Familienkreis zollte er ihm begeistert Lob, wie seine nicht weniger euphorisierte Frau in einem Brief an ihre Mutter durchblicken ließ: „Dass Heinzel Dir auch so begeistert von Hitler berichtet hat, freut mich sehr. Ich glaube nicht, dass wir in Deutschland einen besseren, mutigeren Führer finden werden.“

Die offizielle Geburtsstunde der deutschen Panzerwaffe

Das Jahr 1935 war schließlich die offizielle Geburtsstunde der deutschen Panzerwaffe. Im Oktober stellte die Heeresleitung im Rahmen der allgemeinen Aufrüstung Hitlerdeutschlands endlich die lange geplanten Panzerdivisionen Nr. 1 bis 3 auf. Die neuen Divisionen verfügten im Wesentlichen über zwei Panzerregimenter zu zwei Abteilungen, jede mit drei leichten Kompanien zu 21 Panzern und einer schweren Einheit mit zunächst 9 Kampfwagen, ein motorisiertes Infanterieregiment sowie ein Artillerieregiment. Dazu kamen ein Kradschützenbataillon, ein Panzerabwehrbataillon und eine gepanzerte Aufklärungsabteilung. Von den sechs neuen Panzerregimentern wurden zwei Verbände aus dem Personal der Kavallerie aufgestellt, das Kavalleriekorps selbst zum 1. April 1936 aufgelöst. Der inzwischen zum Oberst beförderte Guderian erhielt das Kommando über die im Raum Würzburg stationierte 2. Panzerdivision. Drei Jahre später, 1938, wurde schließlich das erste Generalkommando aus der alten Inspektion der Kraftfahrtruppen gebildet.

Guderians erste Zweifel an Hitler

Die erste praktische Bewährungsprobe der neuen Truppe zeigte jedoch, dass die Fragen der Versorgung mit Betriebsstoff und der Fahrzeuginstandsetzung bis dahin nur unzureichend geklärt waren. So war die Besetzung Österreichs im März 1938 nicht nur von den Bildern jubelnder Massen am Straßenrand geprägt, sondern auch durch den Anblick Dutzender Panzer, die ohne Kraftstoff oder mit technischen Mängeln liegen geblieben waren. Über den Diktator, neben dem er auf dem Balkon in Linz hatte stehen dürfen, als dieser die Ovationen einer begeisterten Menschenmenge entgegennahm, schrieb Guderian später euphorisch an seine Frau: „Ein ganz großer Mann. So ein Sieg ohne Schwertstreich wurde wohl noch nie in der Geschichte errungen.“ Hitlers Besetzung der Resttschechei im März 1939 löste jedoch erstmals Kritik aus, da Guderian darin ein Abweichen vom Pfad der nationalen Sammlung sah. Den skeptischen Fragen seines ältesten Sohnes, der inzwischen selbst Offizier war, wich er jedoch aus und versteckte sich hinter einem Argument Hitlers, der die Tschechei als „englischen Flugzeugträger mitten in Deutschland“ bezeichnet hatte.
Das skandalöse Revirement innerhalb der Heeresspitze im Frühjahr 1938 hatte erstmals für ernste Irritationen bei Guderian gesorgt. Dem damals soeben zum Generalleutnant beförderten Offizier gelang es jedoch noch einmal, sich über die plumpe Intrige gegen den Oberbefehlshaber des Heeres, Werner v. Fritsch, hinwegzutäuschen, als er seiner Frau nach Hitlers halbherziger Wiedergutmachung schrieb: Der Führer hat mit der schönsten menschlichen Anständigkeit gehandelt.“ Spätestens im Herbst 1938 war der gesamten deutschen Generalität klar, wohin der Kurs des Diktators ging, doch Guderian verspürte immer noch wenig Neigung, sich mit der politischen Lage auseinanderzusetzen oder gar wie Generaloberst Beck persönliche Konsequenzen daraus zu ziehen.

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