Die Kaiserliche Marine im Ersten Weltkrieg

Ein Buch von Jörg-Michael Hormann und Eberhard Klein

82031Bei Gedanken an den Ersten Weltkrieg, dessen Beginn sich 2014 zum 100sten Male jährt, fallen einem zu allererst die mörderischen Stellungs- und Materialschlachten um Verdun, an der Somme oder in Flandern und der Tod von rund 17 Millionen Menschen ein. Ereignisse, die mit der Marine in Zusammenhang stehen, beschränken sich vor allem auf den zum Scheitern verurteilten überseeischen Handelskrieg, den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, die Schlacht  am Skagerrak, die Selbstversenkung der kaiserlichen Flotte bei Scapa Flow oder die von den Kaiserlichen Matrosen ausgelöste Novemberrevolution. Die Autoren des Buches „Die Kaiserliche Marine im ersten Weltkrieg“ möchten – so ihre Aussage im Vorwort – „die hundertjährige Wiederkehr des Ausbruchs des ersten Weltkriegs“ dazu nutzen, „um auch in Deutschland zu einer ausgewogenen Betrachtung von Ereignissen und Personen der Kaiserlichen Marine zu gelangen und dabei vielleicht dem Leser auch neue Gesichtspunkte nahezubringen“.

Mit der „Geburt der Kaiserlichen Marine“ beginnen die Autoren ihren Exkurs in die deutsche Marinegeschichte, deren Anfänge  – festgelegt mit dem Flottengründungsplan von 1873 – von den Streitigkeiten zwischen dem Oberbefehlshaber von Stosch und dem Reichskanzler Otto von Bismarck geprägt war. Während die strategische Aufgabe der Marine letztendlich bis zum 1. Flottengesetz 1898 unklar geblieben war, machte die an der Royal Navy orientierte innere Struktur und das seemännische und artilleristische Können durchaus Fortschritte. Unter dem Einfluss des späteren Großadmirals Alfred von Tirpitz wurde schließlich spätestens mit dem 2. Flottengesetz von 1900 und dem damit verbundenen forcierten Ausbau der Hochseeflotte der Anspruch des Kaiserreiches verdeutlicht, im Konzert der globalen Mächte eine bedeutende Rolle einzunehmen.

Operationsplan Entscheidungsschlacht

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war die Deutsche Flotte kräftemäßig noch längst nicht bereit für die große Entscheidungsschlacht mit der Royal Navy in der Nordsee, der Grundlage des Deutschen Flottenbaukonzeptes. Dass die Rechnung nicht aufging, die Navy in der geplanten Schlacht dermaßen zu schädigen, dass eine neue Basis für die globale maritime Rangordnung mit dem Kaiserreich als Mitspieler geschaffen werden konnte, ist bekannt. Stattdessen führten sowohl die von Tirpitz bereits im Vorfeld festgelegte einseitige strategische Ausrichtung der Marine als auch die Unentschlossenheit und Widersprüchlichkeit, gravierende Fehleinschätzungen der Seekriegsführung und nicht zuletzt das unerwartete Verhalten der Royal Navy dazu, dass ein Seekrieg nach den traditionellen Vorstellungen kaum stattfand.

Schlachtkreuzer, U-Boot-Krieg, Torpedowaffe und Marinefliegerei

Die Autoren stellen diese Hintergründe entsprechend dem Stand der heutigen Erkenntnisse dar und bieten dem Leser dabei einen interessanten Abriss über die militärtechnischen und -geschichtlichen Entwicklungen sowie die wesentlichen Operationen der Kaiserlichen Marine im Ersten Weltkrieg. Interessant vor allem deshalb, weil hier auch die Entwicklung und der Einsatz der Marineluftschiffe und Seeflieger dargestellt wird. Und natürlich haben auch der U-Boot-Krieg, die Schlacht bei Jütland, der überseeische Handelskrieg oder der Untergang der Lusitania ihren Platz in der Geschichte der Kaiserlichen Marine im Ersten Weltkrieg. Mit der Novemberrevolution und der Selbstversenkung ist das Schicksal der Flotte schließlich besiegelt. Und der Leser darf nun gespannt sein, was die Autoren in ihrer Zusammenfassung und Schlussfolgerung unter der Überschrift „Ehrenvolle Niederlage“ hinsichtlich der anfangs versprochenen ausgewogeneren Betrachtung und neuen Gesichtspunkte zu bieten haben.

Ein ordentliches Stück Militärgeschichte

Das, was die Autoren nach Aussage in ihrem Vorwort geradezurücken versuchen, liest sich folgendermaßen: „ . . . das ging mit einer sehr kritischen, teilweise tendenziösen Darstellung der Kaiserlichen Marine, ihrer Admirale und Offiziere in der deutschen Geschichtswissenschaft und allgemeinen Publizistik  in den 1970er und 1980er Jahren einher.“ Zu Recht betonen die Autoren, dass eine Würdigung von Leistung und Moral der Führungspersönlichkeiten immer vor dem Hintergrund der Maßstäbe der jeweiligen Zeit gesehen werden muss. Und unter diesem Aspekt, so die Schlussforderung, die sich durch das Buch wie ein roter Faden zieht, haben die sich Mannschaften und Offiziere ihren Aufgaben gewachsen gezeigt, bewährt und nicht zuletzt ehrenvoll gehandelt und sich Respekt verdient. Und dann gab es noch Schwächen in der Menschenführung. Eine weitergehende Auseinandersetzung mit den nicht näher ausgeführten Aspekten, die einer ausgewogeneren Betrachtung zugeführt werden sollten, sucht der Leser vergeblich. Insofern bleibt das durchaus lesenswerte und informative Buch hinter den von den Autoren geweckten Erwartungen zurück, liefert aber durchaus den Inhalt, den sein Titel verspricht.

„Die Kaiserliche Marine im Ersten Weltkrieg „ ist also eine gute und verständliche Bestandsaufnahme für das an Marinegeschichte interessierte Publikum. Hinsichtlich der politischen Verwicklungen und Hintergründe, der Moralvorstellungen und Charaktere der Handelnden auf der Basis des damaligen Zeitgeistes sind andere Bücher sicherlich ergiebiger.

Jörg Michael Hormann, Eberhard Kliem: Die Kaiserliche Marine im Ersten Weltkrieg. Von Wilhelmshafen nach Scapa Flow. Bucher Verlag 2014. Gebunden mit Schutzumschlag, 161 Seiten.

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, Rezension, Schifffahrtsgeschichte

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