Karl XII.: Mehr Krieger als Heerführer

Mit dem Tod des „Heldenkönigs“ endete die schwedische Großmachtpolitik

Karl_XII_von Dr. Klaus-Jürgen Bremm

In der Nacht zum 11. November 1714 pochten zwei Reiter an das Tribseer Tor der damals zu Schweden gehörenden Stadt Stralsund, die sich als Eilkuriere mit wichtigen Nachrichten für den Festungskommandanten ausgaben. Nach einigem Hin und Her wurden die beiden obskuren Ankömmlinge schließlich zu General Carl Gustav Dücker geführt. Der aus dem Schlaf gerissene Offizier staunte nicht schlecht, als sich einer der beiden sichtlich erschöpften Reiter als König Karl XII. zu erkennen gab, den ganz Europa immer noch in der fernen Türkei vermutete.

Sechs Tage und Nächte hatten der schwedische König und sein Begleiter im Sattel verbracht und in Rekordzeit die rund 1500 Kilometer von Wien über teilweise feindbesetztes Gebiet bis zu diesem beinahe letzten Außenposten Schwedens auf deutschen Boden zurückgelegt. Nur zwei Wochen waren seit seinem Abmarsch aus der osmanischen-rumänischen Grenzstadt Pitesti verstrichen und die gesamte Zeit hatte der Monarch geschickt und zuletzt sogar mit Vergnügen die Rolle eines gewöhnlichen Kavalleriekapitäns gespielt und damit einmal mehr Freund und Feind düpiert.

Karl hatte seine Armee in Russland verloren

Doch die Lage seines Reiches war ernst. Fast alle baltischen und deutschen Territorien der nordischen Großmacht waren verloren. Zu den alten Feinden Dänemark, Sachsen-Polen und Russland waren inzwischen auch Preußen und die so genannten Seemächte (Großbritannien und die Niederlande) gekommen. Zwar begeisterte es seine Untertanen im schwedischen Mutterland, als sie von der überraschenden Rückkehr ihres legendären „Heldenkönigs“ nach beinahe 15-jähriger Abwesenheit erfuhren. Doch von der gewaltigen Armee von 35.000 Mann, mit der Karl im Sommer 1707 seine üppigen Quartiere in Sachsen verlassen hatte, um Moskau zu erobern und den ihm verhassten Zar Peter I. zu demütigen, waren ihm jetzt kaum noch 1000 Mann geblieben.

Zu allem Verhängnis hatte das Land, das damals kaum 1,3 Mio. Einwohner zählte, zwei weitere Armeen verloren, noch im Vorjahr musste General Magnus Stenbock mit 20.000 Mann im holsteinischen Tönningen vor den Dänen kapitulieren. Doch Karl blieb auch jetzt zuversichtlich und hoffte, die Lage wieder wenden zu können.

Hatte er bis dahin nicht alle Feinde durch seine Unbeirrtheit und sein kühnes Zupacken überwunden? Schon die Landung des 18-jährigen Monarchen im Sommer 1700 mit seiner Armee auf Seeland war eine strategische Meisterleistung gewesen und hatte den in seiner Hauptstadt eingeschlossenen Dänenkönig Friedrich V. zum Frieden genötigt. Den maßlosen August von Sachsen, den man den „Starken“ nannte, hatte Karl anschließend sechs Jahre lang durch dessen polnisches Wahlkönigreich gejagt und ihm schließlich im eigenem Land den Frieden von Altranstädt (1706) diktiert.

1700 galt der schedische König als unbesiegbar

Was schien denn da von einem Herrscher zu befürchten, der wie der prahlerische Zar Peter bei Narwa schon auf die Nachricht vom Anmarsch der kleinen schwedischen Armee Hals über Kopf seine Truppen verlassen hatte? Seit damals, als der junge König noch im November 1700 seine Regimenter durch knietiefen Schlamm und peitschenden Regen zum Entsatz seiner belagerten estnischen Festung geführt hatte und im Schneesturm persönlich an der Spitze seiner Angriffskolonnen in die russischen Schanzen eingedrungen war, hatte Karl XII. in ganz Europa als unbesiegbarer Kriegerkönig gegolten.

Kaum etwas flösste den Gegner seither mehr Respekt ein als der Anblick der schwedischen Kolonnen in ihren typischen blau-gelben Uniformröcken. Wie keine andere Armee Europas von zahllosen Feldpredigern religiös indoktriniert und von unerschütterlichem Vertrauen zu ihrem Monarchen erfüllt war der Angriff mit der blanken Waffe ihr Markenzeichen. Seinen Soldaten oft genug mit persönlichem Beispiel voranschreitend, verachtete Karl die Artillerie und nutzte sie lediglich für Belagerungen.

