1815: Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas

1815 siedlerNach 22 Kriegsjahren und einem besiegten Napoleon stellte sich der Wiener Kongress von 1814 bis 1815 die Aufgabe, Europa neu zu ordnen. Die größte diplomatische Versammlung aller Zeiten wurde von den vier Siegermächten – Österreich, Großbritannien, Russland und Preußen – und bald auch vom besiegten Frankreich dominiert. Das Prinzip der Neuordnung lautete: Legitimität – zurück zu den angestammten Fürstenhäusern. Dass der Kongress dabei nicht nur tanzte, wie es ein Bonmot unterstellte, sondern sehr wohl arbeitete, zeigt Thierry Lentz in seinem Buch „1815“.

Was wurde am Wiener Kongress im Laufe der Zeit nicht alles kritisiert: Es sei eine mondäne Veranstaltung mit prallgefüllten Tischen, ein Ort des amourösen Vergnügens, ein Treffen, das nebenbei das Schicksal ganzer Völker entschied – natürlich ohne diese zu fragen. Die führenden Männer galten als brutal (Preußen) dilettantisch (Metternich), käuflich (Talleyrand) oder hatten keine Ahnung von Europa (Castlereagh). In Frankreich – dem Heimatland des Autors von „1815“ –wurde der Kongress gar „Gegenstand des Hasses und Entsetzens“.

Der Kongress schuf eine ausgewogene politische Landschaft

Für Thierry Lentz sind dies karikierende Darstellungen. Der Kongress hat laut seiner Analyse dem alten Kontinent eine „politische Geografie“ gegeben, die stabilisierend und ausgewogen war. Die Großmächte wurden in ihrer Position befriedigt, Frankreich als bedeutender Staat erhalten (hundert Jahre später wäre dies laut Lentz nicht mehr möglich gewesen) und die mittleren Mächte gestärkt. Nach 1815 gab es zwar weitere Konflikte zwischen den führenden Mächten (z. B. zwischen Frankreich und Österreich), aber ein Flächenbrand wurde vermieden.
Wie es zu diesem Ergebnis kam, auf welch verschlungenen Wegen dies möglich wurde, schildert Thierry Lentz detailliert. So wie aus den „großen Vier“ durch das Geschick des Abgesandten des französischen Königs Ludwig XVIII., Charles Maurice de Talleyrand, die fünf bis acht wichtigen Mächte wurden. Weiter wie über die Frage der Aufteilung Polens und Sachsens fast ein Krieg zwischen den Siegermächten ausgebrochen wäre. Aber auch der „unterhaltende“ Teil des Treffens der adligen Häupter in der Donaumetropole findet in „1815“ seinen Platz. Wer bei welcher Mätresse Nachfolger wessen wurde und warum, erfährt der geneigte Leser. Dann die Rückkehr Napoleons: Wie sein zu frühes, auf Fehlinformationen beruhendes Erscheinen vom noch tagenden Kongress mit „Krieg dem Usurpator“ erfolgreich beantwortet wurde.

Wien steht auch für gesellschaftlichen Stillstand

Jedoch: Bei aller Stabilität, die der Wiener Kongress Europa brachte, steht doch das dort geschaffene System als „Synonym für Konservatismus, ja für politischen und gesellschaftlichen Stillstand.“ Und erst die Revolutionen von 1830 und 1848 führten zu einer Veränderung der herrschenden Verhältnisse.
Thierry Lentz gelingt mit „1815“ ein leicht verständliches und auch unterhaltendes Buch über die für Europa so wichtige Phase. Der französische Historiker arbeitet dabei klar heraus, dass sein Heimatland nicht – wie oft in der gallischen Literatur behauptet – zu den Verlierern von Wien zählt (die Preußen am Rhein), sondern dort mit Umsicht und Besonnenheit als Macht ersten Ranges erhalten wurde. Alles unter dem Prinzip der Gleichgewichtspolitik.

Lentz, Thierry: 1815. Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas. Siedler. 2014. 432 Seiten.

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension

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