Generaloberst Heinz Wilhelm Guderian 1

Generaloberst Heinz Wilhelm Guderian. Quelle: Bundesarchiv, Bild 101I-139-1112-17 / Knobloch, Ludwig / CC-BY-SA

Generaloberst Heinz Wilhelm Guderian. Quelle: Bundesarchiv, Bild 101I-139-1112-17 / Knobloch, Ludwig / CC-BY-SA

Heinz Wilhelm Guderian wurde am 17. Juni 1888 im westpreußischen Kulm geboren. Er gilt als Erfinder der Panzertruppe als selbständige militärische Gattung. Als Sohn des Lieutenants Friedrich Guderian war seine militärische Karriere programmiert. Mit 13 Jahren trat er in das Kadettenkorps in Karlsruhe ein, später besuchte er die Kriegsakademie in Berlin. Ab 1907 diente er als Fähnrich und wurde 1908 zum Leutnant befördert. Nach seiner Karriere im ersten und zweiten Weltkrieg verstarb Heinz Wilhelm Guderian schließlich am 14. Mai 1954 an seinem Alterssitz in Schwangau.

Teil 1: Überragender Panzerführer und politischer Opportunist

Von Dr. Klaus-Jürgen Bremm, Osnabrück

Wenige Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges riet der soeben zum Generalmajor beförderte Friedrich Guderian seinem Sohn, damals Leutnant im Goslarer Jägerbataillon Nr. 10, sich mit neuen Technologien zu befassen und einen Fernmeldelehrgang zu besuchen. Schon immer zu eigenen Wegen neigend folgte der damals 24-jährige Heinz Guderian dem weitsichtigen Rat seines Vaters auch aus eigener Überzeugung und trat am 1. Oktober 1912 in die Funkkompanie des Koblenzer Feldtelegraphenbataillons ein. Offen bleibt allerdings, ob der spätere Panzergeneral tatsächlich auch die eigentümliche Ansicht seines Vaters geteilt hatte, dass die zweite damalige Laufbahnoption, die gleichfalls neue Maschinengewehrstruppe, nur wenig Zukunft besäße.

Das preußische Heer tat sich mit technischen Innovationen grundsätzlich schwer und überließ dieses Feld lieber ihren Außenseitern. Herkunft, Charakter und Korpsgeist, weniger aber technisches Wissen oder Können, prägten das Offizierkorps und auch die Masse der jungen Leutnants und Kompanieführer, die im August 1914 begeistert in den „Großen Krieg“ zogen und nie mit ihrer Niederlage fertig wurden. Aus ihnen sollte schließlich eine Generalität hervorgehen, die Hitler nur zwei Dekaden später half, seinen europäischen Kolonialkrieg zu führen, dabei aber gleichwohl den traditionellen Bahnen militärischen Denkens beharrlich verhaftet blieb und insbesondere der neuartigen Panzerwaffe mit Argwohn begegnete.

Zeiten des technologischen Umbruchs

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges plagten den jungen Guderian jedoch ganz andere Probleme als die Idee einer die Schlachtfelder revolutionierenden Zukunftswaffe. Schon der drahtlose Funk war für die meisten Kommandeure völliges Neuland und ein geordneter und sicherer Funkverkehr kam in den ersten Kriegswochen auf deutscher Seite nicht zustande. Vor allem die schweren Funkgeräte erwiesen sich den Anforderungen eines Bewegungskrieges kaum gewachsen, da sie nur stationär funktionierten.
Am 17. August 1914 erreichte Oberleutnant Guderian als Führer einer berittenen Funkstation unter dem Kommando eines Kavalleriekorps die Maas bei Dinant und konnte beobachten, wie deutsche Verbände noch in guter Ordnung den Fluss überschritten. Dass der zügige deutsche Vormarsch kaum drei Wochen später nördlich von Paris zum Stehen kommen und sich die Gegner anschließend vier Jahre lang in einem zermürbenden Stellungskrieg aufreiben sollten, ahnte er da noch nicht. Noch weniger aber hätte er sich damals vorstellen können, ein Vierteljahrhundert später praktisch an gleicher Stelle als Kommandierender General den Übergang eines voll motorisierten Panzerkorps zu leiten, das anschließend über Hunderte von Kilometern vorbei an versprengten und konsternierten Feindverbänden zügig bis zum Ärmelkanal vorstoßen würde, um damit in nur zwei Wochen zu erreichen, woran die stolze kaiserliche Armee bald so kläglich scheitern sollte.