Doch sein 1707 begonnener großer Feldzug ins Herz des russischen Riesenreiches, der sein letzter sein sollte, verlief von Anfang an ungünstig. Alle Mahnungen seiner Berater und Generale, doch die wiederholten Friedensofferten des Zaren in Erwägung zu ziehen, hatte der Erfolgs verwöhnte Monarch damals in einer Mischung aus übersteigertem Selbstbewusstsein und tiefer Empörung von sich gewiesen. Wie hätte er es zulassen können, dass sein Rivale sich seine neue Hauptstadt St. Petersburg an der Ostsee ausgerechnet auf dem alten schwedischen Ingermanland errichtete?

Russland verfolgte die Strategie der verbrannten Erde

Noch gewarnt durch seine Erfahrungen bei Narwa vermied es der Zar, sich den Schweden in einer neuen Schlacht zu stellen. Stattdessen folgte er einer Strategie der verbrannten Erde, die sich schon bald auszahlte. Als es den Russen gelang, einen großen schwedischen Nachschubkonvoi aus dem Baltikum abzufangen, musste Karl seinen Vormarsch auf Moskau im Sommer 1708 kurz vor Smolensk aufgeben. Inmitten eines zur Wüste gewordenen Landes drohte seine Armee zu verhungern.

Plötzlich schien ihm die Ukraine ein verlockendes Ziel, wo rebellische Kosaken und vielleicht sogar der osmanische Sultan als Verbündete zu gewinnen waren. Doch der Weg nach Süden erwies sich als Sackgasse. Die umworbenen Türken forderten erst einmal einen schwedischen Schlachtenerfolg, während die Kosakenhauptstadt Baturin im raschen Zugriff von den Russen erobert und niedergebrannt wurde. Nur 3000 Kosaken gelang es, sich der schwedischen Armee anzuschließen, die im Raum zwischen Dnjepr und Worskla einen außergewöhnlich harten Winter durchstand. Im Frühjahr 1709 dämmerte es Karl und seiner Generalität immer mehr, dass die schwedische Armee in ihren Positionen isoliert war. Eine russische Armee blockierte inzwischen die Verbindungen nach Polen und ohne neue Verbündete war an einen erneuten Vormarsch auf Moskau nicht zu denken. Nur eine siegreiche Schlacht konnte ihnen jetzt noch helfen.

Vor Poltawa verlor Karl XII. seine Armee

Im Mai begann Karl mit der Belagerung der kleinen Festung Poltawa an der Worskla. Der immer noch vorsichtige Zar sollte so zu einer Schlacht herausgefordert werden, die erfahrungsgemäß zugunsten der Schweden enden würde. Wie kalkuliert bezog Peter I. tatsächlich mit seiner mehr als doppelt überlegenen Armee Mitte Juni ein befestigtes Lager auf dem rechten Worsklaufer und sicherte sich im Vorfeld mit weiteren Verschanzungen. Als sich die Schweden schließlich in der Nacht zum 28. Juni (8. Juli) 1709 zum Angriff auf das gegnerische Lager formierten, ging fest die Hälfte ihrer Bataillone verloren, da sie sich entweder verirrten oder in nutzlosen Angriffen auf die vorgeschobenen russischen Schanzen aufgerieben wurden. So sah sich Karl XII. mit nur noch 5000 Mann seiner bewährten Infanterie einer vierfachen russischen Übermacht gegenüber. Sein Verzweiflungsangriff endete schließlich mit der Vernichtung fast der gesamten schwedischen Infanterie.

Zwar konnten sich die von ihrer ersten Niederlage schockierten Reste der schwedischen Armee noch vom Schlachtfeld, das mit fast 7000 Toten und Verwundeten bedeckt war, zurückziehen. Nur zwei Tage später mussten allerdings auch die Überlebenden einschließlich der noch kampfähigen Kavallerie auf den Weg nach Süden ins Osmanische Reich bei Perewolatschna vor den nachdrängenden Russen kapitulieren, da zu wenig Boote zur Verfügung standen, um den Dnjepr zu überqueren. Damit war das größte Desaster in Schwedens Geschichte perfekt.

