Schlieffen und sein Plan: In kühner Zangenbewegung gegen Frankreich

Alfred_Graf_von_Schlieffenvon Dr. Klaus-Jürgen Bremm

Am frühen Abend des 3. Juli 1866 strömten die geschlagenen Kolonnen der Armee des k.u.k. Feldzeugmeisters Ludwig August v. Benedek unter der todesmutigen Deckung einer letzten Geschützbarriere zu den rettenden Elbübergängen. Wie für viele seiner Kameraden war der unerwartete Zusammenbruch der vordem so herrischen Habsburgermonarchie auf dem böhmischen Schlachtfeld für den damals 33-jährigen Ulanenrittmeister und späteren preußischen Generalstabschef, Alfred Graf v. Schlieffen, ein Schlüsselerlebnis.

Von den Höhen bei Sadowa hatte Schlieffen einen beeindruckenden Blick auf die Elbe im Hintergrund und die in der Ferne im späten Sonnenlicht weiß schimmernden Mauern der Festung Königgrätz. Während Fetzen des Hohenfriedberger-Marsches und des Chorals von Leuthen durchmischt mit anschwellenden Hurrarufen zu ihm drangen, verfolgte der junge Offizier mit ungläubigen Augen den bis dahin beispiellosen Triumph der preußischen Waffen. Dem stets nüchtern-kritischen Schlieffen blieb jedoch auch in der allgemeinen Hochstimmung dieses Abends nicht verborgen, dass der so deutliche Sieg der Hohenzollernarmee auf einer beunruhigend langen Kette von Zufällen beruht hatte. Erst der heiß ersehnte Flankenstoß der Kronprinzenarmee brachte die glückliche Entscheidung im letzten Augenblick.

Schlieffen zeigte kein Mitleid mit der k.u.k. Armee

Die erschütternde Wende in der europäischen Geschichte hatte auch für den Kavallerieoffizier aus einer alten pommerischen Soldatenfamilie eine noch weit nachhallende Wirkung. Anders als Moltke, damals sein oberster Chef, zeigte Schlieffen jedoch kein Mitleid mit dem geschlagenen Gegner. Den Anspruch der nach seiner Ansicht längst von Slawen dominierten Habsburgermonarchie über Deutsche zu herrschen empfand er als ungeheure Anmaßung, die an diesem glücklichen Tage allerdings mit Gottes Fügung zunichte gemacht worden war.
Seitdem der ehemalige Student der Rechte, der nie eine der berüchtigten preußischen Kadettenanstalten hatte besuchen müssen, zwölf Jahre zuvor als „Einjähriger“ in die Armee eingetreten war, hatten ihn ständige Zweifel an seiner Berufswahl und auch eine von Ironie erfüllte Distanz zum vorherrschenden Kasernenhofdrill geprägt. In einem Brief an seine Eltern kommentierte der 22-jährige Seconde-Leutnant noch in launigen Wendungen die damals gerade eingeführte Erhöhung der Schrittzahl der Infanterie auf 112 je Minute. Alles Unglück, das den preußischen Staat bis dahin heimgesucht habe, rühre wohl, so Schlieffen, von der verwerflichen Bestimmung des alten Reglements her, bloß 108 Schritte in der Minute auszuschreiten. Nach dem Tag von Königgrätz aber sah er plötzlich Preußen trotz all seiner unbestreitbaren Eigenheiten als deutsche Schicksalsmacht, ja sogar als Instrument eines höheren Willens.

