Enzyklopädie des historischen Schiffsmodellbaus Band 5.2

vom Fellboot bis zum Brander, vom Einbaum bis zur Francis-Rettungskapsel

005Mit selbständigen Kleinfahrzeugen beschäftigt sich der Modellbauer Wolfram zu Mondfeld im zweiten Teil des fünften Bandes seiner auf 12 Bände angelegten Enzyklopädie des historischen Schiffsmodellbaus. Und erst bei der eingehenderen Auseinandersetzung wurde dem eingefleischten „Großschiffbauer“ offensichtlich bewusst, wie umfangreich und komplex das für diesen Band gewählte Thema tatsächlich ist. Immerhin umfasst allein der hier besprochene zweite Teil des ursprünglich auf insgesamt etwa 250 Seiten angelegten Bandes „Boote und Kleinfahrzeuge“ gut 330 Seiten und der dritte Teil ist zur Zeit dieser Besprechung noch gar nicht geschrieben.

Dass es die vom Modellbauer meist kaum beachteten Kleinfahrzeuge sowohl bautechnisch als auch hinsichtlich ihres historischen Hintergrundes durchaus in sich haben, hatte schon der erste Teil gezeigt, der sich mit den Beibooten befasst. Nun hat sich der Autor das weite Feld der selbständigen Kleinfahrzeuge von der Vorzeit bis ins 20. Jahrhundert vorgenommen und diese dem Leser präsentiert. Nach den klassischen Einbäumen, dem Ausflug in die ägyptische und frühzeitliche Bootsbaugeschichte des Mittelmeers, widmet sich Mondfeld ausgiebiger den skandinavischen Booten. Spätestens hier wird deutlich, dass es der Autor mit gewissen Abgrenzungsproblemen zu tun hat, denn nicht nur die (durchaus auch seetüchtigen) ägyptischen oder minoischen „Boote“ konnten beträchtliche Größen vorweisen, sondern natürlich auch die skandinavischen Langboote und Knorren.

Wann ist ein Boot ein Boot?

Und so stellt sich immer wieder die letztendlich kaum präzise zu beantwortende Frage: Wann ist ein Boot ein Boot. Immerhin, ein Teil der Skizzen und Risse der aus gutem Grund von Mondfeld als „selbständige Kleinfahrzeuge“ bezeichneten Schiffchen stammen aus „Das Große Buch der Schiffstypen“. Da finden sich Brigantinen, Zollkutter, die legendären französischen Lugger der Schmuggler und Korsaren und natürlich die unzähligen Boots- und Schiffstypen der Araber, die landläufig unter dem Begriff Dhauen zusammengefasst werden. Handels- und Piratenschiffe der arabisch- afrikanischen Mittelmeerküsten und selbstverständlich und beileibe nicht zuletzt die zahlreichen holländischen und  nordeuropäischen Arbeits- und Fischereiboote.

Die frühen Wasserfahrzeuge waren bunt, postuliert zu Mondfeld

Eine Fülle von Material hat Wolfram zu Mondfeld für dieses Buch zusammengetragen und auch dem kundigen Leser begegnen hier so manche Fahrzeuge, deren Namen er noch nie gehört hat, geschweige denn unfallfrei aussprechen kann. Die Typenvielfalt in den ersten Kapiteln, die den Zeitraum von der Vorzeit bis zum 16. Jahrhundert umfassen, bleibt noch überschaubar. Hier konzentriert sich zu Mondfeld unter anderem auf die Darstellung unterschiedlicher Bootsbautechniken, insbesondere der Leder- und Rindenboote im interkulturellen Vergleich. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die skandinavischen Wasserfahrzeuge und die Auseinandersetzung mit den Schiffssetzungen der Bronze- und Eisenzeit. Aufschlussreich ist nicht zuletzt das Kapitel über Farbgebung und Dekoration frühzeitlicher Fahrzeuge.

Eine bootsbauhistorische Reise um die Welt

Keine Frage, es ist nicht einfach eine Auswahl aus der Fülle der Boots- und Schiffstypen, die in den vergangenen vier Jahrhunderten in ihren vielfältigen Erscheinungsformen und Variationen Flüsse, Seen und Meere befuhren, vorzunehmen, geschweige denn, diese Auswahl in  eine halbwegs sinnvolle Gliederung zu packen. Zu Mondfeld hat sich im Kapitel „Kleinfahrzeuge spätes 16. bis frühes 20. Jahrhundert“ für eine regionale Gliederung entschieden. So beginnt der Autor mit den jeweils wesentlichsten Fahrzeugen der Niederlande, Deutschlands, Russlands und Skandinaviens, führt den Leser zu den Booten der französischen und iberischen Küsten und im Mittelmeer, um schließlich über Island und Grönland nach Amerika zu gelangen und am Ende unter anderem die Kanus und Segler der Karibik und Südamerikas zu präsentieren. Meist umfassen die Erläuterungen zu den einzelnen Fahrzeugen nur wenige Sätze, zwischendurch jedoch vermittelt zu Mondfeld anhand einzelner Schiffstypen umfassendere historische Informationen. Etwa am Beispiel der „Chasse Marée“, dem bei französischen Schmugglern und Korsaren so beliebten Schiff mit der effektiven Luggertakelage (an speziellen Spieren geführte Längssegel), das in der Lage war, selbst die englischen Zollkutter auszusegeln. Denen (und sicherlich nicht nur denen) wird der Leser, so kündigt der Autor an, in Teil 3 „Kleine Schiffe“ des Bandes über Boote und Kleinfahrzeuge wiederbegegnen.

Strukturschwächen

Nur wenige Seiten nehmen die Kapitel „Kleinfahrzeuge spätes 19. Jahrhundert bis heute“ und Lotsen- bzw. Pilotenboote“ ein, bevor der zweite Teil des fünften Bandes der Enzyklopädie mit dem Kapitel „Vergnügungs- und Sportboote 17. Jahrhundert bis heute“ seinen Abschluss findet. Warum zu Mondfeld seine durchaus interessanten Ausführungen zu Brandern oder der Seenotrettung ausgerechnet in das Kapitel über Vergnügungs- und Sportboote gepackt hat, ist nur schwer nachvollziehbar. Es dokumentiert aber zumindest die strukturellen Probleme, denen sich der Autor beim Thema dieses Bandes ausgesetzt sah und deren Lösung ihm mit seiner Gliederung sicherlich nicht ganz gelungen ist. Das Buch besticht vor allem durch seine große Zahl an Illustrationen in Form von Rissen, Plänen, historischen Abbildungen und nicht zuletzt Fotos von Modellen. Hinsichtlich der bautechnischen und historischen Informationen bleibt Teil 2 des fünften Bandes deutlich hinter den vorangegangenen Bänden zurück. Als Teil der Gesamtenzyklopädie ist dieses Buch sicherlich in Ordnung, als eigenständiges Werk vermittelt es in weiten Teilen kaum mehr Informationen als das häufig zugrunde gelegte „Das Große Buch der Schiffstypen“.

Wolfram zu Mondfeld: Enzyklopädie des historischen Schiffsmodellbaus, Band 5.2, Boote und Kleinfahrzeuge. Neckar-Verlag 2013. Taschenbuch 330 Seiten.

Lesen Sie auch:

Enzyklopädie des historischen Schiffsmodellbaus, Band 5.1

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