Karten

Ein Buch über Entdecker, geniale Kartografen und Berge, die es nie gab

9783806228472-bKarten, das sind Orientierungshilfen, Geheimnisträger, Geschichtenerzähler und nicht zuletzt Ausdruck der Weltsicht ihrer Schöpfer. In einer Zeit, da papierne Landkarten und Stadtpläne den Navis und Google-Erden zum Opfer zu fallen scheinen, entfaltet Simon Garfield in seinem Buch Karten einen ganzen Kosmos von Welten, wie sie einmal waren, wie sie sich die Menschen einst vorstellten, wie sie sie sahen oder sehen sollten und wie sie entstanden. Es ist ein faszinierender Streifzug durch die Geschichte der Entdeckung der Welt und Garfield beginnt sie mit einer virtuellen Karte, die vollständig aus Facebook-Kontakten generiert von eben diesem sozialen Netzwerk 2010 veröffentlicht wurde.

Unter der Überschrift „Aus Liebe zu den Karten“ führt Dava Sobel, die Autorin von „Längengrad“ aus persönlicher Sicht in die traditionelle Welt der Karten ein und gleich anschließend konfrontiert Simon Garfield seine Leser ausgerechnet mit der virtuellen Facebook-Weltkarte und Gedanken über GPS und Navigationssysteme und stößt den Leser damit auf ein interessantes Phänomen: den Menschen als Schöpfer, Grundlage und Mittelpunkt seiner Weltsicht. Ob als elektronisches Facebook-Profile- Cluster oder als von Ungeheuern wimmelnde Pergamentkarte, ob als Ergebnis präzisester in ein allgemeingültiges Koordinatensystem gezwängter Vermessungen oder als mittelalterlicher reichhaltig beschrifteter, illustrierter und phantasievoll ergänzter Reiseführer mit Jerusalem als Mittelpunkt, die Karten interpretieren die jeweils gleiche reale Welt unter verschiedensten Blickwinkeln, Zielsetzungen, Glaubenshintergründen oder Philosophien im Laufe der Jahrhunderte immer wieder völlig anders. Sie zeichnen Bilder von unserer Welt, wie wir sie sehen wollen, sollen, müssen. Dabei lässt nicht nur der Kartograf die Vorstellungen seiner Zeit in sein Werk einfließen, sondern auch der Betrachter. Und so kommt es, dass auf den Karten nicht nur die reale Welt in ganz unterschiedlicher Weise abgebildet wird, sondern der Betrachter vor seinem persönlichen und kulturgeschichtlichen Hintergrund in der gleichen Karte jeweils ganz unterschiedliche Welten zu erblicken vermag.

Die Beschreibung der antiken Welt

Mit ganz unterschiedlichen Ansatzpunkten führt Garfield seine Leser in die Welt der Karten, präsentiert die Karten als eigene Welt. Das reicht von ihrer Entstehung, ihrer Verbreitung, ihrem Verlust, ihrer Wiederentdeckung bis hin zu Karten als Grundlage von Wirtschaftsimperien, Firmen, persönlichen Schicksalen, Irrtümern und Sensationen. Die Geschichte der Karten ist so abenteuerlich, wie die fiktiven Reisen, die man auf ihnen unternehmen kann. Ihr Anfang ist geprägt von der legendären Bibliothek von Alexandria, der Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel ist, den Irrfahrten des Odysseus und vor allem der Geographia, der Beschreibung der Welt von Claudius Ptolemäus. Immerhin, seine Beschreibung diente schließlich in der frühen Neuzeit als Grundlage für die Navigation der ersten Entdeckungsreisen in die Neue Welt. Bis dahin allerdings folgte die Beschreibung und kartografische Darstellung der Welt ganz anderen Prinzipien.

Mappa Mundi – Abenteuer Mittelalter

Ein Beispiel dafür ist die um 1290 entstandene Mappa Mundi, die, obwohl von geradezu unermesslicher historischer Bedeutung, 1988 von seinem geistlichen Finder zwecks Mittelbeschaffung für die Reparatur des Daches der Kathedrale von Hereford schlichtweg verscherbelt werden sollte. Im Plauderton schildert Garfield nicht nur diese Geschichte, sondern auch, was auf der Karte tatsächlich zu sehen ist, welche geografische und vor allem Geisteswelt sich hinter den unzähligen Texten, den Tieren, Illustrationen und fast 1100 Ortsnamen, die auf der Karte zu finden sind, verbirgt. Die Mappa Mundi ist der Ansatzpunkt, um den Leser in die Welt der mittelalterlichen Kartografie zu entführen. Und immer wenn man glaubt, dem Geheimnis der Kartografie auf die Spur gekommen zu sein, liefert der Autor neue Aspekte, neue Details, Überraschungen.

London A-Z, die Geschichte einer kartografischen Legende

Tatsächlich gelingt es Garfield in seinem Buch, auch den Leser, der bereits ein innigeres Verhältnis zu historischen Karten und damit verbundenen Geschichten hat, zu überraschen. Und es sind nicht nur die meist bekannten europäischen Prachtkarten und Atlanten, die Garfield präsentiert, sondern immer wieder auch „Exotisches“, wie beispielsweise ein Ausflug nach China, auf den Mond oder mit Francis Drake in die spanischen Gewässer der Neuen Welt. Selbst zu allgemein Bekanntem liefert Garfield hintergründige Anekdoten, und selbst, wenn er inhaltlich in der Neuzeit ankommt und über scheinbar profane Stadtpläne oder Straßenkarten – wie den legendären Londoner Stadtplan „London von A bis Z“ – schwadroniert, lassen einen die Geschichten, die sich dahinter verbergen und die der Autor gekonnt entwickelt, nicht los.

Gelungene Einladung in die Welt der Karten

„Cholera und die Karte, die das Sterben beendete“, „Beim X müsst ihr graben: die Schatzinsel“ oder „Der weltgrößte Kartenhändler, der weltgrößte Kartendieb“ Garfield lässt kaum ein kartenbezogenes Thema aus. Und selbst vor der Kartierung des Gehirns macht er nicht halt. Dava Sobel hat in ihrem Vorwort völlig recht, wenn sie Garfields Buch als „Einladung an seine Leser, sich in den Weiten der Landkarten zu verlieren“ bezeichnet. Dieser Einladung sollte der an Geschichte und Abenteuer Interessierte Mensch durchaus annehmen, auch wenn er bislang vielleicht kein besonderes Verhältnis zu traditionellen Karten und seine Welt(sicht) Navi und GPS überlassen hat.

Simon Garfield: Karten. Ein Buch über Entdecker, geniale Kartografen und Berge, die es nie gab. Theiss 2014. Gebunden, 519 Seiten.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Rezension

3 Antworten zu “Karten

  1. Vielen Dank für diese wunderbare Rezension, die auf so viele Aspekte dieses Buches eingeht. Ich habe es vor einigen Wochen ebenfalls mit großem Vergnügen gelesen.

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