Hunger, Krieg, Fanatismus und Seuchen

Die Krise des 17. Jahrhunderts

kometNichts war an der Wende vom 16. ins 17. Jahrhundert mehr so, wie es sein sollte. Wo einst Eltern oder Großeltern ein meist befriedigendes oder wenigstens ausreichendes Auskommen hatten, war Armut und Elend. Wo Seelenfrieden herrschte, breitete sich unter den etwa 20 Millionen Menschen in Deutschen Reich ein fanatischer Religionskampf aus. Und Himmelszeichen kündigten zudem schwere Auseinandersetzungen oder gar die Endzeit an.Auch das Klima wollte den Menschen böses. Seit etwa 1560 wurden die Winter strenger, die Sommer kühler und regnerisch. Die sogenannte Kleine Eiszeit begann. Mit ihr die negativen Folgen für die Landwirtschaft und damit die Ernährung. Hinzu kam, dass eine stark steigende Bevölkerung  – in Europa um etwa 25 Prozent –  zusätzlich ernährt werden wollte. Schlechtes Wetter, der Zustrom des südamerikanischen Silbers und die höhere Nachfrage führten zu steigenden Kornpreisen. Arbeit wurde knapp, die Löhne sanken; Not und Elend nahmen zu.

 Dies traf vor allem die Städte. Menschen ohne Arbeit versuchten hier ihren Lebensunterhalt zu sichern. Sie hofften auf milde Gaben. Doch das Wirtschaftssystem, vor allem die Landwirtschaft des ausgehenden 16. Jahrhunderts fand kein Mittel gegen diese Entwicklung. Eine Umstellung auf eine intensive Bebauung der Felder wie sie in Holland betrieben wurde, fand nicht statt. Im Reich bestellten die Bauern nach althergebrachter Weise ihre Äcker. Die Zahl der am Rande des Existenzminimums Lebenden, und dies bedeutete immer Hunger, wuchs bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges ständig an. Schätzungen gehen von zwanzig bis vierzig Prozent der Bevölkerung aus.

 Unterernährung begünstigte die Ausbreitung von Seuchen

 Die tendenzielle Unterernährung weiter Teile der Bevölkerung bot den idealen Nährboden für Seuchen. Die Pest suchte zwischen 1575 und 1578 das Reich heim. Allein Nürnberg hatte nach Angaben der Stadt etwa 20.000 Todesopfer zu beklagen. Neben der Pest traten die Rote Ruhr und die sogenannte Ungarische Krankheit – ein Fleckfieber – häufig auf.

 Doch nicht allen ging es schlecht: Die Kluft zwischen Arm und Reich wurde deutlich breiter. Neben dem Leben am oder unter dem Existenzminimum, gab es den ins Auge stechenden Luxus. Prächtige Renaissance Bauten entstanden in Nord-, Mittel- und Süddeutschland. Beispiel: das Augsburger Rathaus. Sie gaben eindeutiges Zeugnis vom Reichtum ihrer Erbauer. Auch die Gold- und Silberschmiede hatten reichlich zu tun.

 Die Vertreter der Kirchen gifteten gegeneinander

 Krise auch in Sachen Religion: Die religiöse Intoleranz, der Fanatismus nahm sprunghaft zu. Statt Trost zu spenden, eiferten die Vertreter der Kirchen gegeneinander und sahen den Teufel oder Belzebub in den gegnerischen Reihen. Ob Katholik, ob Lutheraner oder Calvinist: Jeder glaubte sich im Besitz der exklusiven universalen Wahrheit. Die verunsicherten Menschen wurden mit Polemiken überschüttet, die Bekämpfung des Bösen, also des Anderen, stand im Mittelpunkt der christlichen Lehren.

 Und dieses Böse wurde – neben den Abweichlern vom eigenen Glauben – schnell in Hexen und Magiern gefunden. Deren Verfolgung feierte Urstände. Die Menschen glaubten an den Kampf gegen den Teufel: Zu dessen Armeen gehörten – hier nach dem Tagebuch des (evangelischen!) Augsburger Bürgers Georg Kölderer –  die Hexen, der Papst und die Türken.

 Der Teufel war für die Menschen Realität

 Abhandlungen über den Teufel wurden gerade in dieser Zeit in großen Mengen auf den Markt geworfen. Da ging es um den Sauf- und Spielteufel, den Fluch- und Zauberteufel. Sogar ein Sammelband erschien: das Theatrum diabolorum.  Für die damaligen Menschen war Satan – wie  im Mittelalter – Realität.

 Auch die politische Lage in Europa verschlechterte sich. Der Konflikt zwischen den Spanien und den um ihre Freiheit kämpfenden Niederlanden eskalierte, die Türken rumorten an der Ostgrenze, in Frankreich tobte ein Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Calvisten, im Ostseeraum belauerten sich Dänen und Schweden.

 Rudolf II. war ein schwacher Kaiser

 Zudem wurde das Deutsche Reich von einem schwachen Kaiser regiert. Der Habsburger Rudolf II. schob alle Probleme vor sich her und vergrub sich – je älter er wurde – immer tiefer in seine „Melancholia“. Alles eskalierte im Zwist mit seinem Bruder Matthias, der zur Entmachtung des Kaisers führte.

Derweil häuften sich die Sturmzeichen im Reich: Donauwörth wurde rekatholisiert, um Jülich-Kleve entbrannte ein Erbstreit. Die Möglichkeiten zu friedlichen Regelung der religiösen, machtpolitischen Konflikte, wie Reichstag und Reichsgericht, waren blockiert. Katholiken wie Protestanten schufen Militärbündnisse, die Liga beziehungsweise die Union, und rüsteten eifrig gegeneinander.

 Der einfache Mensch wie auch die Mächtigen der Welt suchten bei so tiefer Verwirrung in und am Himmel Auskunft, was die Zukunft so bringen werde. Als 1618 der Halleysche Komet erneut  seine Bahn zog, wurde er allgemein als Unglücksbote verstanden. Was dann jedoch in den nächsten dreißig Jahren über das Deutsche Reich hereinbrach, war weit schlimmer als alles was die Propheten weissagten.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s