Peter III. von Russland – Infantiler Idiot oder weitsichtiger Reformer?

Der Zar ist und bleibt eine umstrittene Gestalt 

Peter III. gemalt von Lucas Conrad Pfandzelt

Peter III. gemalt von Lucas Conrad Pfandzelt

Die Geschichtsschreibung ging und geht bis heute nicht sonderlich zimperlich mit Zar Peter III. um, ein Säufer und Wirrkopf sei er gewesen, nicht fähig zu regieren. Dafür fällt das Urteil über Katharina II., seine Gemahlin und Nachfolgerin, umso positiver aus. Fraglich ist, ob Katharinas äußerst negative Darstellung des ihr verhassten Ehemannes nicht den Blick der Nachwelt auf Peter III. getrübt hat.

Peters Geburtsort ist Kiel, dort kam er 1728 als Carl Peter Ulrich zur Welt. Seine Eltern waren Herzog Carl Friedrich von Holstein-Gottorf (1700 – 1739) und Anna Petrowna (1708 – 1728), eine Tochter Peters des Großen. Und damit war er schon als Kind in die große Politik verwickelt. Das Herzogtum Schleswig-Holstein-Gottorf musste nach dem Großen Nordischen Krieg, wo es auf der Seite Schwedens stand, seine schleswigschen Anteile an Dänemark abtreten. Nicht nur finanziell, sondern auch kulturell ein immenser Verlust für das kleine Herzogtum. Der Herzog konnte und wollte sich mit der Situation nicht abfinden und suchte nach Wegen, die verlorenen Anteile zurück zu gewinnen. Schweden, als Verlierer des Krieges fiel als Hilfe aus. Aber da war noch Russland, wo Carl Friedrich 1725 Anna Petrowna heiratete – er hatte berechtigte Hoffnungen, dass sein Schwiegervater ihm helfen könnte. Bevor es dazu kam, starb Peter der Große und Carl Friedrich reiste schließlich unverrichteter Dinge 1728 mit seiner schwangeren Frau nach Kiel. Anna starb nur wenige Monate nach der Geburt ihres Sohnes an Schwindsucht. 

Ein Gottorfer mit Aussichten auf den Zarenthron

Peter III. als Kind, gemalt von Georg Christoph Grooth

Peter III. als Kind, gemalt von Georg Christoph Grooth

Carl Peter Ulrich hatte durch seine schwedische Großmutter Hedvig Sophie durchaus Aussichten, auf den schwedischen Thron zu gelangen. Der russische Zarentitel stand ebenfalls im Raum, da die Nachfolge nach dem Tod Peters I. umstritten war.
Herzog Carl Friedrich sorgte für eine gute Ausbildung seines Sohnes, zu den Lehrern gehörte der Professor Gustav Christoph Hosmann. Der Theologe besuchte während seines Studiums auch Mathematikvorlesungen und hegte eine Leidenschaft für Sprachen. Schwer vorstellbar, dass sein Zögling ein tumber Tor sein sollte. Carl Peter Ulrich ernannte seinen Lehrer, als er sein Herzogtum selbst verwalten konnte, zum Rektor der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Problematisch waren allerdings die Methoden des Obermarschalls Brümmer – er sollte das Kind nach dem Tod des Herzogs im Jahr 1739 zu einem fähigen Herrscher erziehen. Brümmer sei „hervorragend im Zureiten störrischer Pferde, aber überhaupt nicht geeignet für die Prinzenerziehung“ urteilte Carl Peters Französischlehrer. Es ist heute schwer zu beurteilen, inwiefern die brutale Behandlung den späteren Zaren geschadet hat, sicher wird sie ihre Spuren hinterlassen haben. 

