Patton: Der unbeherrschte, romantische Panzergeneral

Von Dr. Klaus-Jürgen Bremm, Osnabrück

GeorgeSPattonDie Deutsche Wehrmacht hatte mit ihren Panzerdivisionen bereits Polen und Frankreich in einem beispiellosen Sturmlauf überrannt, da entschlossen sich im Juli 1940 auch die Vereinigten Staaten, nach zwei Dekaden eines militärischen Dornröschenschlafes, ein mechanisiertes Korps aufzustellen, das völlig unabhängig von den Bevormundungen der allmächtigen Infanterie und einer selbstgefälligen Kavallerie auf den zukünftigen Schlachtfeldern Europas kämpfen sollte. Es war auch die heiß ersehnte Stunde des schon 55-jährigen Colonels der Kavallerie, Georg Smith Patton jr ., der nun endlich nach 36 langen Dienstjahren an die Spitze einer der vier neuen Panzerbrigaden treten durfte.

Georg Smith Patton war zwar Dank einer reichen Heirat in den Genuss eines privilegierten Lebens mit zahllosen Fuchsjagden, Dinner Partys und ausgedehnten Segelturns gekommen, ihn hatte die ereignislose Zwischenkriegszeit jedoch innerlich zermürbt. Zuletzt an Altersdepressionen und Alkoholismus leidend, hatten wiederholte schwere persönliche Entgleisungen ihn seinen drei Kindern entfremdet und seine Ehe beinahe zerrüttet.
Nun aber lebte der Veteran des Ersten Weltkrieges, der 1916 als Lieutenant an General John Pershings großer Strafexpedition gegen Pancho Villa teilgenommen hatte, wieder voll auf. Dass man ihn am Vorabend des Kriegseintrittes der Vereinigten Staaten nicht schon wie viele andere gleichaltrige Offiziere, ausgemustert hatte, verdankte Patton ausschließlich der Protektion und dem Elefantengedächtnis eines George C. Marschalls, der als gleichermaßen allmächtiger wie unnahbarer Chef des Generalstabes in Rekordzeit Amerikas milizartige Streitkräfte zu einer echten Herausforderung für Hitlers Wehrmacht formen sollte.

Er hatte den Ruf eines akribischen Arbeiters

Patton galt nicht nur als einer der Pioniere der amerikanischen Panzerwaffe, der schon im September 1918 während der St. Mihiel-Offensive als junger Offizier eine amerikanische Panzerbrigade geführt hatte. Der Enkel eines in der Schlacht von Winchester gefallenen Südstaatenoberst stand auch im Ruf eines zupackenden Führers und akribischen Arbeiters, dem kein Detail zu unwichtig erschien und kein Weg im Manöver zu weit war, um seine Soldaten zu ermahnen oder schlicht anzuschnauzen. Trotz seiner Ruppigkeit (die Anrede „son of a bitch“ ist hundertfach bezeugt) erfreute er sich in der Truppe einer beispiellosen Beliebtheit, die auch seine oft bizarren Gewohnheiten und Ansichten nicht trüben konnten.
So liebte er es, in einem Halbkettenfahrzeug oder einem leichten Panzer in halsbrecherischem Tempo sämtliche Verkehrsregeln zu ignorieren und der Truppe sein Erscheinen mit einem meilenweit hörbaren Schiffshorn anzukündigen. Ungewöhnlich war auch, dass der tiefreligiöse Patton fest davon überzeugt war, er sei die Reinkarnation verschiedener früherer Helden der Kriegsgeschichte. Tatsächlich konnte der mit der Lektüre sämtlicher Schlachten und Feldzüge groß gewordene General später in Europa manchen seiner Begleiter mit detaillierten Kenntnissen historischer Kämpfe und damit zusammenhängender Örtlichkeiten verblüffen, die er selbst ganz offenkundig bis dahin nie gesehen hatte.

