Die Geschichte der Schiffsmedizin

Relieff eines römischen Kriegsschiffes

Relieff eines römischen Kriegsschiffes

In der modernen Schifffahrt ist eine qualifizierte medizinische Versorgung der Besatzungen und Passagiere weitestgehend gesichert. Das bedeutet nicht, dass heutzutage auf jedem Schiff ein Schiffsarzt zur Besatzung gehört. In der Handelsschiffahrt übernimmt in der Regel der Kapitän oder ein entsprechend qualifizierter Offizier die medizinische Versorgung, im Bedarfsfall unterstützt durch die Kommunikation mit speziellen Ärzten an Land.

Selbstverständlich besteht im Ernstfall meist auch die Möglichkeit, Erkrankte per Hubschrauber von Bord zu bergen und in ein leistungsfähiges Krankenhaus zu bringen. Während die medizinische Versorgung an Bord eines modernen Schiffes also in eine globale organisatorische und technische Struktur eingebunden ist, waren die Menschen auf Schiffen des vorindustriellen Zeitalters im Krankheitsfall auf sich allein gestellt.

Schifffahrtsmedizin in Antike und Mittelalter

Daher sind schon aus der Antike Schiffsärzte bekannt. So war es in der römischen Marine Vorschrift, pro 200 Mann Besatzung einen Duplicarii, einen Schiffsarzt mit doppeltem Sold, an Bord zu führen. Dessen Aufgabe lag vor allem darin, die Ruderer auf ihre körperliche Eignung zu untersuchen und in der Seeschlacht Pfeile aus den verwundeten Soldaten zu ziehen.

An Bord von Handelsschiffen waren Schiffsärzte bis in das Mittelalter hinein nicht sonderlich gern gesehen. Ein kräftiger Matrose zahlte sich eher aus, als ein recht überflüssiger  Quacksalber. Denn die bei Arbeitsunfällen auftretenden Brüche, Pressungen und Verrenkungen behandelte der Kapitän selbst. Und da sich die Schifffahrt noch bis in das 16. Jahrhundert überwiegend an der Küste abspielte, konnten schwierige Fälle relativ schnell an Land versorgt werden.

Die Zeiten der Entdeckungsreisen

Mit den grossen Entdeckungsreisen änderte sich vieles. Grosse Mengen an Seeleuten, Seesoldaten oder Auswanderer waren nun oft wochenlang an Bord zusammengepfercht. Infektionskrankheiten, Skorbut und ungeniessbares Trinkwasser waren an der Tagesordnung. Damit bekam die Schifffahrtsmedizin einen neuen Aufschwung.

Allerdings waren die Mediziner inzwischen in die akademischen Ärzte und die Chirurgen aufgeteilt. Während sich die Akademiker, die für die inneren Krankheiten zuständig waren, vor allem um die Klientel bei Hofe kümmerten, und damit bestenfalls als Leibarzt eines Adligen die Schiffsplanken betraten, waren die Barbiere und Chirurgen Handwerker. Und nur diese sind letztendlich auch zur See gefahren.

Skorbut – der Schrecken der Seefahrt

Noch bis ins 18. Jahrhundert war neben den Infektionskrankheiten vor allem Skorbut der Schrecken der Seefahrt. Die Mannschaften ganzer Flotten fielen dieser Vitaminmangelkrankheit zum Opfer. Von den 2300 Matrosen auf den Schiffen des Admiras Sir Francis Drake starben 1585 allein 600 an Vitaminmangel. Zwei Drittel der Mannschaft des britischen Linienschiffes Gloucester gingen 1617 elend zugrunde und eine Expedition des Admiral Hosier im Jahre 1726 scheiterte, weil 90 Prozent der gesamten Flottenmannschaft starben.

Zwar war die antiskorbutische Wirkung frischen Obstes oder Zitronensaftes im nördlichen Europa schon seit 1290 bekannt, aber erst ab 1795 wurden diese Heil- und Vorbeugemittel in der britischen Marine obligatorisch.