Der „infantile Idiot“ und seine vielfältigen Interessen
1742 änderte sich Carl Peters Leben: Seine Tante Elisabeth gelangte im fernen Russland durch einen Aufstand auf den Zarenthron. Sie hatte selbst keine Nachkommen und ließ nun ihren Neffen aus Holstein zu sich bringen – er sollte ihr Erbe werden. Nach der beschwerlichen Reise begannen für Carl Peter Ulrich der Sprachunterricht und die Vorbereitung für den Übertritt zum russisch-orthodoxen Glauben. Mit der Taufe nahm er den Namen Pjotr Fjodorowitsch an und trug den Titel Großfürst. Es gibt den Vorwurf von Katharina II., alles Russische sei Peter verhasst gewesen, er habe die Sprache sehr schlecht gesprochen und sei auch sonst ein infantiler Narr gewesen. Allerdings besaß Peter eine umfangreiche Bibliothek, die nicht nur als Dekoration genutzt wurde. Überhaupt zeigte er sich kulturellen Dingen wie Architektur und Malerei sehr zugeneigt. Wie viele andere Adlige seiner Zeit richtete er sich eine Kunstkammer ein, wo er Kuriositäten und andere interessante Dinge sammelte. Zu seinen Leidenschaften gehörte die Musik, er spielte Geige und veranstalte auch Konzerte. Aber nicht nur das, 1755 gründete Peter eine Schule für Musik und Schauspiel und förderte damit besonders russische Künstler aus einfachen Verhältnissen.
Ein weiteres Interessensgebiet stellt das Militär dar. Für junge Prinzen war eine militärische Ausbildung normal, schließlich sollten sie später ihr Land verteidigen können. In Oranienbaum (in der Nähe von St. Petersburg, heute Lomonossow), wo Peter sich meistens aufhielt, ließ er die Festung Peterstadt bauen. Dort hielt der Großfürst Manöver mit seinen Soldaten ab. Inwiefern die Leidenschaft Peters für das Soldatische überzogen war, lässt sich heute schwer sagen. Spielte er wie ein Kind mit Zinnsoldaten oder sammelte er sie, und holte sie nur hervor, um Strategien zu entwickeln? Er verfügte über sein eigenes Regiment, das den Namen „Holstein-Gottorfsches-Regiment“ trug. Dafür engagierte er bevorzugt Soldaten aus Holstein, denen er eher über den Weg traute, als der russischen Garde. Jene half seiner Tante Elisabeth auf den Zarenthron, als es 1741 zu Aufständen um die Herrschaft kam. Es lag nicht in Peters Interesse, sich mit der Garde gut zu stellen, was ihm während seiner kurzen Herrschaft teuer zu stehen kommen sollte.
Er hatte seinen eigenen Kopf und bemühte sich nicht unbedingt darum, anderen damit zu gefallen. Seine Sympathien für den preußischen König Friedrich II. missfielen der Zarin außerordentlich. Schließlich befand sich Russland seit 1756 auf Seiten Österreichs und Frankreichs gegen Preußen und England im Krieg („Siebenjähriger Krieg“ 1756-1763). Peter machte dennoch keinen Hehl daraus, dass er gegen diesen Krieg war und korrespondierte weiter mit dem bewunderten Monarchen. Für Elisabeth ein Grund, dem Neffen Aufgaben zuzuweisen, die nichts mit Regierungsgeschäften zu tun hatten. 

Trügerisches Familienidyll: Peter III. mit Katharina und Sohn Paul

Trügerisches Familienidyll: Peter III. mit Katharina und Sohn Paul

Ehe mit Katharina: Probleme und Intrigen
In den Briefen zwischen Friedrich und Peter kamen auch die Eheprobleme des Großfürsten zur Sprache. Von Beginn an stand die im Jahr 1745 geschlossene Ehe zwischen Peter und Katharina (geborene Sophie Auguste von Anhalt-Zerbst) unter keinem guten Stern. Der von einer schweren Pockeninfektion gezeichnete Mann konnte die Zuneigung seiner Frau nicht gewinnen. Die Ehe blieb lange Zeit kinderlos, bis Zarin Elisabeth angeblich ein Machtwort sprach und die Eheleute unter Arrest stellte, damit sie ihren Pflichten nachkamen. 1754, nach neun Jahren Ehe, kam endlich Paul zur Welt. Bis heute steht das Gerücht im Raum, Peter sei nicht der richtige Vater. Er erkannte das Kind jedenfalls als das seine an – die Nachfolge war damit gesichert. Die Eheleute gingen sich nun nach Möglichkeit aus dem Weg. Katharina bekam noch weitere Kinder, allerdings von ihren Liebhabern.
Ihrem Ehemann war sie alles andere als wohlgesonnen und machte ihn schon zu Lebzeiten bei Hofe schlecht. In ihren Memoiren beschreibt sie ihn als infantilen Tölpel, der als Herrscher nicht zu gebrauchen gewesen wäre. Seine Theater- und Schauspielschule ließ sie nach seinem Tod schließen, die umfangreiche Bibliothek wurde aufgelöst und die Festung Peterstadt kam in die Hände eines Kadettenkorps. Das kulturelle Leben, das Peter an diesem Ort pflegte und förderte, erlosch. Der junge Großfürst hatte selbst eine Mätresse, Elisabeth Woronzowa. Die Liebschaften seiner Gemahlin scheint er toleriert zu haben – jedenfalls als er noch nicht selbst regierte. Möglicherweise gab es Pläne, die ehrgeizige Katharina zurück nach Deutschland abzuschieben oder gar eine Scheidung anzustrengen. Friedrich II. wird dem Großfürsten ein kluger Ratgeber gewesen sein, schließlich hielt er seine Ehefrau auch vom Hofe fern.  

