Zur falschen Zeit am falschen Ort

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engl.

Interview mit Kathy Duncombe, Präsidentin der Friends of Bruny Island Quarantine Station

Kathy Duncombe

Kathy Duncombe mit ihrem Buch „Bruny Island’s Quarantine Station In War and Peace“.
Foto: Copyright K. Duncombe, FOBQS

Zahlreiche Publikationen zur Geschichte Tasmaniens und vor allem Bruny Islands hat die engagierte Historikerin und Präsidentin der Friends of Bruny Island Quarantine Station (FOBQS) veröffentlicht. Ihr jüngstes Buch Bruny Island’s Quarantine Station In War and Peace beinhaltet auch ein Kapitel über die Internierung Deutscher – unter anderem der Crew der SS Oberhausen – in den ersten Jahren des Ersten Weltkrieges, dessen Beginn sich nun zum 100sten Mal jährt.

GeschiMag: Frau Duncombe, sie sind im Rahmen Ihrer intensiven Beschäftigung mit der Quarantäne-Station auf Bruny Island auch auf die Besatzung der SS Oberhausen gestoßen, die dort von 1915 bis 1916 Interniert war. Welche Spuren haben die Männer des deutschen Frachters dort hinterlassen?

K. Duncombe: Im Februar 1915 wurden die Kriegsgefangenen zur Quarantänestation auf Bruny Island gebracht und dort zum Holzfällen und Landrodung eingesetzt. Sie schienen eine gewisse Freiheit genossen zu haben, denn nach Aussage von Zeitzeugen rodeten sie auch Land außerhalb der Grenzen des Lagers.

Obwohl die Regierung im Laufe des Ersten Weltkriegs neue Gebäude in Betrieb genommen hatte, schienen die Gefangenen auch noch Eigene errichtet zu haben. Darunter befanden sich zumindest zwei Holzfällercamps am südlichen Ende der Halbinsel, weitab vom Hauptlager. Der Deutsche Hugo Fernholz hatte von der Militärverwaltung die Erlaubnis erhalten, einen Laden außerhalb des Lagerzauns, nahe dem Haupttor zu errichten und dort seinen  Geschäften nachzugehen.

Chimney

Die Überreste des Schornsteins
Foto: Copyright K. Duncombe, FOBQS

Es gibt dann noch Überreste eines Schornsteins dessen Konstruktion die hier unübliche Verwendung von gestampftem Ton zeigt, ein Grund, das als mögliche Hinterlassenschaft der Deutschen Internierten zu interpretieren. Nahebei hat man noch eine handgegrabene Wasserstelle gefunden. Die Existenz eines von den Deutschen benutzten Fischerbootes ist belegt, eine Notwendigkeit, wenn die Versorgungslage im Lager schlecht war.

GeschiMag: Die Zahlen der auf Bruny Island internierten Deutschen variieren zwischen 55 und mehr als 70. Verglichen mit anderen Lagern eine recht überschaubare Anzahl. Wieviel Crewmitglieder der Oberhausen waren eigentlich darunter und wo kamen die anderen Gefangenen her?

K. Duncombe: Uns liegen die Namen von 32 Internierten der SS Oberhausen vor. Im Rahmen des  ‚War Precautions Act 1914‘ galten alle in Australien lebenden Österreicher und Deutsche als Feinde, die sich bei einer Polizeistation melden, registrieren und unter Aufsicht stellen lassen mussten. Somit gehörten zu den auf Bruny Island Internierten auch Deutsche, die bereits lange in Tasmanien gelebt haben, einer sogar seit 35 Jahren. Es handelte sich um Fischer, Bauern, Mienenarbeiter und so weiter.

GeschiMag: In den Internierungslagern Australiens kam es wegen schlechter Behandlung der Gefangenen wohl, bevor meisten Internierungslager aufgelöst und die deutschen und deutschstämmigen Gefangenen aus unterschiedlichen Gründen 1915 in Holsworthy zusammengefasst wurden, zu massiven Beschwerden. Und auch über Bruny Island wird berichtet, dass die Gefangenen in jener Zeit gestreikt hätten. Wissen Sie etwas Genaueres über die Umstände des Streiks?

K. Duncombe: Es war im Juli 1915. Die Bezahlung für die Gefangenen war noch immer nicht angekommen woraufhin die Internierten Deutschen und Österreicher revoltierten. Der Soldat Ray Searles beschreibt den Vorgang in einem Brief an seine Mutter folgendermaßen:

„Sie setzten die Wachen fest und weigerten sich, ihre Arbeit aufzunehmen. Der Captain rief über das Telefon in seinem Haus in Cleremont an. Als wir uns Bruny näherten, erhielten wir den Befehl zu laden und die Bajonette aufzusetzen. Wir landeten und trieben die Deutschen hinunter zum Strand. Sie waren ziemlich aufsässig aber wir schafften es, sechs von ihnen gefangen zu nehmen und den Rest von ihnen ins Lager zu treiben. Dann wurde die Wache befreit und der Captain wagte sich hinaus. Es wurden nur zwei Schüsse abgefeuert. Einer als wir landeten und einer wurde auf einen großen Deutschen abgegeben, der versuchte zu fliehen. Die sechs, die wir gefangengenommen hatten, wurden ins Gefängnis nach Hobart geschafft.“

GeschiMag: In der Chronologie der Quarantänestation auf der FOBQS- Homepage ist auch von einem gewissen Hugo Fernolz die Rede, der dort „immer noch einen Laden betreibt“, während die Deutschen noch im „April 1916“, als die meisten anderen Lager bereits aufgelöst und in Holsworthy aufgegangen waren, die Deutschen immer noch auf Bruny Island interniert waren. Haben Sie dazu noch ein paar Hintergrundinformationen?

