Leopold Daun – Maria Theresias General im Kampf mit Friedrich II.

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Graf Leopold Daun

von Dr. Klaus-Jürgen Bremm

Am 9. Mai 1757 traf in Wien eine jener Hiobsbotschaften ein, die in beinahe regelmäßigen Abständen die Geschichte des Habsburgerreiches bis zu seinem Untergang begleitet hatten und das katholische Erzhaus wiederholt in den politischen Abgrund blicken ließen. Nur drei Tage zuvor war die österreichische Hauptmacht unter dem Prinzen Karl von Lothringen, dem Bruder Kaiser Franz I., bei Prag der gefürchteten Armee des Preußenkönigs Friederich II. unterlegen, ihre Reste in der böhmischen Kapitale eingeschlossen und vorerst neutralisiert. Damit schien der Weg nach Wien frei für den bis dahin noch nie besiegten Preußenherrscher und ein unter den Toren der Donaumetropole erzwungenes Friedensdiktat unausweichlich.

Alle Hoffnungen des Kaiserhauses ruhten jetzt auf dem 52-jährigen Graf Leopold Daun, der erst wenige Tage vorher zum Befehlshaber über ein kleines österreichisches Korps ernannt worden war, mit dem er allerdings nicht mehr rechtzeitig auf dem Prager Schlachtfeld hatte erscheinen können. Der auserkorene Retter der Monarchie schien jedoch seine besten militärischen Tage schon hinter sich zu haben. Erst im November 1756 hatte die Kaiserin Maria-Theresia den von ihr hoch geschätzten Daun zum Vorsitzenden des Obersten Justizkollegiums im Wiener Hofkriegsrat ernannt. Nichts deutete zu diesem Zeitpunkt darauf hin, dass der in die Jahre gekommene Günstling des Wiener Hofes, den ein Gichtanfall noch im Frühjahr an einer zeitigen Abreise zum böhmischen Kriegsschauplatz gehindert hatte, in den verbleibenden Jahren des Siebenjährigen Krieges zum größten militärischen Widersacher des Potsdamer Autokraten aufsteigen sollte.

Dauns Karriere verlief zu Anfang wenig spektakulär

Beide Heerführer hatten ihre ersten militärischen Eindrücke ein Vierteljahrhundert zuvor im Polnischen Erbfolgekrieg am Rhein gesammelt und während der preußische Prinz sich damals der besonderen Aufmerksamkeit der alternden Feldherrnlegende Eugen v. Savoyen erfreuen konnte, ist über die Erfahrungen des jungen Daun mit seinem zukünftigen Bluthandwerk nur wenig bekannt. Als zweitältester Sohn eines zwar langgedienten, aber zuletzt in Ungnade gefallenen österreichischen Generals verlief seine weitere militärische Karriere keineswegs spektakulär. Der Niedergang der einstmals von Eugen zu glänzenden Erfolgen geführten Armee schien nach dem Tod des Savoyer Prinzen im Frühjahr 1736 unausweichlich. So endete der unglückliche Türkenkrieg von 1738/39 mit dem bitteren Verlust der Festung Belgrad, über die erst wieder 1915 der Doppeladler wehen sollte.
Daun selbst behielt ein höchst unangenehmes Andenken an dieses vorerst letzte Kräftemessen mit der einst gefürchteten Hohen Pforte. In der für Österreich verlorenen Schlacht von Kroztka war er am 22. Juli 1739 das erste Mal ernsthaft blessiert worden und hatte sich in Wien lange auskurieren müssen. Es sollte nicht seine letzte Verletzung sein und in allen seinen späteren Schlachten verfuhr der Enkel eines erst nach dem Dreißigjährigen Krieg in den Reichsgrafenstand erhobenen Generals nach dem Grundsatz: Wenn es nur auf das bloße Drauflos ankomme, werde er gewiss nicht der letzte sein.