Nur ein Stoß in Rücken oder Flanke kann eine Entscheidung bringen

Die gigantische Schlacht zwischen Elbe und Bistritz unter Beteiligung von insgesamt 15 Armekorps warf erstmals für Schlieffen, der es inzwischen mit Talent und außergewöhnlichen Fleiß bis in den Generalstab gebracht hatte, auch jene kaum lösbar erscheinenden Fragen der Führung moderner Massenheere auf, die ihn bis in sein hohes Alter kontinuierlich beschäftigen sollten. Aus Moltkes spektakulären Erfolg, der sich vier Jahre später noch einmal bei Sedan wiederholen sollte, zog der nachdenkliche und vielversprechende Offizier vor allem die Lehre, dass bei der stetig wachsenden Größe nationaler Wehrpflichtheere nur ein entschlossener Stoß in Rücken und Flanke des Gegners noch eine rasche Entscheidung herbeiführen könne.
Von seinem renommierten Vorgänger übernahm Schlieffen daher die unbedingte Vorliebe für den Angriff, die er, dann selbst zum Generalstabschef aufgestiegen, verknüpft mit dem Umfassungsgedanken einer nachwachsenden Generation aufstrebender Generalstabsoffiziere mit gebetsmühlenhafter Eindringlichkeit vermittelte. Später sollte er sogar die Ansicht vertreten, dass lange Kriege zwischen ökonomisch vielfach vernetzten modernen Gesellschaften ohnehin nicht mehr mit Gewinn zu führen seien. Das spektakuläre Scheitern der Russen in der Mandschurei, die sich gegen Japan auch mit Blick auf die verheerende Wirkung moderner Waffen auf eine Defensivstrategie gestützt hatten, schien die schlagende Bestätigung seiner strategischen Ansichten zu liefern.

Schlieffen hielt Festungsanlagen für Fallen

Gegen die Versuche des damaligen Inspekteurs des Pionierwesens, Colmar v. d. Goltz, eine Befestigungslinie zwischen Metz und Straßburg zu errichten, hat er sich als Generalstabschef vehement gewehrt und stattdessen auf die ihm dringend notwendig erscheinende Vermehrung des deutschen Feldheeres gedrängt. Zu gut war ihm noch aus dem Krieg gegen Frankreich, den er zu seinem Bedauern nur in seiner letzten Phase noch aktiv erlebt hatte, die Kapitulation des unglückseligen Marschall Bazaines in Metz in Erinnerung.
Festungen erschienen ihm seither wie Fallen und dass der wieder erstarkte „Erzfeind“ nach seiner demütigenden Niederlage von 1870/71 Schutz in einer neuen Befestigungskette zwischen Mézières und Belfort suchte, einer „chinesischen Mauer“, wie er gerne spottete, schien ihm später als Generalstabschef nur recht. Schlieffen hatte den alten und unerbittlichen Gegner eines unter Preußen geeinten Deutschen Reiches schon auf ausgedehnten Reisen in den Jahren 1867/68 kennengelernt. Seither war es für den bald danach zum Major beförderten Offizier eine unumstößliche Gewissheit, dass diese stolze Nation, die sich seit 1789 als Wiege aller Zivilisationen fühlte, den Verlust seiner führenden Stellung in Europa niemals würde akzeptieren können.

Einseitig auf das Dienstliche fixierter Vorgesetzter

1876 verließ der früh zum Witwer gewordene Vater zweier Töchter einstweilen den Großen Generalstab und übernahm den Befehl über das 1. Garde-Ulanen-Regiment in Potsdam, das er sieben Jahre lang mit dem übertriebenen Diensteifer eines um sein Privatleben gebrachten Vorgesetzten führte. Stallinspektionen um vier Uhr morgens waren keine Seltenheit. Spätere Untergebene aus dem Generalstab wussten sogar zu berichten, dass sie regelmäßig am Heiligabend von einem Boten eine besondere Kriegslage zur Bearbeitung erhielten, die am nächsten Abend fertig wieder beim großen Chef auf dem Tisch liegen musste. Um Schlieffens einseitige Fixierung auf das Dienstliche, die ihn scheinbar so sehr von den beiden Moltkes unterschied, ranken sich zahlreiche Anekdoten. Den kühnen Hinweis eines Untergebenen auf den landschaftlichen Reiz des ostpreußischen Pregeltales quittierte der Chef nach langer in Schweigen verbrachter Bahnfahrt mit der knappen Bemerkung, es sei als Geländehindernis ohne Bedeutung. Bis Königsberg, so heißt es, wurde dann kein weiteres Wort mehr gewechselt.
Nach einem kurzen Intermezzo des politisch überambitionierten Grafen Alfred v. Waldersee in der Heeresleitung hatte Schlieffen, bis dahin Abteilungschef im Großen Generalstab, für viele überraschend im April 1891 die Nachfolge des greisen Moltkes angetreten und sogleich den Schwerpunkt der deutschen Kriegsplanungen wieder in den Westen gelegt. Die lange gefürchtete Allianz der unruhigen Dritten Republik mit dem autokratischen Zarenreich, die nur zwei Jahre nach Bismarcks Abgang schon konkrete Gestalt annahm, setzte fortan für Schlieffen die Eckdaten seiner operativen Überlegungen.