Karl zog es nach der Niederlage ins osmanische Reich

Doch auch ohne Armee mochte sich Karl noch nicht geschlagen geben. Mit seinem verbliebenen Gefolge quartierte er sich in der damals osmanischen Stadt Bender (im heutigen Moldawien) ein und versuchte von dort, den Sultan zu einer gemeinsamen Fortsetzung des Krieges gegen Russland zu gewinnen. Anfangs zeigte sich die „Hohe Pforte“ derartigen Plänen durchaus aufgeschlossen, als sich aber herausstellte, dass die von Karl versprochene neue schwedische Armee nie in Polen erscheinen würde, verhielt man sich in Konstantinopel immer abweisender. Nachdem osmanische Truppen in einer spektakulären Aktion den König und sein Gefolge sogar gefangen genommen hatten, war der Sultan schließlich froh, seinen ungebetenen Gast nach fünfjährigem Exil in dessen Heimat verabschieden zu können.

Auch wenn Karl XII. mit seiner zweiwöchigen Flucht durch ganz Europa noch einmal aller Welt seine Entschlossenheit und sein Geschick demonstriert hatte, so fehlten ihm doch jetzt zu einer aussichtreichen Fortsetzung des Krieges Heer und Flotte. Trotz Mobilisierung der letzten Reserven seines kriegsmüden Landes und trotz beispielloser persönlicher Tapferkeit gingen auch Rügen und Stralsund im Dezember 1715 gegen ein vereinigtes dänisch-preußisches Heer verloren.

Erst kurz vor dem Fall der Stadt hatte sich Karl ins schwedische Mutterland eingeschifft, von wo aus er in den nächsten drei Jahren versuchte, die dänischen Besitzungen in Norwegen zu erobern. Nicht ohne Berechtigung spekulierte er auf einen baldigen Zerfall der antischwedischen Koalition, in der Russland auch seinen bisherigen Bündnispartnern schon viel zu mächtig geworden war. Bei Friedensverhandlungen ließen sich daher schwedische Eroberungen in Norwegen durchaus als Faustpfand verwenden, um die verlorenen Territorien in Deutschland wieder zu gewinnen.

Karl starb 1718 mit nur 36 Jahren

Tatsächlich zeichnete sich endlich im Herbst 1718 nach mehreren Anläufen mit dem Fall der wichtigen Festung Fredriksten ein schwedischer Erfolg ab, als der König am Abend des 30. Novembers 1718 nach seiner Gewohnheit aus einem der Laufgräben die gegnerischen Positionen erkundete. Eine so genannte Kartätschenkugel in die linke Schläfe beendete das Leben des erst 36-jährigen Königs, der von den 21 Jahren seiner Herrschaft die letzten 18 ununterbrochen Krieg geführt hatte. Trotz dreimaliger Obduktionen, die letzte im Jahre 1917, sind bis heute die Stimmen nicht verstummt, die von einem Anschlag aus den eigenen Reihen sprechen.

Schon den Zeitgenossen war die Persönlichkeit des Königs rätselhaft. Mit den Verhaltensmustern seiner damaligen barocken Standesgenossen ist sein Handeln kaum zu erklären. Nicht allein seine betont asketische Lebensweise, seine Vorliebe für das Feldlager und sein demonstratives Desinteresse an Frauen machten ihn zu einem Sonderfall innerhalb seiner Kaste, auch die bis zum Starrsinn reichende Prinzipienfestigkeit des Königs ließen andere Monarchen auf Distanz gehen. So schrieb Friedrich der Große 1759 in seinen Reflexionen über Karl XII., dass er mehr tapfer als geschickt, mehr tätig als klug gewesen und mehr seinen Leidenschaften als seinem Vorteil gefolgt sei, wohl auch, um in der bedrückenden Situation nach Kunersdorf die aufkeimende Kritik seiner Generale aufzufangen.

Mehr Abenteurer als Staatsmann

Tatsächlich war Karl XII. mehr Krieger als Heerführer, mehr Abenteurer als Staatsmann. Die Grundlagen für Schwedens ausgreifende Machtpolitik hatte schon sein Vater, Karl XI., gelegt und mit Weitblick das Heerwesen reformiert. Der Sohn lebte von der Substanz, aber er tat es mit beeindruckender Konsequenz. Bewundernd bemerkte sein erster Biograf und Augenzeuge seines Lebens, Jöran Nordberg, dass der König seinen Soldaten stets ein Vorbild war. Er rief nicht: Geht und macht!, sondern: Kommt mit! und war dabei der erste. Karls beispielloses Heldentum schien einer nordischen Sage zu entstammen. Ob eine geschicktere Regentschaft Schwedens Großmachtposition hätte retten können, bleibt Spekulation. Seinen Nachfolgern gelang es immerhin, einen Teil der deutschen Provinzen und Finnland zu retten. Doch mit dem Tod des „Heldenkönigs“ war der alte schwedische Traum vom „Mare nostrum balticum“ ausgeträumt.

 

 

 

 

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