Scharnhorst: Reformer der preußischen Armee

Der Offizier aus Hannover gilt als der eigentliche „Spiritus rector“ des Sieges über Napoleon.

Gerhard_david_von_scharnhorstvon Dr. Klaus-Jürgen Bremm

Am 30. November des Jahres 1755 schockierte das Erdbeben von Lissabon die gebildete Welt Europas. Eine völlig zerstörte Kapitale und mehr als 30.000 Tote an einem einzigen Tag desavouierten den enthusiastischen Fortschrittsglauben der internationalen Philosophengemeinde in seinen Grundfesten. Nur 18 Tage vor dieser gigantischen Katastrophe, deren Druckwellen selbst noch im fernen Finnland Häuser einstürzen ließen, war am 12. November 1755 auf dem kleinen Gut Bordenau nördlich der Residenzstadt Hannover Gerhard Johann David Scharnhorst als ältester Sohn des Dragonerunteroffiziers Ernst Wilhelm Scharnhorst geboren worden. Trotz der ärmlichen Umstände seiner Jugend und seiner geringen Herkunft konnte der spätere preußische Reformer bereits auf eine achtenswerte Karriere in der Welfenarmee zurückblicken als im Sommer 1789 Europa erneut durch Schockwellen grundstürzender Ereignisse aufgeschreckt wurde.

Keine vier Jahre später musste der Kapitän der berittenen Artillerie seine Frau sowie zwei Kinder zurücklassen, um im Kontingent des Kurfürsten von Hannover (der zugleich als Georg III. englischer Monarch war) am ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich in Belgien und den Niederlanden teilzunehmen. Dort lernte Scharnhorst in einem wechselvollen Feldzug, in dem er sich vor allem beim Ausbruch aus der Festung Menin (April 1794) auszeichnen konnte, einen neuartigen und gefährlichen Gegner kennen.

Erste Erfahrung mit Soldaten des revolutionären Frankreich

Obwohl die Armeen des revolutionären Frankreich überwiegend aus notdürftig ausgebildeten Citoyens bestanden hatten, waren sie den professionellen Soldaten des Ancien Régime an Elan und Einfallsreichtum weit überlegen. Stand doch beim Gegner endlich auch fähigen und ehrgeizigen Offizieren aus dem Volk der Weg nach oben offen, anders als in der verknöcherten hannoverischen Armee. Ernüchtert von den ewigen Zurücksetzungen, die er als Bürgerlicher dort hatte hinnehmen müssen und deprimiert über seine schauerlichen Kriegserfahrungen schrieb der fast 40-jährige Scharnhorst an seine Frau: „Leibniz hat bewiesen, dass diese Welt die beste ist; es mag wahr sein, aber ich kann es nicht begreifen.“
Erst zwei Jahre zuvor war seine jüngste Tochter Sophie Ernestine verstorben. Als er seine Frau Clara nur wenige Jahre später ebenfalls verlor, fiel die Würdigung des Witwers ambivalent aus: „Wenn es auf die innere Güte des Herzens ankam, so übertraf sie ihre Mitmenschen, aber sie war selbst dabei nicht glücklich; von trauriger Gemütsart floh sie alle Freuden.“ Von ihren fünf gemeinsamen Kindern erreichten nur drei das Erwachsenalter. Zwei Söhne kämpften später in der Königlich Deutschen Legion und der älteste von ihnen erreichte danach sogar den Rang eines Generals der Infanterie in der preußischen Armee.

