Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Paranoide, unzureichend informierte Regierungen stürzen den Kontinent in die Katastrophe

SchlafwandlerDer Weg Europas in den Ersten Weltkrieg ist erschreckend und beängstigend. Regierungen, die von Vorurteilen geleitet werden, sich paranoid in ihren Handlungen zeigen und die über unzureichende Informationen verfügen, stürzen den Kontinent in den ersten industriell geführten Krieg. Keine der Großmächte wurde dabei von einer anderen unmittelbar bedroht. Es ging vielmehr um einen Randkonflikt auf dem Balkan. Christopher Clark zeichnet in „Die Schlafwandler“ das Bild eines von zwei Bündnissen zerrissenen Kontinents. Bündnisse, die die Handlungen der Entscheidungsträger determinierten.

„Ich werde nie begreifen, wie es passieren konnte“, resümierte die englische Autorin Rebecca West noch 1936 in Sarajevo. Kein Wunder, zeigt doch die Studie von Christopher Clark, dass die Situation in den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs von einer außerordentlichen Komplexität war. So kurzfristige Wechsel in der politischen Ausrichtung: Anstelle von Bulgarien unterstützten die Russen plötzlich Serbien. Zudem waren die wirklichen Machtverhältnisse im Zarenreich, Frankreich und zum Teil in Großbritannien für Außenstehende intransparent. Hinzu kam die Unsicherheit hinsichtlich der Partner innerhalb der Bündnisse sowie eine Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens zwischen den gegnerischen Staaten. All dies erschwerte die Beherrschung der Krise über die Maßen. Großsprecherische Töne des sich eingekreist fühlenden Deutschen Reiches trugen ebenfalls wenig zu Beruhigung bei.

Serbien war der Unruheherd auf dem Balkan

Die angespannte Lage zwischen Frankreich/Russland auf der einen – Großbritannien hielt sich lange bedeckt – und Österreich-Ungarn/Deutschland auf der anderen Seite, entwickelte sich über Jahre. Die Krisen um Marokko und auf den Balkan zerstörten viel Vertrauen in die jeweilige Gegenseite und zementierten die Vorurteile. Mit Serbien, einem extrem nationalistischen Staat, der sich Expansion auf seine Fahnen geschrieben hatte, entstand ein Unruheherd und ein Gegner für die Donaumonarchie.

Dieses Serbien wird von Clark einer peniblen Analyse unterzogen. Angefangen vom Mord an König Alexander 1903 und der sich in Militär und Politik etablierenden radikalen, gewaltbereiten Geheimgesellschaften wie der „Schwarzen Hand“, die von einem Großserbien träumten. Dann die Kriege gegen das zunehmend an Kraft verlierende Osmanische Reich und die Ausschreitungen in den eroberten Gebieten, wo mit äußerster Brutalität gegen alle Nicht-Serben vorgegangen wurde. All dies zeigt einen Staat, der alles andere als ein liebenswerter Nachbar war und dessen Rolle im Vorfeld des Weltkrieges nach Clark meist unterschätzt wird.

In Russland hatten die Panslawisten die Macht

Auslöser der Zuspitzung der Krise waren die tödlichen Schüsse, die Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 in Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand  und dessen Frau Sophie abgab. Österreich-Ungarn verdächtigte sofort die serbische Regierung der Unterstützung der Attentäter und der Mitwisserschaft. Wie Clark zeigt, nicht ganz zu Unrecht. Serbien wies dies von sich und nahm zunehmend eine kriegsbereite Haltung gegen die Donaumonarchie ein. Vor allem da dieser Kurs vom Zarenreich – hier hatten gerade die militanten, panslawistischen Kräfte Oberwasser – unterstützt wurde.

Frankreich wiederum tat alles, um seinen Bündnispartner Russland zur Härte zu bewegen. War doch ein vom Balkan ausgehender europäischer Krieg für die Falken in den Pariser Entscheidungszentren optimal. Dann wäre Russland sicher in einen Krieg mit dem Deutschen Reich verwickelt und der Erzfeind damit geschwächt.

Österreich konnte nicht schnell reagieren

Österreich-Ungarn, das für viele maßgebende Politiker zu den todgeweihten Großmächten gehörte,  fühlte sich durch die Mordtat mehr als provoziert. Es konnte sich jedoch zu keiner schnellen, die von Abscheu geprägte öffentliche Meinung in Europa ausnutzenden militärischen Maßnahme gegen Serbien durchringen. Die Doppelmonarchie stellte Serbin stattdessen am 23. Juli ein Ultimatum. Trotz deutscher Rückversicherung wurde so eine mögliche Chance verspielt, den Konflikt lokal zu halten.

Nun kam das tödliche Räderwerk in Schwung. Am 28. Juli erfolgte die Kriegserklärung an die Serben. Am 30. des Monats rief Russland die Generalmobilmachung aus, was sofort zu den gleichen Maßnahmen in Österreich-Ungarn, in Frankreich und in Deutschland führte. Halbherzige, wenn nicht auf Zeitgewinn ausgerichtete, Vermittlungsversuche des britischen Außenministers Grey scheiterten. Am 3. August 1914 erklärte Deutschland Frankreich den Krieg und überfiel das neutrale Belgien. Der Erste Weltkrieg begann.

 Eines der wichtigsten Bücher des Jahres

Das Buch des in Cambridge lehrenden Australiers ist zweifelsohne eines der wichtigsten dieses Jahres. Es räumt, wie schon in seinem Werk „Preußen“, mit vielen vordergründigen oder falschen Urteilen auf, die sich durch die Vorgeschichte des Krieges ziehen. Dabei ist es in seiner akribischen, ja detailbesessenen Art, immer spannend.

Clarks Fragestellung nach dem „wie“ es zum Ersten Weltkrieg kam und nicht nach dem „warum“, vermeidet die sonst sich aufdrängenden Frage nach der „Schuld“. Sie legt die Mechanismen frei, die zum Desaster führten und eröffnet neue Perspektiven. Das krasse Versagen aller, und wirklicher aller relevanten europäischen Regierungen – ob parlamentarisch oder autoritär ausgerichtet – wird erschreckend deutlich. Ein Hauptkriegstreiber oder ein Opfer, ein Gut oder Böse, ist nicht zu identifizieren. „So gesehen war der Kriegsausbruch eine Tragödie, kein Verbrechen“.

Nicht nur die deutschen Politiker waren Paranoid

Und wie steht es mit der im Versailler Vertrag und der von Fritz Fischer festgestellten Kriegsschuld des Deutschen Reiches? Die kriegerische und imperialistische Paranoia der österreichischen und deutschen Politiker sollte nicht kleingeredet werden, so Clark. „Aber die Deutschen waren nicht die einzigen Imperialisten, geschweige denn die einzigen, die unter einer Art Paranoia litten“.

Noch etwas wird deutlich: Die Vorgeschichte des Krieges ist, bei allen Unterschieden zur heutigen Zeit, hoch aktuell. Anders als in den Jahren der bipolaren Welt – hier die Nato, dort der Warschauer Pakt – häufen sich heute „Randkrisen“ von ähnlicher Komplexität: siehe zuletzt Syrien. Bleibt zu hoffen, dass die Krisenbewältigung eine bessere ist, als vor einhundert Jahren.

Clark, Christopher: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. DVA. 2013. 896 Seiten.

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