Quacksalberei an Bord

Bis dahin dürften die medizinischen Maßnahmen die Not der Skorbutgeplagten Seeleute eher vergrößert haben. So gab es Vorschläge, Skorbutkranke nach der Landung einen Tag lang bis zum Hals in die Erde einzugraben. Geheimrezepte wie die Einnahme von Eisenfeilspänen, Rhabarberpulver, Chicoree-Extrakt, geriebene rote Koralle oder Einläufe mit Seewasser, gehörten zum Repertoire der unterbezahlten Schiffsdoktoren.

Knochensäge, Schlagholz und Rum

Trotz der zweifelhaften Fähigkeiten und Kenntnisse vieler Barbier- Chirurgen, die unterstützt vom Schiffskoch und angelernten Gehilfen die medizinische Betreuung an Bord übernahmen, vollbrachten einzelne von ihnen hervorragende Leistungen. Vor allem bei Amputationen, Öffnen von Körperteilen, um beispielsweise Geschwulste zu entfernen, oder sogar bei der Öffnung der Schädeldecke vollbrachten manche Quacksalber wahre Wunder. Denn die Umstände, unter denen an Bord noch bis in das 19 Jahrhundert operiert wurde, waren denkbar primitiv.

Als Operationssaal diente ein Verhau weit unten im Schiffsrumpf, die Beleuchtung war meist Kerzenlicht und das Operationsbesteck bestand vor allem aus Knochensäge, Schlagholz, Messern und Instrumenten zum Ausbrennen von Wunden.

Bis auf Rum gab es lange Zeit keine Betäubungsmittel. Der Trafalgerheld Admiral Lord Nelson konnte sich glücklich schätzen, dass ihm als Schmerzmittel bereits Opium zur Verfügung stand.

Trinkwasser und Trunksucht

Ein weiteres Gesundheitsrisiko auf langen Seereisen war das Wasser. Bereits im Laufe der ersten Woche entwickelte sich das in Butter- oder Sauerkrautfässern aufbewahrte Naturwasser zu einer stinkenden, fast ungenießbaren Brühe. Schon relativ früh wurde dem Trinkwasser daher konservierender Alkohol wie Rum oder Arrak beigesetzt oder zu bestimmten Gelegenheiten die sprichwörtlichen Alkoholrationen als Wasserersatz ausgeteilt. Meist überstieg schließlich der Alkoholvorrat in Form von Rum oder dem speziell für die Schifffahrt gebrauten Dünnbier die Wasservorräte.

Der daraus entstehenden sprichwörtlichen Trunksucht der Seeleute versuchte Admiral Vernon mit der Anordnung, den Rum mit Wasser zu verschneiden und mit Zucker zu versüssen, beizukommen. Aber er konnte mit dem heute so beliebten Grog das Problem nicht lösen. Erst die Einführung von Destillationsanlagen und Blechkanistern machte auch auf längeren Reisen relativ frische Wasservorräte verfügbar.

Tropenkrankheiten

Aus Tradition und als vermeintliches Stärkungsmittel hielt sich der Alkohol in der Seefahrt noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Als Problem wurde die Trunksucht aber bereits mit der Entstehung der überseeischen Handelsverbindungen und Kolonialreiche durch die in Europa damals unbekannten tropischen Krankheiten in den Hintergrund gedrängt. Mit der Entstehung der akademischen und institutionellen Tropenmedizin im 19. Jahrhundert, begann auch die Entwicklung der modernen medizinischen Diagnose- und Therapieverfahren bei den Infektionskrankheiten.

 

Dieser zusammenfassende Beitrag basiert auf einer Artikelserie, die ich 1987 für „Die Neue Ärztliche“, eine Tageszeitung für Ärzte verfasst habe und einem umfassenden Hörfunkbbeitrag für das RIAS-Bildungsprogramm aus dem gleichen Jahr. Neben intensiven Recherchen liegen den Arbeiten umfassende Interviews mit dem damaligen Direktor der Abteilung Schifffahrtsmedizin am Hamburger Bernhard- Nocht- Institut, Prof. Dr. Hartmut Goethe und dem ehemaligen Schiffsarzt und Medizingeschichtler, Prof. Dr. Hans Schadewaldt zugrunde.


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