Scharnhorst tritt in die Armee des Grafen von Schaumburg-Lippe ein

Mit der Idee der Volksbewaffnung, wie sie Kriegsminister Graf Lazare Carnot (1753-1823) in Frankreich realisiert hatte, war Scharnhorst schon zwei Dekaden früher bekannt geworden, als er sich 1773 verpflichtet hatte, mindestens zehn Jahre in der kleinen, aber hervorragend ausgebildeten Streitmacht des Grafen Wilhelm von Schaumburg-Lippe (1724-77) zu dienen. Die vielseitige Ausbildung und der humane Umgang in der Militärschule auf dem Wilhelmstein, einer kleinen Festung im Steinhuder Meer, sollte Scharnhorst sein Leben lang prägen. „Die Cadetts und junge studierende Artilleristen sind niemals mit Stockschlägen zu bestrafen und überhaupt so viel möglich bei allen Gelegenheiten mit guter Aufmunterung zu begegnen“, hieß es in den für ihre Zeit sehr fortschrittlichen Schulinstruktionen. Schon im Siebenjährigen Krieg (1756-63) hatte es der Landesherr, wohl einer der innovativsten Militärs des 18. Jahrhunderts, fertig gebracht, mit Hilfe von Milizen aus seiner nur 17.000 Einwohner zählenden Grafschaft ein schlagkräftiges Kontingent von 1200 Mann unter die Fahnen des verbündeten Preußens zu stellen.

Wechsel zur preußischen Armee

Beim großen Friedrich hatte dieses Beispiel allerdings kaum Eindruck hinterlassen, denn er scheute trotz seiner zuletzt desolaten Lage den radikalen Rückgriff auf das militärische Potential seiner Bevölkerung. Scharnhorst, der sich inzwischen als reger Publizist militärischer Schriften einen Namen gemachte hatte, wechselte im Mai 1801, wohl auch angelockt durch den immer noch strahlenden Ruhm des Siegers von Roßbach und Leuthen, in preußische Dienste, wo ihn neben einer besseren Bezahlung auch ein Adelsprädikat erwartete.
In Berlin diskutierte man zwar in Offizierskreisen engagiert über militärische Reformen, doch zu wirklich durchgreifenden Maßnahmen mochte man sich nicht durchringen. Seitdem es sich 1795 im Baseler Frieden aus der ersten Koalition gegen Frankreich verabschiedet hatte, lebte Preußen in einer Art politischem Biotop. Vieles blieb in der Schwebe und nur weniges wurde tatsächlich realisiert. Scharnhorst, der zunächst mit der Leitung der Berliner Offiziersschule betraut worden war, schrieb im Dezember 1805 bereits mit deutlicher Resignation an seine älteste Tochter Julie: „Auf alles in der Welt wolle ich gern Verzicht tun, wenn ich nur auf sechs Wochen mit der Armee machen könnte, was ich wollte.“

Scharnhorst rät dem preußischen König zum Krieg gegen Napoleon

Spätestens als Napoleon im Dezember 1805 mit Österreich und Russland zwei mögliche Verbündete spektakulär in der so genannten Dreikaiserschlacht von Austerlitz besiegt hatte, ahnten auch der zögerliche König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) und seine Berater, dass der durch die Annektierung Hannovers und Westpolens aufgeblähte Hohenzollernstaat das nächste Opfer des Korsen sein könnte. Eindringlich hatte Scharnhorst damals seinem neuen Dienstherrn zum Krieg gegen Frankreich geraten, hielt er diesen doch für kaum vermeidbar und tat dies auch dann noch, als Preußen im Frühjahr 1806 allein gegen Frankreich stand.
In seiner Aprildenkschrift empfahl er, die Kompanien des Feldheeres um je 20 Mann zu erhöhen und zugleich eine Miliz aus 300.000 Bürgern zu organisieren, welche die regulären Truppen regional unterstützten konnte. Die im Herbst einbrechende Katastrophe, durch die der stolze Staat Friedrichs II. in Stücke geschlagen wurde, vermochte auch Scharnhorst weder vorauszusehen noch zu verhindern. Bei Auerstädt (14. 10. 1806) gehörte er zu den letzten Preußen auf dem Gefechtsfeld und als der unglückselige Fürst Friedrich von Hohenlohe-Ingelfingen am 28. Oktober 1806 bei Prenzlau kapitulierte, schlug sich der Wahlpreuße aus Hannover zusammen mit Generalleutnant Blücher (1742-1819), dem anderen Wahlpreußen, nach Lübeck durch, wo sie britische Schiffe anzutreffen hofften. Der Kapitulation ihres kleinen Korps bei Ratekau am 7. November folgte eine kurze französische Gefangenschaft, ehe sich Scharnhorst nach Ostpreußen durchschlagen konnte, wo sich die Reste der Hohenzollernarmee, nunmehr unterstützt von den Russen, noch bis zum Sommer 1807 hielten.