Erst seine Heirat brachte Zutritt zur feinen Gesellschaft

Als Generalfeldwachtmeister, dem untersten Generalsrang in der Armee Altösterreichs, und Kommandeur verschiedener gemischter Detachements – Divisionen gab es damals noch nicht – konnte sich der wieder genesene Daun in den beiden schlesischen Kriegen gegen das mit Frankreich und Bayern verbündete Preußen mehrfach bewähren. Doch erst seine Heirat mit der ältesten Tochter der bei Hofe bestens angesehenen Gräfin Fuchs führte ihn in den engeren Kreis der feinen Wiener Gesellschaft. Der frisch vermählte und im Felde bewährte Offizier, jetzt im Range eines Feldmarschallleutnants, gehörte bald zu den engsten Vertrauten der Kaiserin, die auch die Patenschaft für Dauns einzige Tochter Marie-Therese übernommen hatte. Sein 1746 geborener Sohn Franz Karl wiederum hatte den Kaiser als Taufpaten.
Von seiner Monarchin erhielt Daun auch den nötigen Freiraum, um nach dem Friedensschluss zu Aachen 1748 die längst fälligen Reformen der österreichischen Armee in Angriff zu nehmen. Für das nach dem Thronwechsel von 1740 wieder gefestigte Herrscherhaus stand es außer Frage, dass es noch einen dritten und dieses Mal wohl entscheidenden Waffengang mit dem ketzerischen Philosophen von Sanssouci geben würde. Das neue Reglement für das „Gesamte Kaiserlich-Königliche Fuss-Volk“ von 1749 trug unverkennbar die Handschrift des detailverliebten Daun als Vorsitzenden der von der Kaiserin dazu bestellten Kommission. Es sorgte nicht nur für die Vereinheitlichung der Kommandos und der internen Dienstabläufe, die bis dahin von Regiment zu Regiment unterschiedlich gehandhabt worden waren, sondern sah auch nach preußischem Vorbild die regelmäßige Zusammenfassung der Regimenter für mehrere Wochen in großen Feldlagern vor. Dauns eigener Verband, das Infanterie-Regiment „Graf Leopold Daun“ übte zwischen 1752 und 1754 sogar dreimal in der Umgebung von Kolin.

Daun gründete die theresianische Militärakademie

Noch zukunftsweisender war jedoch der Plan des schließlich 1754 zum Feldmarschall beförderten Dauns, für die Kadetten des altösterreichischen Vielvölkerheeres erstmals eine zentrale Ausbildungsstätte zu schaffen, in der dem neuen militärischen Führungsnachwuchs auch die theoretischen Grundlagen seines Handwerkes vermittelt werden sollten. Von der Maria-Theresia, die sich stets mit ungewöhnlichem Eifer für alle Belange ihres Heeres interessiert hatte, finanziell großzügig unterstützt, konnte die neue Militärakademie bereits am 11. November 1752 mit 200 Kadetten, je zur Hälfte aus Bürgertum und Adel, in der alten Burg von Neustadt ihren Dienstbetrieb aufnehmen. Noch heute dient die theresianische Militärakademie an selber Stelle als Kaderschmiede des österreichischen Bundesheeres.
Obwohl Daun fraglos bereits beachtliche Verdienste um Österreichs Streitmacht erworben hatte, konfrontierte ihn jetzt seine neue Rolle als Befehlshaber der einzigen noch der Monarchie verbliebenden Armee zum ersten Mal mit einer bisher nie gekannten Verantwortungslast. Doch zu überstürzten Aktionen neigte der bedächtige Generalfeldmarschall, den seine Kritiker später als deutschen Fabius Cunctator ? verspotten sollten, ohnehin nicht. Tatsächlich gelang es dem unermüdlichen und detailversessenen Organisator aus seinem bescheidenen Detachement, das er am 4. Mai von dem überforderten General Serbellonni übernommen hatte, innerhalb von nur sechs Wochen durch Zuzug neuer Regimenter aus Ungarn oder Eingliederung von Versprengten wieder eine schlagkräftige Armee von 53.000 Mann zu formen.
Damit fühlte sich Daun schließlich stark genug, zumal auch von der Kaiserin in Wien freundlich dazu ermahnt, Mitte Juni den Preußen bei Prag entgegen zu ziehen und damit Friedrich nicht das letzte Mal in diesem Krieg in eine unangenehme Situation zu bringen. Mit nur 35.000 Mann griff der selbstsichere Preußenmonarch die bei Kolin verschanzten Österreicher am 18. Juni 1757 an. Ihre erste Niederlage nach zuletzt acht siegreichen Schlachten traf die Preußen wie ein Schock. Statt der von Friedrich angestrebten Umgehung von Dauns rechter Flanke entwickelte sich nördlich der Kaiserstraße von Prag nach Olmütz eine Frontalschlacht, in der die kaiserlichen Truppen in ihren überhöhten Positionen den entscheidenden Vorteil besaßen.

