Archäologie als Naturwissenschaft? Rezension einer Streitschrift

025Für den Laien mag die Frage der AutorInnen Stefanie Samida und Manfred K.H. Eggert akademisch anmuten. Immerhin stehen neben dem Spaten auch die modernsten wissenschaftlichen Methoden und Verfahren im Mittelpunkt archäologischer Kampagnen. Das beginnt bei der satellitengestützten Geländeprospektion und hört bei Erbgutanalysen jahrtausendealter Knochenfragmente noch längst nicht auf. Offensichtlich nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung geht dabei zunehmend die Tatsache unter, dass sich „alle archäologischen Einzelfächer [. . .] als historisch ausgerichtete Geistes- oder Kulturwissenschaften“ verstehen, ein Ansatz für den die Autoren in ihrer Schrift aus gutem Grunde streiten.

Die Naturwissenschaften dringen, so die Feststellung der Autoren, zunehmend in die Felder der Sozial- und Kulturwissenschaften vor und vermitteln den Eindruck, dass sich alle sinnvollen Fragen auch zu Natur, Kultur und Gesellschaft mit naturwissenschaftlichen Methoden beantworten ließen. Dieser sogenannte Szientismus erobere auch die Archäologie – mit außerordentlich fragwürdigen Ergebnissen.

Auf die Fragestellung kommt es an

Dass die Archäologie bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eng mit Naturwissenschaften zusammenarbeitet und diese ein wesentlicher und unverzichtbarer Bestandteil der modernen Archäologie geworden sind, steht auch seitens der Autoren außer Frage. Entscheidend aber ist das Verhältnis zwischen den Wissenschaften. Wer bestimmt die Fragestellungen aus welchem Wissenschaftsverständnis heraus? Wer interpretiert nach welchen Kriterien die Untersuchungsergebnisse, vor allem im Bereich der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie, die für ihre Erkenntnisse weitestgehend auf zusätzliche historische Quellen verzichten muss?

Bevor Stefanie Samida und Manfred Eggert die Auswüchse naturwissenschaftlich dominierter Archäologie entwickeln, führen sie den Leser in die Praxis der Zusammenarbeit zwischen den Wissenschaftsdisziplinen der vergangenen Jahrzehnte ein und erläutern dabei die für die gegenwärtige Wissenschaft so bedeutsamen Begriffe wie „disziplinär“, „multidisziplinär“, „interdisziplinär“ und „transdisziplinär“. Bedeutsam sind diese Begriffe nicht nur hinsichtlich der faktischen Ausgestaltung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, sondern auch in Bezug auf die Forschungspolitik. Zur Erlangung von Fördermitteln, so die Autoren, habe sich eine gewisse „Antragsrethorik“ herausgebildet, bei der  „interdisziplinär“ ungeachtet der tatsächlichen Forschungskonzeption als erfolgversprechender Schlüsselbegriff betrachtet werde.

Jede Disziplin hat seine eigene wissenschaftliche Methodik

Auch wenn die Beteiligung von Naturwissenschaften an archäologischen Forschungsprojekten die Chance auf Fördermittel erhöhen, ihr Nutzen – so zeigen die Autoren in ihrem Kapitel „Von Elementen und Genen“ – ist dabei oft genug mehr als gering. So hätten aufwändige Isotopen- und DNA-Analysen im Rahmen der Erforschung der angelsächsischen Einwanderung nach England „keinen wesentlichen Beitrag zur Klärung der grundlegenden demographischen Implikationen geliefert“, sondern seien letztendlich an komplexen methodischen Problemen gescheitert. Für die Autoren kein Grund, naturwissenschaftliche Methoden zur Gewinnung von Erkenntnissen hinsichtlich archäologisch-kulturhistorischer Fragen abzulehnen. Immerhin zeige beispielsweise das ganze Spektrum der Methoden zur Chronologie, welchen Erkenntnisgewinn naturwissenschaftliche Altersbestimmungen bringen können, wenn der Archäologe die Methode und ihre Fehlerquellen versteht und die Ergebnisse entsprechend der Fragestellung interpretieren kann.

Kultur der Astronomen – von der Naturwissenschaft zur Esoterik

Das in den folgenden Kapiteln entwickelte Beispiel der Astronomie zeigt, welche Entwicklungen eine naturwissenschaftliche Interpretationshoheit für die Archäologie nach sich ziehen kann. Während die meisten Naturwissenschaften kaum das Potenzial aufweisen, zum Publikumsrenner zu werden, stößt die Astronomie, die Faszination der Himmelskörper, seit Alters her auf ein breites kulturelles Interesse.

Vielfach ist aus der vor- und frühgeschichtlichen Archäologie das Hybridfach Archäoastronomie geworden, deren Wurzeln ins 18. Jahrhundert zurückreichen und eng mit dem Steinkreis von Stonehenge verbunden sind. Im Kapitel „Sonne, Mond und Sterne“ zeichnen die Autoren die Entwicklung der Archäoastronomie auf, die bis vor kurzen speziell in Deutschland ein Nischendasein führte und vor allem mit der medialen und musealen Ausschlachtung der „Himmelsscheibe von Nebra“ einen Boom erlebt. Inzwischen scheinen – folgt man den Archäoastronomen – so ziemlich alle vor- und frühgeschichtlichen Bauwerke, Dekore oder Objekte Kalenderfunktion erfüllt zu haben. Die Archäoastronomie schafft sich computergestützt mit mathematisch-statistischen Überlegungen eine eigene Welt prähistorischer Astronomenkulturen, die zwar selten einer methodischen Überprüfung standhalten, wohl aber als spektakuläre Entdeckungen in den Medien aufgegriffen und sogar – wie am Beispiel des als ‚Zeremonialhut‘ mit kalendarischer Rechenfunktion im Neuen Museum in Berlin ausgestellten Berliner Goldhutes erkennbar – in großen Museen einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.

Archäologie als Naturwissenschaft? Vielseitig und lesenswert

Die Streitschrift, deren Lektüre sich für Wissenschaftler und an Archäologie interessierte Laien durchaus lohnt, stellt keinen Vorwurf gegen die Naturwissenschaften dar, eher eine ganze Reihe auf das eigene archäologische Fach bezogene selbstkritische Anmerkungen, die am Ende des Buches zur Frage führt, wie die Archäologie sich prinzipiell gegenüber den Naturwissenschaften positionieren soll. „Die Antwort“, so die Autoren, „ liegt auf der Hand: Ihre wesentliche ‚Hausaufgabe‘ besteht darin, sich […] auf ihre historisch-kulturwissenschaftlichen Grundlagen zu besinnen. Dies ist die Basis, von der jede Bewertung naturwissenschaftlicher Ergebnisse auszugehen hat.“

Eine Erkenntnis, die sich bei näherer Betrachtung in entsprechender Übertragung auch die Politik- Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zu Herzen nehmen sollten.

Stefanie Samida / Manfred K.H. Eggert: Archäologie als Naturwissenschaft? Eine Streitschrift. Vergangenheitsverlag Berlin 2013. Klappenbroschur 126 Seiten.

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