Patton liebte eine martialische Rhetorik

Während sich die Weltmächte mit ihrem gesamten wissenschaftlich-technischen Potential in einen mörderischen Konflikt verstrickt hatten, blieb Patton inmitten einer neuen Kaste kalter Militärtechnokraten der unerschütterliche Romantiker, den militärisches Zeremoniell und die Anhänglichkeitsgesten seiner Männer oft zu Tränen rührten. Seit seiner Jugend schrieb er Gedichte und träumte zuletzt davon, nach Art der alten Ritter sich mit Rommel in einem Panzer allein in der Wüste zu duellieren. Viele Untergebene fanden es amüsant, wenn „Old Blood and Guts“, ein Spitzname der ihm seit seinen Tagen als Taktiklehrer anhing, von einer Bühne aus dozierte, ein guter Soldat müsse immer noch weiterkämpfen, selbst wenn er nicht mehr könne. Notfalls könne er auch eine feindliche Stadt niederbrennen. Pattons martialische Rhetorik kam jedoch nicht überall an. So ermahnte ihn die resolute Gattin seines Schutzherrn, Kathrine Marschall, einmal bei Tisch, er könne so vielleicht als Lieutenant oder Captain reden, nicht aber als hoher Offizier.
Der Generalstabschef selbst sah jedoch mehr auf die militärischen Qualitäten seines Untergebenen, der es doch einmal mit Gegnern wie Rommel oder Guderian aufnehmen musste. Pattons Schwadronieren und seine offenkundige Verachtung der „Political Correctness“ glaubte Marschall kontrollieren zu können. In dessen unbedingten Willen zum Erfolg schien ihm kein anderer amerikanischer General gleichzukommen. Während der großen Manöver in Louisiana hatte Patton 1941 sogar einmal seine Panzer auf eigene Kosten an einer Tankstelle auftanken lassen, um eine weitausholende Umgehung abschließen zu können.

Omar Bradley: Er könne zwar ein Korps führen, aber nicht immer sich selbst

Nicht alle Kampfgefährten oder späteren Vorgesetzten würdigten jedoch seine Methoden und sahen darin sogar, wie etwa Omar Bradley, einen charakterlichen Mangel. Patton, dessen Ambivalenz der nüchterne Infanterist sogar mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde verglich, könne zwar ein Korps führen, wohl aber nicht immer sich selbst. Ganz ähnlich sah ihn der Chef des britischen Generalstabs, Sir Alan Brooke. Sein Urteil über Patton fiel nach dem Krieg ebenfalls nicht schmeichelhaft aus: Ein rasch agierender, mutiger, aber auch unberechenbarer und unausgeglichener Führer, nur bei Operationen zu gebrauchen, wo es auf Elan und Stoßkraft ankomme.
Auch wenn er diese Meinung nur bedingt teilte, hatte Marschall, der spätere US-Außenminister und Ideengeber für das „European Recovery Program“ für die Spitzenpositionen der sich anbahnenden Allianz mit Großbritannien doch andere Offiziere vorgesehen. Einer von ihnen war der im Vergleich zu Patton fünf Jahre jüngere Dwight D. Eisenhower, der in nur zwei Jahren vom Oberstleutnant zum Generalleutnant und Oberbefehlshaber sämtlicher alliierter Streitkräfte in Europa aufsteigen sollte.
Im Sommer 1942 zeichnete sich nach dem Fall der lybischen Festung Tobruk der erste Einsatz der US-Amerikaner auf dem europäischen Kriegsschauplatz ab. Nur widerwillig hatten Marschall und Eisenhower dem Drängen des britischen Premiers, Winston S. Churchill, nachgegeben, statt der großen Landung in Frankreich zunächst eine zweite Front auf dem nordafrikanischen Kriegsschauplatz zu eröffnen. In denkbar kürzester Zeit stellten die Amerikaner eine Invasionsarmee zusammen, die gleichzeitig an drei Punkten der französisch besetzten Küsten Marokkos und Algeriens landen sollte, um die dortigen Vichy-Streitkräfte auszuschalten oder auf ihre Seite zu ziehen und die rückwärtigen Verbindungen von Rommels noch ungeschlagener Afrika-Armee zu bedrohen.

An seinem 57. Geburtstag konnte er seinen ersten Sieg melden

Patton fiel dabei die Aufgabe zu, im Rahmen der Operation „Torch“ das westliche Landungskorps zu führen und Casablanca zu nehmen. Seine Befürchtung, die Franzosen könnten sich als ernsthafte Widersacher erweisen, sollte sich am 8. November 1942 nur zu sehr bewahrheiten. Erst nach drei Tagen heftigster Kämpfe kapitulierte August Noguès, der verantwortliche französische Kommandeur, und Patton konnte stolz an seinen 57. Geburtstag seinen ersten Sieg an Eisenhower und Marschall melden. Die unerfahrenen Amerikaner hatten am Strand von Fedala einige kritische Situationen zu überstehen und Patton selbst war, mitunter bis zur Brust im Wasser stehend, an sämtlichen Brennpunkten des Kampfes erschienen um damit nicht zum letzten Mal seinen Anspruch, stets von vorne zu führen, gerecht zu werden. Mit mehr als 1000 Opfern, darunter 337 Toten, war der amerikanische Erfolg recht teuer erkauft.
Pattons Popularität in der Heimat wuchs rasch und die Presse fragte sich bald, warum der offenkundig beste kommandierende Offizier in Marschalls Stall seine Zeit mit Ausritten und Bärenjagden an der Seite des Sultans von Marokko verbrachte, während die amerikanischen Divisionen in Tunesien empfindliche Niederlagen gegen Rommel einstecken mussten. In der ursprünglichen Planung hatte Patton die amerikanischen Truppen bei der Landung in Sizilien führen sollen. Nun aber zeigte sich, dass die Deutschen ihren Brückenkopf in Tunesien rasch verstärkt hatten und Hitler keineswegs gewillt war, die Empfehlung seines einstigen Lieblingsgenerals Erwin Rommel zu beherzigen und sich aus Nordafrika zurückzuziehen.
Nachdem das II. amerikanische Korps in den Schlachten von Kasserine und Sidi Bou Zid im Februar 1943 mehr als 6000 Mann verloren hatte, beauftragte ein in die Kritik geratener Eisenhower am 4. März seinen langjährigen Freund Patton, den überforderten Lloyd Fredendall als kommandierenden General abzulösen. Der somit aus seiner wochenlangen Untätigkeit erlöste Haudegen übernahm den neuen Job mit dem gewohnten Elan und steigerte zunächst einmal die Disziplin in der Truppe, getreu seinem Motto, von einem Soldaten, der nicht bereit sei, seine Vorgesetzten zu grüßen oder seinen Anzug korrekt zu tragen, könne man auch nicht erwarten, dass er sein Leben für sein Land einsetze.

