Der 28. Oktober 1918

Die Stunden des Untergangs Österreich-Ungarns

1918In der Nacht des 28. Oktober 1918 halten Kaiser Karl und seine Gattin eine einsame Nachtwache im Blauen Salon des Schlosses Schönbrunn. Sie denken an ihre Kinder, die sich in Ungarn befinden, und an die hoffnungslose Lage Österreich-Ungarns, das die Habsburger so lange regiert haben. Der ereignisreiche Tag, von Johannes Sachslehner im Minutentakt nacherzählt, hatte mit der weiteren Auflösung der Fronten und dem Umsturz in Prag, Krakau und Budapest die Donau-Monarchie weiter in die Katastrophe, in die Auflösung getrieben.

Früher Morgen an der italienischen Front: Einige Stellungen, wie die Felsenfestung Monte Asolone halten sich noch, im Tal dagegen weiten sich die Auflösungserscheinungen der k. u. k.-Armee aus. Ganze Divisionen meutern, wollen nicht mehr an die Front, sondern zurück in die Heimat. In Prag warten tschechische Patrioten, so auch das führende Mitglied des Nationalausschusses, Alois Rašín, auf das Signal, sich von Wien loszulösen. Der 28. Oktober könnte hier eine Entscheidung bringen. Und er brachte sie auch.

Der Kaiser war seinen Generälen zu weich

Kaiser Karl I., seit 1916 im Amt, wollte Frieden für sein Reich und wagte einen einseitigen Vorstoß in Richtung Waffenstillstand. Sehr zum Missfallen des Deutschen Reichs, seines Bündnispartners und dem k. u. k. -Militär. Seinen Generälen galt Karl sowieso als schwach, weil er deren Zynismus – wer den Krieg siegreich führen will, darf nicht auf Opfer blicken – nicht teilen konnte. Dennoch war der Kaiser überzeugt, einen gerechten Krieg zu führen.

Am Morgen des von Sachslehner geschilderten Tags wird in Wien von Karl I. noch eine neue Regierung ins Amt eingeführt. Eine Regierung für einen Staat, den es eigentlich nicht mehr gibt. Zwischenzeitlich geht das Sterben an den Fronten weiter. An der Piave brechen die k. u. k-Linien ein, die Soldaten flüchten teils panikartig.

Wien hungert und friert weiter

Für die normale Bevölkerung der Hauptstadt geht auch an diesem Oktobertag das Hungern weiter. Die Metropole ist seit langem mit Lebensmitteln und Heizmateriel chronisch unterversorgt. Ein „Kriegswucheramt“ versucht wenigstens einige Auswüchse des Mangels zu beheben. Der Autor hat hier einige Akten in den Archiven gefunden, die das mehr oder weniger effiziente Wirken der Behörde illustrieren.

Um 10 Uhr beginnt sich in Prag die Lage zu zuspitzen. Gerüchte von einem Waffenstillstand und dem Ende Monarchie machen die Runde. Auch in Krakau häufen sich die Zeichen des Zusammenbruchs, polnische Adler – das Nationalsymbol des neuen Staates – tauchen im Straßenbild auf. In Slawonien wird ein aus Budapest kommender Schnellzug von schwerbewaffneten Desserteuren überfallen. Gewaltakte dieser Art waren keine Seltenheit in diesen Tagen.

Deutschösterreicher bereiten die Gründung einer eigenen Republik vor

Der für sein radikales Programm gefürchtete Graf Mihály Károlyis steht am Abend des 28. Oktober vor der Machtübernahme in Ungarn. Die Deutschösterreicher bereiten schon seit längerem die Gründung einer eigenen Republik vor. Der Mann der Stunde heißt hier der Sozialdemokrat und spätere Staatskanzler Karl Renner. Der Vielvölkerstaat zerfällt in seine Nationalitäten.

Johannes Sachslehner führt den Leser gekonnt durch diesen dramatischen Tag und hält dabei den Spannungsbogen. Häufiger Szenenwechsel lässt das Tragische, aber auch das Triviale der Endphase der Donaumonarchie wie auch die Ideen für das Neue, noch Unbekannte plastisch vorüberziehen. Zahlreiche Tagebuchaufzeichnungen, Memoiren und Augenzeugenberichte bilden dabei die Basis dieser Erzählung vom Ende des Habsburgerreiches. Schon am 12. November 1918 war dann mit Ausrufen der Republik Österreich alles endgültig vorbei. Ein neues Kapitel begann.

 

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, Rezension

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