Reiche, die verschwanden

Eine Geschichte des vergessenen Europa

verschwundeneSie sind Vergangenheit, die burgundischen Reiche, das historische Litauen, das Land der Prußen, Galizien und nicht zuletzt die UdSSR. Der Engländer Norman Davies zeichnet in seinem Buch „Verschwundene Reiche“ Entstehung und Verfall dieser mehr oder weniger bedeutenden Staaten sehr detailliert nach. Die meisten der insgesamt 15 Reiche, gingen in anderen auf, manche zerfielen in Einzelstaaten. Insgesamt ein zum Teil spannender Einblick in die bewegte Geschichte Europas.

Da ist zum Beispiel die Geschichte der – je nach Zählweise – fünf, sechs, sieben oder mehr Reiche der Burgunder. Erst in der Gegend um Mainz und Worms angesiedelt, dann zwischen Troyes und Marseille, um im 15. Jahrhundert seine größte Ausdehnung zu erreichen. Zwischen Frankreich, dem Heiligen Römischen Reich und Italien gelegen, gestalte sich die Entwicklung der Burgunderreiche wechselhaft. Unter Konrad (regierte von 937 bis 993), der der „Friedliche“ oder „Unkriegerische“ genannt wurde, nahm das Königreich Arelat, wie Burgund wegen seiner Hauptstadt genannt wurde, trotz zahlreicher Bedrohungen durch Sarazenen und Ungarn, eine stabile Entwicklung. Im 15. Jahrhundert erfolgte dann der Abstieg. Karl der Kühne, eine der reichsten und aggressivsten Fürsten seiner Zeit, wurde von den Schweizern geschlagen. Burgund verschwand als eigenständige Macht.

Galizien: Ungeheurer Reichtum und legendäre Armut

Als „Königreich der Nackten und Hungernden“ bezeichnet Davies das Königreich Galizien und Lodomerien, das zwischen 1773 und 1918 bestand. Die Krone des kleinen Landes zwischen Russland und Ungarn lag dabei bei den Habsburgern. Angefangen bei Maria Theresia – deren Berater den Namen dieses künstlichen Reiches erfanden – bis Karl I.. Westgalizien war dabei nahezu deckungsgleich mit der historischen Provinz Kleinpolen und der Osten bestand aus der ehemaligen Woiwodschaft Ruthenien. Ethnisch und religiös war das Reich in drei Gruppen geteilt: Polen, Ruthen und Juden. Weiteres Kennzeichen war die „legendäre Armut“ der Bauern, wie Davis schreibt, wie der ungeheure Reichtum des meist polnischen Adels. Am Ende des 19. Jahrhunderts brach eine Hungersnot über das Land herein und führte zu einer Massenemigration. Dennoch hielt sich der Kunststaat wacker, bis der Erste Weltkrieg seinem Ende zuneigte. Nach dem Untergang der Donaumonarchie wurde Galizien in die neugeschaffen Republik Polen eingegliedert.

Montenegro: Land der Clans und Stämme

Montenegro ist ein weiteres Beispiel aus Norman Davies Geschichten zu den vergessenen europäischen Reichen. Auch dieses Königreich ereilte nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sein Schicksal und es ging im neu geschaffenen Staat Jugoslawien auf – um 2006 als 192. Mitglied in die UN aufgenommen zu werden. Das traditionell nach Stämmen und Clans aufgeteilte Land an der Adria, war noch 1860 Teil des Osmanischen Reiches, als Fürst Nikola die Regierung übernahm. Erst 16 Jahre später konnte die Unabhängigkeit von den Türken erkämpft werden. Und trotz der mehr als schwierigen Nachbarschaft zu Serbien und Montenegro konnte Nikola 1910 sein goldenes Regierungsjubiläum feiern, gekrönt durch die vom Parlament angetragene Königswürde. Im Ersten Weltkrieg besetzte die k. u. k. -Armee das kleine, gebirgige Land. In den Nachkriegswirren wurde Montenegro, so Davies, von den Alliierten im Stich gelassen und ging (vorläufig) als Staat unter.

Das Buch von Norman Davies ist in Summe ein Lesenswertes, wenn auch einzelne Abschnitte mit nebensächlichen Informationen überfrachtet wirken. Und nicht alle untergegangenen Reiche besitzen historische Relevanz, sondern, wie die Erzählung über die Rosenau, eher einen anekdotischen Wert. Dennoch: Die Aufbereitung der Kapitel von der Gegenwart kommend über die Geschichte der Reiche und deren weitere Entwicklung nach dem Untergang, bietet einen zum Teil erhellenden Einblick in das Kommen und Gehen der Staaten auf dem europäischen Kontinent.

Davies, Norman: Verschwundene Reiche. Die Geschichte des vergessenen Europa. Theiss Verlag. 2013. 926 Seiten.

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