Der unzeitgemäße König Ludwig II.

Ludwig IIDie Bewunderer, wie die, die den bayerischen „Märchenkönig“  gerne verklären, werden keine ungeteilte Freude an dieser Biografie über den Wittelsbacher haben. Wer war dieser Ludwig II., dessen Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee jährlich ein Millionenpublikum anziehen, über dessen Tod im Jahr 1886 noch immer die wildesten Spekulationen verbreitet werden? War er ein Genie oder ein Verschwender; welche Rolle spielte er bei der deutschen Einigung?  Oliver Hilmes versucht in seinem Buch ein gerechtes Bild dieses Königs zu entwerfen, fernab der üblichen Kunst- und Kultfigur.

Das Ende des erst vierzigjährigen Wittelsbachers war der Anfang der großen Geschichten um den sogenannten Märchenkönig. Wäre der „Kini“- wie er im Bayerischen genannt wird – eines natürlichen Todes gestorben, hätten wesentliche Zutaten zu dem Drama seines Lebens gefehlt. So beschäftigt der 13. August 1886, als Ludwig II. zusammen mit seinem Arzt Bernhard von Gudden, tot im Starnbergersee gefunden wurde, die Phantasie der Öffentlichkeit. War es Mord oder Selbstmord, vielleicht nur ein Unfall? Alle Annahmen wurden und werden vehement vertreten. Nach Hilmes spricht jedoch alles gegen die Mordthese. Ob Unfall oder Selbstmord muss dagegen offen bleiben.

Ludwig wurde bereits mit 20 Jahren bayerischer König

Zum König wurde Ludwig am Nachmittag des 10. März 1864 ausgerufen, nachdem am Vormittag dieses Tages sein Vater, Max II. gestorben war. Mit noch nicht einmal 20 Jahren, „intellektuell dürftig erzogen“, kam er als konstitutioneller Monarch – eine Rolle die ihm nie behagte – an die Regierung. Er erledigte in den ersten Jahren täglich ein strammes Programm, redete mit seinen Ministern und zeigte sich seinen Untertanen. Doch ging es Ludwig mehr um die Inszenierung als um den Inhalt – seine Auftritte waren pompös und von seiner extrem ausgeprägten Eitelkeit bestimmt.

Seine Beziehung zum weiblichen Geschlecht war eine rein verklärende – keine sexuelle. So scheiterte sein einziger ernsthafter Versuch, die Ehe einzugehen, in der Verlobungsphase  – ein Skandal!  Zurück blieb eine gekränkte Sophie Charlotte, Herzogin in Bayern.  Sein „gesamtes sinnliches und romantisches Begehren“, wie Hilmes schreibt, fokussierte sich stattdessen auf Männer. Männer, wie den Reitknecht Völk, dessen Eskapaden sogar dem Oberst-Stallmeister Lerchenfeld den Job kosteten oder einem Prinz von Thurn und Taxis. Affären dieser Art gab es zahlreiche in Ludwigs Leben.

Zu Richard Wagner hatte der König eine besondere Beziehung

Eine besondere Art von Verehrung, ja Liebe band den Wittelsbacher an Richard Wagner, der bereits im April 1864 im Umfeld des Königs auftaucht. Der Komponist verstand es, diese Zuneigung weidlich zu seinem Vorteil auszunutzen. Zahlreichende tiefgreifende Krisen prägten das Verhältnis dieser ungleichen Männer bis zu Wagners Tod im Jahr 1883. Da hatte sich der bayerische König schon völlig aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen und frönte der Einsamkeit in nur für ihn errichteten Schlössern. Der Bau der gigantischen Anlagen, vor allen Herrenchiemsee und Neuschwanstein verschlang Unsummen – Geld, das in dieser Zeit nicht mehr da war.

Zwar war es Ludwig gelungen, sich im Vorfeld der deutschen Einigung – der er sehr skeptisch, ja ablehnend gegenüberstand – seine Zustimmung mit fast sechs Millionen Mark teuer bezahlen zu lassen. Er war es dann,  der den preußischen König Wilhelm bat, sich zum Kaiser ausrufen zu lassen. Allerdings nur schriftlich. Zu einer persönlichen Anwesenheit konnte er sich nicht durchringen – sondern die Prinzen Otto und Luitpold mussten dies an seiner Stelle am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles erledigen.

Ludwig hasste die Hohenzollern, vertraute Bismarck

War Ludwig damit korrupt? Hilmer meint nein, dennoch der Hass des Wittelsbachers auf alles Preußische und die Hohenzollern (Bismarck, dem eigentlichen Reichsgründer, vertraute der Bayer hingegen) war sicher schwer mit den pekuniären Zuwendungen zu vereinbaren. Wie auch sein Verhältnis zum neugeschaffenen deutschen Kaiserreich dann von starker Abneigung geprägt war. Und das Geld verführte ihn zu seinen extravaganten Schlossbauten, die in Summe 31 Millionen Mark verschlangen und letztlich in den Bankrott führten. Seine Entmachtung  erfolgte dann 1886 mittels eines zweifelhaften, auf „Ferndiagnose“ beruhenden Gutachtens, das seine Zurechnungsfähigkeit und damit die Regierungsunfähigkeit nachweisen sollte.

Was bleibt von diesem bayerischen Monarchen? Auf der Habenseite des Wittelsbachers steht nach Oliver Hilmes, in seiner immer frisch und anregend geschriebenen Biografie, die Förderung der Kunst und Kultur, vor allem eben Wagners. Zudem gesellschaftliche und wirtschaftliche Modernisierungen, die er zu Beginn seiner Herrschaft einleitete, wie auch die Förderung von Technik und Wissenschaft. Auf der Sollseite ist sein Anspruch absolutistischer Herrscher zu sein, seine Verachtung für Menschen und sein unmäßiges Ausgabeverhalten zu nennen. Letzteres beschert jedoch dem bayerischen Staat heute seine Touristenattraktionen.  Ludwig II., ein König mit vielen dunklen Seiten, der sich selbst inszenierte, ein Herrscher zur falschen Zeit, eben unzeitgemäß.

Hilmes, Oliver: Ludwig II. Der unzeitgemäße König. Siedler Verlag. 2013. 448 Seiten.

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