Peter III. als Zar – zahlreiche Reformpläne
Am 25. Dezember 1761 (5. Januar 1762 greg. Kalender) verstarb Zarin Elisabeth und ihr Neffe folgte ihr auf den Zarenthron. Der Vorwurf, Peter III. habe sich nicht für Russland interessiert, kann nicht stimmen – seine Reformpläne sprechen für seine Kenntnisse um die Probleme des Landes und beweisen die Weitsicht eines aufgeklärten Herrschers. Eine seiner ersten Maßnahmen bestand darin, die Geheimkanzlei aufzulösen, die seit Peter dem Großen die Untertanen bespitzelte und für ein Klima der Unsicherheit im Land verantwortlich war. Des Weiteren sollten die Rechte der orthodoxen Kirche eingegrenzt sowie die Verfolgung Andersgläubiger abgeschafft werden. Zudem stellte der neue Zar die Weichen zur Beendigung der Leibeigenschaft, indem er die Bauern unter den Schutz des Staates stellte. Auch die Folter wurde unter Peter III. abgeschafft. Außerdem standen Förderung des Handels und Bekämpfung der Beamtenkorruption auf dem Plan des Zaren. Neben der Innenpolitik befasste sich der neue Zar auch mit außenpolitischen Belangen. Die Beteiligung am Krieg gegen Preußen hatte er nie unterstützt und nun konnte er mit Friedrich II.  Frieden schließen. Damit läutete er das Ende des Siebenjährigen Krieges ein (Friedensschluss 1763).
Für Peter III. begann die Herrschaft also mit vielen (also) Plänen, aber es war ihm nicht vergönnt, zu sehen, ob er damit Russland voranbringen konnte. Als Stolperstein sollten sich seine  Reformansätze für das Militär erweisen. Der Zar hatte sich der Garde nie sehr verbunden gefühlt, vielmehr plante er langfristig deren Auflösung. Die Soldaten sollten dann anderen Feldheeren unterstellt werden. Damit drohte diesen Regimentern der Verlust vieler Vergünstigungen, die sie unter Zarin Elisabeth genossen und das stiftete Unfrieden. Diesen Umstand nutzte Generalmajor Gregorij Orlow für seine Pläne. Er, der Geliebte Katharinas und Vater ihres jüngsten Kindes, zog zwei der Garderegimenter auf seine Seite. Es ist ein Mythos, dass sich der gesamte Adel und das Volk gegen den Zaren gestellt hatten – ein Großteil des Adels hielt zu ihm, bis zu seinem Tod.
Anlässlich des Peter und Paul Tages am 28 Juni (9. Juli) 1762 sollte für Peter und seinen Sohn Paul eine große Feier stattfinden. Doch als der Zar in Peterhof ankam, befand sich seine Frau Katharina schon in St. Petersburg, wo sie den Garderegimentern den Treueschwur abnahm. Der Zar versuchte mit seinen Anhängern zu flüchten, aber es war zu spät – die Gardisten hatten ihm den Weg Richtung Deutschland abgeschnitten. Schließlich ergab sich der Zar am 29. Juni (10. Juli) ohne Widerstand, wohl in der Hoffnung, dass sein Sohn ihm nachfolgen werde und Katharina nur als Regentin wirken wolle. Danach brachten ihn Brüder Orlows nach Ropscha (in der Nähe von St. Petersburg), wo Peter III. unter ungeklärten Umständen am 6. Juli (17. Juli) 1762 den Tod fand. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er ermordet wurde. Auch wenn Katharina II. nicht aktiv den Sturz und den Tod ihres Ehemannes geplant hatte, so nahm sie es doch hin, dass ihr Geliebter Orlow den Thron für sie eroberte.
Da die Krönung Peters III. noch nicht stattgefunden hatte, wurde er als einfacher Offizier beigesetzt. Als 1796 schließlich Paul die Herrschaft antrat, ließ dieser seinen Vater mit allen ihm zustehenden Ehren in der Kathedrale der Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg beisetzen – die Grablege der Romanows seit Peter dem Großen. 

Am 13. Juni 2014 soll in Kiel ein Denkmal Peters III. eingeweiht werden, damit ehrt der Kieler Zarenverein den lange verkannten Zaren. 

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