Der Erste Weltkrieg

Ein Buch über die europäische Katastrophe und ihre Folgen

9783806227642-bNach dem Ersten Weltkrieg war nichts mehr so wie vorher. Vor allem für die Menschen, die in ihm kämpfen mussten. Aber auch der Zivilbevölkerung wurden in diesem ersten industrialisierten Krieg – vor allem in Frankreich, Belgien, Russland und Deutschland – hohe Opfer abverlangt. Das Werk von  Cabanes/ Duménil betont die „zivilistische“ Seite der mörderischen Auseinandersetzung zwischen 1914 und 1918, wie deren Folgen. Es rollt chronologisch, von Einzelereignissen ausgehend, die Zusammenhänge zwischen den Kriegsschauplätzen, der „Heimatfront“ und der stetigen Ausweitung des Konflikts auf.

Von den Balkankriegen im Jahre 1912 bis zu dem Versuch, den großen Krieg 1927/1928 hinter sich zu lassen, spannt das Buch „Der Erste Weltkrieg“ in 64 einzelnen Artikeln den Bogen über diese für Europa so einschneidende Periode. Dabei bemühen sich die Autoren – sie sind fast alle der französischen Historikerschule zuzuordnen, die sich um die Ausstellung „Historial de la Grande Guerre“ gebildet hat – den Konflikt nicht durch die auch heute noch zu findende nationale Brille, zu sehen, wenn auch der Blickwinkel ein französischer ist.

Die menschlichen Aspekte kommen immer zum Tragen

Die Autoren schildern  natürlich, als elementaren Bestandteil des Ersten Weltkriegs,  die fürchterlichen Schlachten dieses Krieges. So den deutschen  Sieg gegen die Russen bei Tannenberg im August 1914 oder das sogenannte Wunder an der Marne, als im September des gleichen Jahres der deutsche Vormarsch in Frankreich gestoppt wurde. Auch die Hölle von Verdun im Februar 1916 findet ihren Platz wie die italienische Niederlage bei Caporetto im Oktober 1917. Das gilt gleichfalls für die „Michaeloffensive“ im März 1918, die von den Franzosen durchaus als letzte Chance der Deutschen gesehen wird, den Krieg siegreich zu beenden. Bei all dem werden neben den militärischen Aspekten immer die Schicksale der Menschen beschrieben.

Seine Stärke gewinnt das Werk immer, wenn es auf die Schicksale und Leiden von Individuen eingeht. Das Leben der in Belgien als Krankenschwester arbeitenden Britin Edith Cavell und deren Exekution durch die deutsche Besatzung ist ein solches Beispiel. Wie  auch die Geschichte des Leutnants Siegfried Sassoon, der sich nach einem Lazarettaufenthalt in London weigerte an die Front zurück zukehren. Sein Fall steht für Tausende von der sogenannten Kriegsneurose Betroffener und den mehr oder weniger hilflosen Versuchen der Mediziner, diese psychischen Störungen zu therapieren.

Canard Enchainé: Mit „Falschmeldungen“ die Zensur umgangen

Auch die eher „bunten“ Aspekte des Krieges sind durchaus lesenswert. Der Jargon der Schützengräben, wo sich schnell eine eigene, raue Begrifflichkeit herausbildete, hat durchaus eine humoristische Seite. Wie gleichfalls die bewusst als „Falschmeldungen“ bezeichneten Berichte der Zeitschrift Canard Enchainé (die angekettete Ente), die so die strenge Zensur im republikanischen Frankreich umging. Oder die Entwicklung der modernen Kunst und ihr Versuch, sich mit dem Krieg und seinen Folgen auseinander zu setzen.

Die Autoren beschreiben auch den internationalen Aspekt dieses Ringens, der ihn zum ersten „Welt“-Krieg machte. Beispiele hierzu: Der kläglich gescheiterte Versuch der Alliierten unter britischer Führung, die  Halbinsel Gallipoli an den Dardanellen von den Türken zu erobern. Dann der Völkermord an den Armeniern, der noch heute von der türkischen Regierung geleugnet wird. Der Krieg in Afrika, wie auch der problematische Einsatz von  Kolonialtruppen auf den europäischen Schlachtfeldern. Und nicht zuletzt der Eintritt der USA in diesen Krieg.

Das gute Bildmateriel gibt einen Einblick in das Grauen

In Summe ein Buch, das einen guten, facettenreichen Überblick zum Ersten Weltkrieg bietet – eben mit einer starken Betonung auf dem zivilen Bereich. Für einen Einstieg in das Thema sehr gut geeignet. Das reichhaltige, exzellent ausgewählte Bildmaterial gibt einen zusätzlichen Einblick in das Grauen dieses Krieges. Die Schlusskapitel über die Verwundungen und Verstümmelungen wie über den Versuch der Integration der Veteranen, tun ein Übriges. Dort wird beispielsweise der aus dem Krieg zurückgekehrte Jules Isaak zitiert: „Ihr glaubt, uns zu kennen, liebe Leute? Ihr irrt euch: Ihr kennt uns nicht mehr und ihr werdet uns niemals mehr kennen. So tief wie der Abgrund zwischen den Toten und den Lebenden, so tief ist der Abgrund zwischen uns und euch.“

Cabanes, Bruno und Duménil, Anne (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Katastrophe. Theiss-Verlag. 2013. 500 Abbildungen. 480 Seiten.

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Wie es zum Ersten Weltkrieg kam

1913: Ein Jahr vor dem großen Krieg

1914: Welt in Farbe

 

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension

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