Propaganda im Ersten Weltkrieg

Die Lügen waren geliebte Lügen – Die Medien und ihr Einfluss

PropaNie zuvor wurde von kriegsführenden Ländern so viel in Propananda investiert wie im Ersten Weltkrieg. Galt es doch die eigenen Soldaten, die Bevölkerung, neutrale Staaten, aber auch den Gegner von der Richtigkeit der eigenen Sache zu überzeugen. Aber war die Propaganda, wie oft behauptet, kriegsverlängernd? Klaus-Jürgen Bremm meint Nein. Denn die Medienflut griff mit ihren Halbwahrheiten und Lügen die überbordenden patriotischen Gefühle auf – diente im Wesentlichen einer gerne geglaubten Selbstinszenierung.

Eine erstaunliche Tatsache in der Zeit des Ersten Weltkriegs ist – zumindest im Rückblick – das Maß der Selbstzensur, das sich die Medien in ihrer Berichterstattung auferlegten. Schilderten sie doch – bis auf wenige Ausnahmen – in keinem der beteiligten Länder die Kriegswirklichkeit. „In allen Lagern sahen es die Journalisten sogar als Teil ihrer patriotischen Pflicht, die maschinelle Massentötung als ein abenteuerliches Indianerspiel zu schildern“, schreibt Bremm. Der Zensur, die gerade in den demokratisch regierten Staaten mit aller Härte praktiziert wurde, blieb da nur der Kampf gegen die „Abweichler“.

Von der „Kulturmission“ gegen den „Krämergeist“

Der patriotische Taumel, der die Deutschen, Franzosen und auch die Engländer bei Kriegsbeginn erfasste, öffnete Tür und Tor für die moralische Rechtfertigung des eigenen Tuns, wie der Verteufelung der Absichten und Taten des Gegners. Die deutsche „Kulturmission“ gegen den britischen „Händlergeist“ wurde da von der Propaganda des Reiches vehement ins Feld geführt. Und kaum eine Geistesgröße war sich zu schade, in dieses Klischee einzustimmen. Der alte „Erzfeind“ Frankreich wurde darüber fast vergessen.

Die tatsächlichen Grausamkeiten reichten nicht

Die Mächte der Gegenseite hatten natürlich auch schnell eine kommunikative Mission gefunden – zumal sie von deutscher Seite durch die Okkupation Belgiens und die dort begangenen Gräuel eine Steilvorlage erhielten. Dies aber genügte den Verteidigern der Zivilisation gegen die Barbaren nicht. Erfundene Geschichten, wie die einer deutschen „Leichenverwertungsfabrik“ mussten her, um die Abscheu zu steigern. Die Gegenpropanda der Deutschen blieb, so der Autor, wirkungslos, weil sie stellenweise schlicht geklittert und damit widerlegbar war. Zudem fehlte ihr das Einfühlungsvermögen in die Meinungsbildung moderner Massengesellschaften.

So tat sich die das Reich schwer in den neutralen Staaten, insbesondere den USA, seinen Standpunkt zu vertreten. Gerade das Bombardement aus „Meinungen und abstrus klingenden Rechtfertigungen“ führte in der amerikanischen Öffentlichkeit zu Kopfschütteln. Die Konzentration der Propaganda auf ethnische Minderheiten, zum Beispiel auf die teils englandfeindlichen Iren, wie bekanntgewordene Verwicklungen in Anschläge, wirkten sich katastrophal aus. Die britische Öffentlichkeitsarbeit konnte dagegen, nach einer Phase vornehmer Zurückhaltung, durchaus Erfolge erzielen. Die Versenkung der „Lusitania“ durch ein deutsches U-Boot, vor allem die Erklärung des unbeschränkten U-Booteinsatzes, führte dann zum Kriegseintritt der USA – und damit zum endgültigen Scheitern der deutschen Propaganda.

Die Briten schämten sich für ihre Propaganda

Nach dem überraschend schnellen Zusammenbruch des Heeres im November 1918 setzte von deutscher Seite schnell eine Propagandawelle ein, die unter dem Stichwort „Dolchstoßlegende“ scheinbar Erklärungen für die Niederlage bereithielt. Auch dann noch wurde der Krieg der Wörter fortgesetzt. Bei den Alliierten hingegen breitete sich Scham über die zwischen 1914 und 1918 fabrizierten Machwerke aus. Bereits 1919 lösten die Briten ihr Informationsministerium auf und vernichteten viele Akten. Propaganda hatte von da an einen äußerst negativen Beigeschmack.

Die Lügen waren geliebte Lügen

Was also haben diese publizistischen Anstrengungen im ersten Weltkrieg bewirkt? Klaus-Jürgen Bremm zieht in seinem immer interessanten, flüssig geschriebenen Buch den Schluss, wenig mehr als die Bestätigung des jeweils eigenen Weltbilds. Franzosen, Deutsche, Briten, sie alle wollten ihre Mission bestätigt sehen, wollten an ein heldenhaftes Ringen um diese Werte glauben. Für Wirklichkeit und Wahrheit war kein Platz. Bremm: „Die Propaganda im Krieg war somit ein klassischer Selbstläufer und ihre Lügen waren tatsächlich geliebte Lügen.“

 Bremm, Klaus-Jürgen: Propaganda im ersten Weltkrieg. Theiss-Verlag. 2013. 188 Seiten.

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, Rezension

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