K. Duncombe: Am 13. März 1915 informierte das australische Militär den Diensthabenden Offizier der Wache, dass es nötig sei, eine „trockene“ Kantine zu eröffnen, gemanaged von einem Komitee, das aus Mitgliedern der Wache bestehen sollte. Hier sollte es den Gefangenen erlaubt sein, Waren zu festgelegten Preisen zu kaufen. Bier, Schnaps oder Likör durfte hier allerdings weder vorrätig sein noch verkauft werden.

Der oben bereits erwähnte Hugo Fernolz, der den Laden mit Erlaubnis der Militärverwaltung betrieb, wurde – warum auch immer – bei der Auflösung des Lagers und Überführung in eine Quarantänestation nicht mit den anderen Internierten nach Holsworthy geschickt. Stattdessen betrieb er, wie ein Einheimischer erinnert, der zur jener Zeit auf Bruny lebte, sein Geschäft erfolgreich weiter. Die eine Hälfte seines Ladens war vom Gelände der Quarantänestation aus zugänglich, die Andere bediente die allgemeine Öffentlichkeit. Am 14. Juni 1917 verstarb Fernolz im Alter von 56 Jahren.

GeschiMag: Sie suchen anlässlich des 100sten Jahrestages des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs in Deutschland nach Kontakten zu Hinterbliebenen der auf Bruny Island Internierten. Erzählen Sie unseren Lesern doch einmal, worum es Ihnen dabei geht.

K. Duncombe: Wir würden so gerne mehr über jene Seeleute erfahren, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Und wir können uns vorstellen, dass ihre Familien wissen möchten, dass trotz der zögerlichen Bezahlung für ihre Arbeit, sie offensichtlich mit Respekt behandelt wurden und einen gewissen Freiraum genossen haben. Ich denke, die bisherigen Antworten und die folgende Notiz zur Gefangennahme der Oberhausencrew belegen das:

Am Tage der Kriegserklärung am 5. August 1914 wurde Russel Young in seiner Funktion als Unterleutnant der Marinereserve mit einer Truppe von elf Mann abkommandiert, nach Port Huon zu fahren und die Oberhausen und ihre Mannschaft festzusetzen.

Es wurde berichtet, dass Young bei seiner Ankunft seinen Galadegen zog um mit ihm seine Vollmacht an den Mast des Schiffes zu heften. Er nahm den Kapitän und die Mannschaft fest und fuhr den Frachter über Nacht zurück nach Hobart. Auf dem Weg brach die deutsche Mannschaft in das Likörlager des Schiffes ein und bei der Ankunft in Hobart waren alle, einschließlich der Reservisten ziemlich betrunken.

Wir haben eine Namensliste der 32 Mannschaftsmitglieder und ihre Beschreibung und würden sehr gerne mehr über ihr Leben und ihre Familien nach dem Kriege erfahren. Wir würden uns über die Möglichkeit freuen, uns mit diesen Familien über die Geschichte ihrer Vorfahren auszutauschen. Vielleicht mögen sie uns Fotos ihrer Vorfahren schicken oder kennen Geschichten über ihren Aufenthalt auf Bruny während des Krieges, die sie uns gerne mitteilen möchten.

GeschiMag: Vielleicht können Sie zum Ende unseres Gesprächs noch erzählen, um was es – neben der Aufarbeitung der Geschichte der Quarantänestation – bei der Initiative Friends of Bruny Island Quarantine Station noch geht.

K. Duncombe: Seit sie 1986 geschlossen wurde, blieben die 128 Hektar der Quarantänestation sich selbst überlassen, der Zutritt war verboten. 2003 ging das Gelände zurück in den Besitz der Regierung und 2004 schrieb ich ein Buch über die faszinierende Geschichte des Ortes. 2011 wurde das Buch zu einer Art Katalysator für die Gründung der „Freunde der Bruny Island Quarantäne Station“, die eng mit dem tasmanischen Parks & Wildlife Service zusammenarbeitet. Unser Ziel war es, das Gelände mit seiner Geschichte und vielfältigen Flora und Fauna dem Publikum zugänglich zu machen.

Heute können sich die Besucher auf dem neuen Kulturerbe-Wanderweg von der Geschichte des Ortes packen lassen. Rund zwei Stunden dauert der Besuch einer Hütte der ersten europäischen Siedlern, der Quarantänegebäude in denen Passagiere der ersten und zweiten Klasse untergebracht wurden des Krankenhausbereiches oder der Zeltplätze auf denen die aus dem  Ersten Weltkrieg zurückkehrenden Soldaten unter Quarantäne gestellt wurden.

Inzwischen haben wir auch Freiwillige, die jeweils für vier Wochen auf dem Gelände leben und arbeiten und die Bruny Island Quarantine Station ist nun jedes Wochenende für das Publikum geöffnet. Seit der Öffnung im Jahre 2013 hatten wir auch schon deutsche Touristen hier zu Gast. Und der Kontakt und Austausch mit den Nachkommen der Crew der SS Oberhausen würde uns nun ermöglichen, ihren Beitrag zur Quarantäne Station angemessen zu würdigen.

GeschiMag: Frau Duncombe, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde von Wolfgang Schwerdt per E-Mail geführt und aus dem Englischen ins Deutsche übertragen.

Weiterführende Informationen zur Geschichte von Bruny Island finden Sie auf der FOBIQS-Homepage. Hier ist ebenfalls die E-Mail Adresse von Kathy Duncombe zu finden.

Lesen Sie auch den GeschiMag Artikel: Der Fall des Dampfschiffes Oberhausen

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