Die Russen hassten Daun wegen dessen vermeintlicher Passivität

Die geschlagenen Preußen mussten die Belagerung von Prag aufgeben und sich nach Nordböhmen zurückziehen. In Wien dagegen feierte man Daun überschwänglich als den Retter der Monarchie und neuen Prinzen Eugen. Doch erst das zweite militärische Debakel des Prinzen Karl bei Leuthen am 5. Dezember 1757 bewog die Kaiserin, höfische Rücksichten fallen zu lassen und ihren glücklosen Schwager als Oberbefehlshaber der kaiserlichen Truppen durch den Sieger von Kolin zu ersetzen. Zunächst sollte Daun seine Monarchin nicht enttäuschen. Durch geschicktes Manövrieren und Blockieren der preußischen Kommunikationen gelang es ihm im Juli 1758, Friedrich zur Aufgabe seiner Belagerung der mährischen Festung Olmütz zu zwingen. Ein effektives Zusammenwirken mit den Russen, die im selben Jahr erstmals bis zur Oder nördlich Küstrin vorgestoßen waren und den Preußen bei Zorndorf Paroli geboten hatten, kam jedoch nicht zustande. Der Ärger der östlichen Verbündeten über die vermeintliche Passivität des Österreichers sollte sich im nächsten Jahr zu Misstrauen und regelrechtem Hass steigern. Dauns angeschlagenem Ruf half es da wenig, dass es ihm im Oktober 1758 immerhin noch gelang, den allzu sorglosen Preußenmonarchen mit einem Überraschungsangriff erneut zu schlagen, dieses Mal beim sächsischen Hochkirch.
Seine Weigerung, mit der österreichischen Hauptmacht im folgenden Sommer, nach Friedrichs Debakel gegen die Russen bei Kunersdorf, direkt nach Berlin zu marschieren, rettete vermutlich die Hohenzollernmonarchie vor dem Untergang. Die Kapitulation des preußischen Korps Finkh bei Maxen, die sich Daun als dritten Sieg über die Preußen an seine Fahnen heften konnte, war für diese wohl größte verpasste Chance des Krieges nur ein schwacher Ersatz. Die Kritik an dem allzu bedächtig agierenden Feldmarschall in der Armee nahm ständig zu und steigerte sich nach dem Fehlschlag bei Liegnitz am 15. August 1760 sogar zu dem Verdacht, Daun habe den energischen Gideon Laudon, Österreichs neue Feldherrnhoffnung, absichtlich allein gegen Friedrichs Armee kämpfen lassen.
Kaum mehr Glück hatten die Österreicher am 3. November 1760 bei Torgau, als die Preußen bei Einbruch der Nacht bereits mit großen Verlusten geschlagen waren, es ihnen dann aber doch noch gelang, auf die Süptitzer Höhen vorzustoßen. Daun, der nach einer Schussverletzung in seiner rechten Wade schon zuvor das Schachtfeld verlassen hatte, erhielt noch in der Nacht auf dem Krankenbett in Torgau die ernüchternde Nachricht vom völligen Umschwung der Lage.

Daun wurde noch Präsident des Hofkriegsrates

Trotz dieser letzten Rückschläge in einem Krieg, der nun in die Phase allgemeiner Erschöpfung eingetreten war, erreichte Daun in den verbleibenden drei Lebensjahren nach dem Friedensschluss noch das prestigeträchtige Amt des Präsidenten des Hofkriegsrates. Der Feldmarschall starb bereits am 5. Februar 1766, nur zwei Jahre nach seiner Frau. Die genaue Todesursache ist heute aus den Quellen nicht mehr diagnostizierbar, doch seine zahlreichen Verletzungen bei Hohenfriedberg, Leuthen, Kolin und zuletzt Torgau dürften an seinem frühen Tod nicht schuldlos gewesen sein. Der Meister der Defensive, von dem notorischen Spötter Friedrich wegen seiner Vorliebe für besetzte Höhenkuppen auch gern „Kaukasier“ genannt, stand stets im Schatten des großen Potsdamer Roi connétable. Doch schon der österreichische Diplomat und Offizier im Siebenjährigen Krieg, Fürst Charles Joseph de Ligne, äußerte als Zeitgenosse das wohl treffende Urteil: Dreimal hat Daun seinen Gegner überwunden, mehr als irgendein anderer Feldherr es gegenüber dem preußischen König zustande gebracht hat. Das wiegt schwer.

 

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