Stoßtrupptaktik statt Panzerschlachten

Zwar gelangten auch im Verlauf des Ersten Weltkrieges schon Panzerfahrzeuge in großer Zahl zum Einsatz. Technisch und konzeptionell führend in dieser frühen Phase des Panzerkrieges waren aber die Ententemächte, die insbesondere in der so genannten Tankschlacht von Cambrai im November 1917 vorrübergehende Erfolge erzielen konnten. Der inzwischen als Hauptmann zum Generalstab versetzte Guderian verfolgte diese Entwicklungen aufmerksam, verkannte aber zunächst, ebenso wie die Mehrheit seiner Kameraden und insbesondere die Oberste Heeresleitung, das revolutionäre Potential der neuen Waffe. Unklar war vor allem, wie diese Panzermassen nach erfolgreichen Durchbruch geführt werden sollten und ob sich ihr Angriffstempo dem der nachfolgenden Infanterie anzupassen hatte. In den großen Westoffensiven des letzten Kriegsjahres setzten die Deutschen daher ganz auf die neu entwickelte Stoßtrupptaktik, Panzerfahrzeuge kamen dagegen nur sporadisch zum Einsatz und hatten auf den Verlauf dieser letzten verzweifelten Angriffe kaum Einfluss.

Verunsicherung und Karriereknick

Nach dem Waffenstillstand geriet Guderian als Generalstabsoffizier der „Eisernen Division“ in die Wirren der Nachkriegskämpfe. Im Osten versuchten neu formierte Freikorps, die deutsche Grenze gegen polnische Gebietsansprüche zu verteidigen. Manche Freikorpsführer waren aber auch wie die Feudalherren früherer Epochen bestrebt, im Baltikum für sich und ihre Gefolgsleute neues Land zu okkupieren. Für den von den von der Revolution und dem Versagen der alten Eliten schockierten Guderian erwies sich diese Phase vor Riga bald als schwere Hypothek für die Fortsetzung seiner militärischen Karriere. Anstatt im Sinne seiner Auftraggeber in der Obersten Heeresleitung, die inzwischen ihren Sitz in das ostpreußische Bartenstein verlegt hatte, daran mitzuwirken, die rasch auf 15.000 Mann angewachsene Division unter enger politischer Kontrolle zu halten, ließ sich Guderian mehr und mehr von den ausschweifenden Phantasien seiner Umgebung anstecken. Er träumte von einem Baltikum, das auch zukünftig von den Deutschen dominiert und damit eine Brücke zu einem schließlich von den Bolschewisten befreiten Russland sein würde, das er zugleich auch als den einzig möglichen Alliierten des Reiches ansah.
Seinen Zorn über die Annahme des Versailler Vertrages am 28. Juni 1919 vermochte Guderian nur schwer zu unterdrücken und sprach entrüstet von der„schwarz-rot-goldenen Schandkokarde“. Könne man denn einem alten preußischen Offizier zumuten, unter „Verbrechern zu dienen?“, klagte der 30-Jährige in einem Brief seiner Frau, die indes mit ihren beiden kleinen Kindern im heimischen Goslar auf die Rückkehr ihres Ernährers drängte.
Eine realistische berufliche Alternative zum Staatsdienst hatte der Weltkriegsoffizier angesichts der desolaten Lage der deutschen Nachkriegswirtschaft nicht. Er konnte daher nur froh sein, dass ihn fürsorgliche Vorgesetzte wie etwa der spätere Chef der Heeresleitung, Wilhelm Heye, rechtzeitig aus dem umkämpften Riga zurück nach Ostpreußen beorderten, um die Eingliederung dieses viel versprechenden Mannes in die Reichswehr nicht zu gefährden.
Im Januar 1920 wurde Guderian in sein altes Jägerbataillon nach Goslar versetzt, wo er zunächst als Kompaniechef Dienst leisten sollte. Seine Entfernung aus dem Generalstab habe sich „nicht unter den glücklichsten Umständen vollzogen“, bekannte er später freimütig in seinen Erinnerungen. Das abrupte Ende seiner politischen Ambitionen wirkte lange wie ein Schock auf ihn und machte ihn doppelt vorsichtig bei zukünftigen Engagements auf dem glatten Parkett der Politik. So widerstand er auch der erneuten nationalistischen Versuchung, als im März 1920 Freikorps-Putschisten in Berlin eine Militärdiktatur errichten wollten und folgte strikt den Anweisungen des neuen Chefs der Heeresleitung, Generaloberst Hans v. Seeckt, der die Reichswehr aus diesem Konflikt heraushalten wollte. Ein überzeugendes Votum für die prekäre neue Republik war das allerdings nicht.

