Christianisierung und Reichsbildungen

Ein Buch über Europa von 700 bis 1200

028500 Jahre der Entwicklung und Etablierung adeliger und kirchlicher Macht- und Organisationsstrukturen in Europa beschreibt Rudolf Schieffer in seinem Buch über Christianisierung und Reichsbildungen. Es ist die Zeit, in der Europa langsam begann, sich zu einem von der übrigen Welt unterscheidbaren politisch-kulturellen Gebilde zu entwickeln.

Fünf Kulturzonen macht der Autor um 700 auf dem europäischen Kontinent aus. Da sind zum einen die lateinischen Barbarenreiche, Überbleibsel aus der Völkerwanderungszeit, die auf dem Boden des Imperium Romanum ein Nebeneinander von Hoheitsgebieten verschiedener Könige und Völker etabliert hatten. Die Westgoten in Spanien, das Merowingerreich in Gallien und seinem fränkisch dominierten Norden, der romanisch gebliebene Süden. Die Langobarden in Italien hatten das lateinische Christentum von der Vorbevölkerung übernommen und die neu aufgebauten Institutionen der römischen Kirche als Verwaltungsstrukturen genutzt. Demgegenüber bestand der römische Kaiserstaat mit dem Zentrum Byzanz im Osten weiter. Hier war der Kaiser weiterhin die oberste Instanz, die über eine Vielzahl von Völkern und die christliche (orthodoxe) Kirche herrschte.

Fünf Kulturkreise mit unterschiedlichen religiösen und sprachlichen Merkmalen

Mit der arabischen Expansion, die 711 Spanien erreichte und damit die geographische Grenze zu Europa überschritt, trat ein weiterer Kulturkreis in das europäische Machtgefüge ein. Auf dem Balkan hatte sich in Folge des Vordringens der Awaren aus Innerasien die slawische Kultur entwickelt. Die wies in jener Zeit ebenso wenigwie die von den zeitgenössischen Quellen kaum beachteten Ethnien der Länder rund um die Ostsee – die sprachlich als baltisch, finno-ugrisch oder nordgermanisch gefasst werden können –  „höher entwickelte Formen politischer Organisation“ auf. Mit dem Aufstieg der Karolinger und der Expansion des Frankenreiches begann eine komplizierte und widersprüchliche Entwicklung der Reichsbildungen, die am Ende zwar nicht zur Vereinheitlichung der weltlichen Mächte Europas, wohl aber zu einer Zentralisierung der geistlichen Autorität im römischen Papsttum führte.

Drei Zeitalter der Herausbildung eines christlichen Europa

Rudolf Schieffer teilt die europäische Entwicklung in drei wesentliche Zeiträume. Von 700 bis etwa 900, in der Zeit des karolingischen Europa, bildete sich das karolingische Großreich auf der Basis des Christentums und der fränkischen Reichskirche heraus. Nun hatte es die Christenheit mit zwei Kaisern zu tun – allerdings mit recht unterschiedlichem politischem Konzept. Und die Tatsache, dass in der fränkischen Gesellschaft das Prinzip der Erbteilung einerseits und das Wahlkönigtum andererseits verwurzelt waren, führte nicht nur zum Verlust der karolingischen Hegemonie, sondern auch zur Bildung der zwei Frankenreiche. Die begannen sich von 900 bis 1050 als jeweils eigenständige Herrschaftsbereiche – im Westen das spätere Frankreich, im Osten das Deutsche Reich – herauszukristallisieren, während in England ein christliches Königreich entstand und die Skandinavier begannen christliche Königreiche zu formieren. Auch im östlichen Europa brachte das 10. Jahrhundert einen Wandel, der zur Bildung größerer politischer Einheiten führte, Böhmen, Polen, Ungarn und Kroatien haben in jener Zeit ihren Ursprung. Und dann waren da noch Bulgarien und Russland, mit eigenen Machtbestrebungen in der nur scheinbar festgefügten europäischen Christenwelt.

Christentum und Monarchie als Grundlage europäischer Expansion

Im dritten Zeitabschnitt von 1050 bis 1200, die der Autor das päpstliche Europa nennt, haben sich nicht nur die Einflussbereiche der lateinischen und der orthodoxen Kirche konsolidiert, sondern auch die großen Monarchien Europas herausgebildet. Dennoch, so betont Schieffer in seinem Abschlusskapitel, blieb Europa auch um 1200 kaum „eine konkret erfahrbare Wirklichkeit, die bei den Bewohnern ein Wir-Gefühl geweckt hätte“. Aber mit der Entwicklung von Städten, Handel, Seefahrt, der christlichen Fundierung von Monarchie und dem aus Bedürfnissen der Theologie heraus entwickelten wissenschaftlichen Denken entstanden, so postuliert Schieffer, in Europa verbindende Merkmale, die ohne Entsprechung auf den anderen Kontinenten waren und die historische Rolle Europas in der Welt begründen.

Christianisierung und Reichsbildungen ist ein solides Überblickswerk

Die vorliegende Arbeit Schieffers zeigt ein umfassendes Detailwissen, insbesondere, wenn es um die personalisierten Herrschaftsstrukturen geht. Der Autor entwickelt ein Geflecht von Machtansprüchen, Erbstreitigkeiten, politischen Intrigen, Kriegen, diplomatischen Tricksereien und mal versteckten, mal offenen Konfrontationen von all jenen weltlichen und kirchlichen Größen – von Skandinavien bis Byzanz, von den Britischen Inseln bis Italien, von Spanien bis nach Russland -, die im behandelten Zeitraum Herrschafts- und Reichsbildend waren. Und bei der Lektüre wird dem Leser klar, wie sehr sich regional scheinbar weit auseinanderliegende Ereignisse und Konflikte selbst in jener Zeit gegenseitig beeinflusst haben. So manche Entwicklung war, da an spezifische Personen gebunden, auch Zufallsergebnis, etwa wenn – wie oft geschehen – ein auf der Erfolgsspur befindlicher Herrscher plötzlich ums Leben kam und allein dadurch ein politisches Chaos hinterließ.

Das Buch ist ein solider und dichter Überblick über 500 Jahre Christianisierung und Reichsbildungen in Europa. Nicht weniger aber auch nicht wirklich mehr. Und insofern entspricht der Titel des Buches genau dem, was der Leser erwarten darf.

Rudolf Schieffer: Christianisierung und Reichsbildungen. Europa 700 – 1200. C.H. Beck 2013. Taschenbuch 367 Seiten.

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Rezension

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