Schlieffens Plan ignorierte die Neutralität Belgiens und Luxemburgs

In den folgenden anderthalb Dekaden entwickelte der verschlossene neue Hausherr an der Berliner Moltkebrücke in zahlreichen Planspielen und auf regelmäßigen Generalstabsreisen das Konzept einer raschen und entscheidenden Umfassung der französischen Festungskette durch Luxemburg und Belgien. Dabei verlängerte er den rechten deutschen Flügel immer weiter nach Norden, so dass schließlich mit dem so genannten Maastricher Zipfel auch niederländisches Gebiet vom Durchmarsch der deutschen Kolonnen betroffen worden wäre. Als Schlieffen nach dem Ausbruch des russisch-japanischen Krieges im Frühjahr 1904 in enger Abstimmung mit Baron Friedrich v. Holstein, der grauen Eminenz im Auswärtigen Amt, sich für einen präventiven Krieg gegen Frankreich aussprach, (wenn tatsächlich ein Krieg mit Frankreich geführt werden müsse, sei jetzt die günstigste Gelegenheit) scheiterte dieser Vorstoß letztlich nur an der mangelnden Bereitschaft der Marine und dem unzulänglichen Zustand der deutschen Artillerie. Für Schlieffen läutete diese Episode allerdings auch das Ende seiner militärischen Karriere ein.
Dem mittlerweile 71-Jährigen trauten Kaiser und Reichskanzler Bernhard v. Bülow ohnehin nicht mehr zu, das deutsche Heer in einem drohenden Krieg gegen England und Frankreich zu führen. Während sich in den folgenden Monaten eine lebhafte Diskussion über den geeignetsten Nachfolger Schlieffens entspann, arbeitete der nunmehrige Generalstabschef auf Abruf eine letzte Fassung seiner operativen Überlegungen für einen Krieg gegen Frankreich aus, die nach einer gigantischen Umfassungsbewegung unter Einschluss von Paris einen entscheidenden Sieg über den alten Rivalen in nur sechs Wochen versprach. Als so genannter Schlieffenplan, der in seinen Einzelheiten zunächst nur wenigen Entscheidungsträgern bekannt war, sollte diese Denkschrift des greisen Generals, der 1911 noch ehrenhalber zum Generalfeldmarschall befördert wurde, weit über seine Anfang 1906 endende Dienstzeit hinaus als das bis heute umstrittene Vermächtnis des knorrigen Grafen in die Geschichte eingehen.

Der Schlieffenplan spaltete das deutsche Offizierskorps

Wie kein anderer General seiner Zeit spaltete Schlieffen schon zu Lebzeiten das deutsche Offizierskorps in leidenschaftliche Anhänger und unversöhnliche Gegner. Als sein fraglos gewagtes Konzept, das mit einigen Abweichungen auch unter dem jüngeren Moltke die Grundlage aller militärischen Planungen der preußisch-deutschen Heeresleitung geblieben war, Anfang September 1914 an der Marne scheiterte, avancierte der im Jahr zuvor im achtzigsten Lebensjahr verstorbene Schlieffen für viele von seinem Nachfolger enttäuschte Generalstäbler endgültig zum militärischen Übervater. Danach hätte allein sein Plan, wenn er nur entschlossen ausgeführt worden wäre, die Gewähr für einen schnellen deutschen Sieg geboten.
Dem gegenüber verwiesen Schlieffens Kritiker mit guten Gründen bis heute auf dessen zahllose Risiken, die fehlenden Reserven und die selbst für die beste Truppe kaum zu bewältigenden Distanzen. Fraglos liegt in dem Bruch der belgischen Neutralität mit seinen fatalen politischen Folgen der gravierendste Nachteil des Schlieffenplans. Gleichwohl aber bleibt festzuhalten, dass der rechte deutsche Flügel, Schlieffens berühmtes „Bataillon Quarré, keine fünf Wochen nach Kriegsbeginn bereits vor Paris stand, während Frankreichs Armee an der falschen Front in Lothringen aufmarschiert war. Was ohne den vorzeitigen Abtransport zweier deutscher Armeekorps bei einer energischeren Führung des jüngeren Moltke an der Marne geschehen wäre, muss allerdings für immer Spekulation bleiben.

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit

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