Preußens Niederlage macht den Weg für Reformen frei

Preußens demütigende Niederlage gegen Napoleon machte nun immerhin den Weg frei zu einer umfassenden Veränderung von Staat und Armee. Die zuvor noch blockierten Reformer wie Stein und Hardenberg fanden sich plötzlich in zentralen Positionen der Zivilverwaltung wieder und auch der inzwischen zum Generalmajor beförderte Scharnhorst, der für seine Einsatz in der Schlacht von Preußisch-Eylau (8.2. 1807) mit dem Pour-le-Merit ausgezeichnet worden war, trat an die Spitze der neu einberufenen Reorganisationskommission. Unter den wachsamen Augen der Besatzungsmacht Frankreich versuchten Scharnhorst und ein ausgewählter und ihm ergebener Kreis junger Offiziere wie Carl v. Clausewitz, Hermann v. Boyen und Georg v. Grolmann die Grundlagen für ein neues preußisches Heer zu schaffen, in dem Beförderungen nur noch nach Eignung und Leistung erfolgen sollten und die „Freiheit des Rückens“ ein Grundprinzip des Dienens sein würde.
Nach den Vorstellungen seines engagiertesten Kampfgenossen und Freundes, Oberstleutnant August Neithardt Graf v. Gneisenau (1760-1830), war jeder Bewohner eines Landes zugleich auch sein geborener Verteidiger. Großzügige Ausnahmen von der Wehrpflicht, wie sie noch das preußische Kantonsreglement von 1792 vorgesehen hatte, sollte es jetzt nicht mehr geben. Gleichwohl war die militärische Macht, die der Hohenzollernstaat Anfang 1813 an der Seite Russlands gegen Napoleon ins Feld stellen konnte, nicht besonders eindrucksvoll. Der Aufruf des preußischen Monarchen an sein Volk vom 17. März 1813 hatte zwar zahlreiche Freiwillige unter die Fahnen gebracht, doch an Bewaffnung, Ausrüstung und Ausbildung konnten es die preußischen Kontingente kaum mit den neuen Regimentern aufnehmen, die der französische Kaiser trotz des Unterganges seiner „Grand Armée“ noch einmal ins Feld gestellt hatte.

Scharnhorst stirbt 1813 an einer Verwundung am Knie

Zusammen mit den erschöpften Russen mussten sich die Preußen nach zwei knapp verlorenen Schlachten auf die Elbe zurückziehen. Gleichwohl bewog der überraschend hartnäckige Widerstand der Verbündeten, mehr noch aber die unklare Haltung Österreichs, Napoleon zu einem Waffenstillstand. Um die bedeutende Armee der Habsburgermonarchie für die Koalition zu gewinnen, reiste der inzwischen zum Generalleutnant beförderte Scharnhorst zu Verhandlungen nach Wien. Eine in der Schlacht bei Großgörschen am 2. Mai erlittene Verwundung am Knie schien ihn zunächst nicht zu behindern, verschlimmerte sich aber nach wenigen Wochen so sehr, dass Scharnhorst am 28. Juni 1813 in Prag daran verstarb.
Für diejenigen, welche die Vollendung des preußischen Umschwunges erlebten, galt jedoch der gradlinige und beharrliche Offizier aus Hannover als der eigentliche „Spiritus rector“ des Sieges über Napoleon. Unter der frappierenden Masse glänzender Gestalten in jener Zeit fiel der eher bäuerlich und bieder wirkende Scharnhorst nie als rhetorisches Glanzlicht auf, doch seine Ideen waren gründlich erwogen und zielten stets auf maßvolle Veränderungen. So hatte der konservative Reformer das preußische Linienheer neben der neuen Landwehr bestehen lassen. Nicht wie andere habe er mit „Blüten geprangt, so sein bewundernder Schüler Clausewitz, sondern er sei ein Geist gewesen, der still „edle Früchte gezeitigt“ habe, während der Publizist Ernst Moritz Arndt in ihm einen Mann sah, der „nicht hektisch Ideen in sich aufjagte“, sondern „still über ihnen ruhte.“

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 4 Frühe Neuzeit, 5 Neuzeit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.