Guderians Traum vom „starken Mann“

Wie viele Menschen, die unter den unsicheren politischen Verhältnissen der Weimarer Zeit litten, sehnte sich Guderian nach dem „starken Mann“, der endlich Ruhe und Ordnung bringen würde und dem Reich vielleicht auch wieder die alte militärische Stärke. Für viele, die so dachten wie Guderian, nahm zunächst Hindenburg, der greise Feldmarschall und legendäre Sieger von Tannenberg diese Rolle ein, später jedoch Adolf Hitler, der ganz unverblümt das „Versailler Diktat“ zu bekämpfen versprach.
Im Augenblick aber sah sich der kriegserfahrene Hauptmann kaltgestellt und glaubte, wie die meisten seiner Kameraden, in eine düstere Zukunft zu blicken. Das deutsche Heer war durch den Versailler Vertrag auf 100.000 Mann beschränkt worden. Die Produktion oder der Erwerb moderner Waffen wie Flugzeuge, Kampfgas oder Panzerwagen waren dem Reich verboten, der Generalstab offiziell abgeschafft und Deutschland praktisch der Willkür der Ententemächte ausgeliefert.
Die Heeresleitung trat deshalb engagiert für eine erhöhte Beweglichkeit der Truppe ein. Nach Ansicht von Generaloberst v. Seeckt befähigte nur eine weitgehende Mechanisierung des Heeres das Reich in einem zukünftigen Krieg, der vermutlich erneut an zwei Fronten geführt werden musste, um sich wenigstens hinhaltend bis zu einem eventuellen Eingreifen des Völkerbundes zu verteidigen. 1927 schrieb Seeckt über die militärische Bedeutung der Kraftfahrzeuge, dass aus ihnen einmal eine eigene neue Waffe hervorgehen müsse, die als besondere Truppe neben der Infanterie, der Kavallerie und der Artillerie bestehen würde. Von Panzerwagen sprach er allerdings nicht.

Eine neue Aufgabe

Die Motorisierung des Heeres fiel anfangs in den Zuständigkeitsbereich der Inspektion der Kraftfahrtruppen. Ihr unterstanden in den 1920er Jahren insgesamt sieben Kraftfahrabteilungen, eine für jede Infanteriedivision des Heeres. Obwohl zunächst nur für logistische Aufgaben gedacht, sollte sie schließlich zur konzeptionellen und organisatorischen Keimzelle der späteren deutschen Panzerwaffe werden. Als Guderian im Januar 1922 den Auftrag erhielt, sich als neuer Kompanieführer bei der 7. (bayerischen) Kraftfahrtabteilung in München zu melden, betrachtete er diese Versetzung nicht unbedingt als Karrieresprung. Erst als ihm der zuständige Offizier im Truppenamt versicherte, dass er damit für eine Verwendung als Generalstabsoffizier in der Inspektion der Kraftfahrtruppen vorbereitet werden solle, packte der inzwischen 34-jährige Hauptmann die Sache mit dem ihm eigenen Elan an. Wie sich bald herausstellte, ging es in seiner neuen Verwendung weniger um die Organisation des täglichen Kraftfahrbetriebes, sondern um echte Grundlagenarbeit. Eine Aufgabe, die Guderian sehr entgegenkam, auch wenn er damals wie fast alle Offiziere der Reichswehr kaum realistische Vorstellungen über die Rolle motorisierter Verbände auf dem Gefechtsfeld der Zukunft besaß.

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert

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