Die Briten billigten Patton nur eine Nebenrolle zu

Dass ihm die verbündeten Briten beinahe noch mehr Ärger bereiten würden als die Deutschen, hatte er schon geahnt. Für General Harold Alexander blieben die Amerikaner nach ihren anfänglichen Desastern noch lange nur zweitklassige Truppen und Patton schäumte, dass seinem fast 100.000 starken Korps bei der alliierten Schlussoffensive nur eine Nebenrolle zufallen sollte. So hatten die Amerikaner deutsche Kräfte östlich des Dorsal-Gebirges zu fesseln, keinesfalls aber über Maknassy hinaus zur Küste und damit in den Rücken des Deutschen Afrika-Korps vorzustoßen. Tatsächlich gelang es den Amerikanern, das zuvor verlorene Gelände bis Ende März wieder zu besetzen und der gefürchteten 10. Pz-Division bei El Guettar eine empfindliche Schlappe zu bereiten. Mitte April hatte sich die Lage der Alliierten in Tunesien soweit stabilisiert, dass Patton sich nach 43 Tagen als Interimskommandeur wieder seiner ihm zugedachten Aufgabe als Befehlshaber der 7. US-Armee bei der geplanten Landung in Sizilien (Operation Husky) widmen konnte.
Der inzwischen zum Drei-Sterne General beförderte Patton hatte mit dem II. Korps solide Arbeit geleistet, doch zu dem erhofften Duell mit seinen Lieblingsgegner Rommel war es zu seinem Verdruss nicht mehr kommen. Der Wüstenfuchs hatte Afrika schon am 9. März 1943, zermürbt von zwei Jahren Krieg in der Wüste, für immer verlassen. Auch als Patton 15 Monate später mit seiner 3. Armee bei Avranches durchbrach, lag Rommel schon schwer verletzt im Luftwaffenlazarett von Bernay. Als Patton schließlich am 2. Weihnachtstag 1944 zu seinem spektakulären Entsatz auf Bastogne antrat, lag das verlogene Staatsbegräbnis des einstigen NS-Propagandahelden bereits zwei Monate zurück.

Seine Entgleisungen überschatteten seine Siege

Pattons Siege in Europa waren entscheidend, doch immer wieder überschattet von persönlichen Entgleisungen wie etwa die Ohrfeige, die er in einem sizilianischen Lazarett einem angeblichen Simulanten verpasste. Besonders schmerzhaft war schließlich seine Ablösung als Oberbefehlshaber seiner geliebten 3. Armee im Oktober 1945, nachdem er öffentlich eingeräumt hatte, als Militärbefehlshaber in Bayern auch mit Nazis zusammen zu arbeiten. Wenige Wochen später, am 21. Dezember 1945, verstarb Patton, gerade einmal 60 Jahre alt, an den Folgen eines Autounfalls in einem Heidelberger Militärlazarett.
Sein kindlicher Traum vom Ruhm auf dem Schlachtfeld, dessen Schrecken er allerdings ebenso fürchtete wie jeder einfache GI, hatte sich mehr als erfüllt, auch wenn er nie eine Heeresgruppe geführt hatte. Die Zahl seiner Kritiker war beachtlich, doch militärische Desaster wie das Gemetzel im Hürtgenwald, Monte Cassino oder Arnheim hatte er nie zu verantworten. Nur zwei amerikanischen Generalen des Zweiten Weltkrieges erwies Hollywood schließlich die Referenz einer filmischen Biografie. Der eine war Douglas McArthur, der andere George Smith Patton jr.

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