Die Unterdrückung Osteuropas durch die UDSSR

Vertreibungen, Polizeistaat und wirtschaftliches Versagen – Leben hinter dem Eisernen Vorhang

eisernerEs waren schwere Jahre für die Länder im Osten Europas. Gerade von den Deutschen befreit, rückte die sowjetische Arme ein und errichtete mit Hilfe der jeweiligen kommunistischen Partei erneut einen brutalen Unterdrückungsstaat. Als erstes wurde eine Geheimpolizei etabliert, die alle verfolgte, die die neuen Herren als politische Feinde bezeichneten. Die Aufbauphase der Länder östlichen des Eisernen Vorhangs hatte dabei streng nach sowjetischem Muster zu erfolgen. In der Zeit des Hochstalinismus wurden die Kontrollen und Schikanen weiter verstärkt, Propaganda überflutete die Menschen. Wie es sich in einem solchen System leben ließ (oder auch nicht) und wie es schließlich kollabierte, schildert Anne Applebaum in ihrem ausgezeichneten Buch.

Drei Länder des sogenannten Ostblocks – Ungarn, Polen und die SBZ (die spätere DDR) – unterzieht die amerikanische Publitzerpreisträgerin einer genaueren Analyse: umfangreicheres Quellenmaterial, zum Teil erst vor kurzem freigegeben, und zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen bilden die Basis. Was entsteht ist, ein plastisches Bild des Lebens und Leidens in den Jahren 1945 bis 1989 in den unter sowjetischer Hegemonie etablierten kommunistischen Diktaturen.

Ukrainer wurden aus ihrer Heimat vertrieben

Zum Beispiel die ethnischen Säuberungen, die nach sowjetischer Ideologie gar nicht vorkommen durften, wurden mit aller Brutalität durchgeführt. So die Vertreibung der Deutschen aus Polen, bei gleichzeitiger Zwangsumsiedlung der polnischen Bevölkerung von Ost nach West. Oder der sogenannte „freiwillige Bevölkerungsaustausch“, der die ungarische Minderheit der Tschechoslowakei hart traf. Opfer waren auch Ukrainer, die von den Russen wie den Polen aus ihrer ursprünglichen Heimat vertrieben wurden.

Dann der Polizeistaat. Sofort nach dem jeweiligen Einmarsch der Roten Armee rückten die sowjetische Geheimpolizei – der NKWD – mit moskautreuen einheimischen Kommunisten nach und etablierten ihr Terrorregime. Systematisch wurden alle Menschen eingeschüchtert, eingesperrt oder ermordet, die nicht der nun herrschenden Linie folgen wollten oder von denen man dies auch nur vermutete. In der Phase des sogenannten Hochstalinismus, etwa ab 1948, wurden diese Verfolgungen jetzt auch gegen Kommunisten, nochmals deutlich verschärft. Die Zeit der Schauprozesse mit ihren Exzessen begann.

Die „Idealstädte“ scheiterten kläglich

Auf ökonomischen Gebiet wurde die von der Partei aufgestellte Norm zum alles entscheidenden Maß der Arbeitsleistung. Die Übererfüller der festgesetzten Leistung  (leuchtendes Beispiel war hier das sowjetische Vorbild, Alexi Stachanow) wurden als Helden der Arbeit gefeiert. Anne Applebaum zeigt am Deutschen Adolf Hennecke und dem Ungarn Ignác Piokér die Hintergründe auf. Auch der Irrsinn, der von den Kommunisten erdachten und umgesetzten „Idealstädte“ wird einer genaueren Analyse unterzogen. So das klägliche Scheitern dieses Ansatzes sowohl in Polen, Ungarn und der DDR. Symptomatisch für so viele krasse Fehlleistungen der Regime auf wirtschaftlichem Gebiet – die doch den Menschen Wohlstand und Glück bescheren sollten.

Eines der stärksten Kapitel des Buches beschäftigt sich mit der Frage, wie Menschen, die keine gläubigen Kommunisten waren, mit dem Zwangssystem zurande kamen. Anne Applebaum schildert hier zahlreiche Einzelschicksale, zum Beispiel das des Ungarn Iván Vitányi, der die Spaltung seines Lebens zwischen privat und öffentlich und die dort jeweils geäußerten Ansichten, eine „selbst angewandte Gehirnwäsche“ nannte. Nachdem er wegen abweichender politischer Ansichten den Druck des Regimes zu spüren bekommen hatte, verschloss er sich völlig und war später stolz darauf, einfach überlebt zu haben. Die ostdeutsche Journalistin Elfriede Brüning wählte eine andere Strategie: Sie arbeitete eifrig mit und verdrängte später, wie viele andere, ganze, ihr unangenehme Teile ihrer Biografie.

Der Schrecken der Zeit wird erlebbar

Insgesamt ein sehr verständlich geschriebenes Buch, das seine Stärke durch die zahlreichen Statements von Zeitzeugen gewinnt. Ein Buch, das die Schrecken dieser Zeit, das den Mehltau, der sich über die Gesellschaften gelegt hatte, erlebbar macht. Es zeigt ebenso die Grenzen eines Systems, das alles unter Kontrolle haben wollte – etwa bei der Jugendrevolte oder den Aufständen – wie die in der Ideologie liegenden Keime der Selbstzerstörung. Und es grenzt, auch nach der Lektüre dieses Buchs, an ein Wunder, dass ein solcher Machtblock, der von außen betrachtet recht stabil und vor allem seine Bevölkerung im Würgegriff zu haben schien, so sang und klanglos in sich zusammenbrach.

Applebaum, Anne: Der Eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteuropas 1944 – 1956. Siedler Verlag. 2013. 638 Seiten.

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Allgemein, Rezension

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