1913 – Am Vorabend der großen europäischen Katastrophe

Alle bereiteten sich auf den großen Krieg vor und doch glaubte keiner daran

800px-Norddeutsche_Papier-Industrie_PC_Seine_Majestät_Kaiser_Wilhelm_II._vor_dem_Ulanen-Offizier-Casino,_Hannover_Januar_1913_BildseiteEs war ein letztes rauschendes Fest des europäischen Hochadels. Am 24. Mai 1913 heiratete Viktoria Luise, TochterAuguste Viktorias und Kaiser Wilhelms II. Alles was Rang und Namen hatte kam nach Berlin, an der Spitze der russische Zar Nikolaus II. und der britische König Georg V. Der deutsche Generalstab ging zu dieser Zeit von Krieg aus. Am 30. Juni wird die Aufstockung der deutschen Armee beschlossen. Frankreich führt am 7. August seine dreijährige Dienstzeit wieder ein. Auf dem Balkan reiht sich ein Krieg an den anderen und führt Europa, dank Österreich-Ungarn und Russland, an den Rand des großen Krieges.

1913 war ein Jahr vieler Jubiläen. Der Völkerschlacht wurde gedacht. Zum hundertjährigen Jubiläum entstand das monumentale Denkmal bei Leipzig.  Wilhelm II. feierte sein 25jähriges Regierungsjubiläum. Er ließ sich als „Friedenskaiser“ bejubeln, was viele, vor allem im Bürgertum, auch so sahen. Deutschlands Schirm und Schutz  – so auf einer Postkarte mit martialisch dreinschauendem Wilhelm zu lesen – konnte aber auch anders: „Jetzt oder nie. Es muß mal da unten Ordnung geschaffen werden.“ Des Kaisers Mund entfleuchten weitere nassforsche Bemerkungen zum Balkankonflikt, in dem die marode Donaumonarchie unter ihrem alten Kaiser Franz-Josef immer tiefer hineinrutschte, oder besser sich glaubte hineindrängen zu müssen. So äußerte sich Wilhelm im Dezember in Wien: „Die Slawen sind nicht zum Herrschen geboren, sondern zum Dienen.“ Eine Meinung, die sicher viele der konservativen und reaktionären Kreise des Deutschen Reiches teilten.

Bethmann Hollweg versuchte den Balkankonflikt zu kontrollieren

Der deutsche Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg, kein begnadeter Außenpolitiker, versuchte dagegen die Balkankonflikte unter Kontrolle zu halten – zum Teil mit Erfolg. Dennoch,  Europa mit seinen zwei sich feindlich gegenüberstehenden Machtblöcken – hier Deutschland und Österreich-Ungarn, dort Frankreich und Russland – näherte sich Schritt für Schritt dem großen Krieg. Einzig Großbritannien war bisher – zumindest in seinen öffentlichen Äußerungen –  trotz vertraglicher Bindungen nicht eindeutig auf die aktive Unterstützung Frankreichs festgelegt. Aber 1912 hatten Wilhelm II. und der das deutsche Flottenprogramm eifrig (voran)treibender Großadmiral Alfred von Tirpitz einen britischen Vorschlag zur Reduzierung des Kriegsschiffsbaus brüsk zurückgewiesen. So etwas – so dachten die herrschenden Kreise des Kaiserreiches  – war mit der angestrebten Weltgeltung und der deutschen Ehre unvereinbar. Die „Flottenreligion“ hatte wieder einmal gesiegt und Britannien deutlich näher an Frankreich gerückt. Dennoch gab es über den Versuch, die Balkankrisen zu beherrschen, eine Annäherung zwischen Großbritannien und Deutschland. Auch bei der sogenannten Kolonialfrage bahnten sich Lösungen an.

Im Reich wurde Stimmung für den Krieg gemacht

Stimmung für den Krieg wurde im Deutschen Reich vor allem im konservativen Bürgertum und Teilen der militärischen Führungsschicht gemacht. So schon im Jahr 1912 mit der Schrift „Deutschland und der nächste Krieg“, in der der General Friedrich von Bernhardi vom „Kampf ums Dasein“, dem Krieg als Mittel der Auslese, ja von einer „Pflicht zum Kriege“ schwadronierte. Kräftig unterstützt wurden solche Einschätzungen unter anderem vom Alldeutschen Verein, dem Flottenverein und vom Kolonialverein. Und der Vorsitzende der reaktionären Alldeutschen, Heinrich Claß setzte mit seinem Werk „Wenn ich Kaiser wär‘“ noch ein weiteres radikales nationales Zeichen.

Frankreich erhöhte die Dienstzeit seiner Soldaten

Auch in Frankreich herrschte in vielen Kreisen ein nationalistisches Denken vor. Raymond Poincaré, Ministerpräsident, ab Ende Januar 1913 Staatspräsident, vertrat eine strikt anti-deutsche Haltung. Er stärkte die Allianz mit Russland und England und setzte sich für eine konsequente Aufrüstung ein. Die am 30. Juni beschlossene Aufstockung der deutschen Armee beantwortete  Frankreich am 7. August mit einer Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit.

Dass Krieg in Europa ausbrechen würde, war für die deutschen Militärs klar. Um ihre Überlegenheit bei der Rüstung zu retten, wollten sie ihn  – ihrer handwerklichen Logik folgend – so früh wie möglich. Wohl wissend, dass das Deutsche Reich einen Zweifrontenkrieg zu erwarten habe, setzte der Generalstab unter Helmut von Moltke auf den Schlieffenplan.  Dieser von Alfred von Schlieffen entwickelte Plan sah zuerst einen Feldzug gegen die Franzosen vor, der nach 40 Tagen siegreich beendet sein sollte, um sich dann gegen Russland wenden zu können. Eine fatale militärische Option: Sie spielte auf Sieg oder Untergang und sah keine Alternative vor.

Österreich-Ungarn fürchtete den Nationalismus auf dem Balkan

Und Deutschlands einziger Bündnispartner, der Viel-Nationen Staat Österreich-Ungarn, steckte in inneren Schwierigkeiten. Unter dem 83jährigen Kaiser Franz Joseph fand die Doppelmonarchie – beherrscht von den Deutsch-Österreichern und Ungarn –  keine Antwort auf die nationalistischen Bestrebungen der Balkanvölker. Zu groß waren die Befürchtungen, dass nicht nur die slawischen Völker, sondern auch die anderen im Kaisertum unter dem Doppeladler versammelten Nationalitäten, ihren eigenen Staaten wollten. Insbesondere mit den Serben, und den hinter diesen stehenden Russen, gab es deshalb zahlreiche Reibereien. Scharfmacher wie der Chef des Generalstabes Franz Conrad von Hötzendorf plädierten für Präventivschläge gegen die Feinde der Monarchie, Serbien und Italien.

Russland mit seinen panslawistischen Idealen war der eigentliche Gegner Österreich-Ungarns auf dem Balkan. Der autokratische Staat unter Zar Nikolaus II., 1904/05 durch eine vernichtende Niederlage gegen Japan und eine Revolution erschüttert, suchte sein Heil auf dem Balkan, wo er von den Auflösungserscheinungen des Osmanischen Reiches profitieren wollte. Ein dauernder Konfliktherd mit Österreich-Ungarn. Und Krieg war immer auf dem Balkan: Bulgaren gegen Türken; Bulgaren gegen Griechenland und Serbien; Rumänien gegen Bulgarien. Und dann wieder Türken gegen Bulgaren. Und das – unterbrochen von  Friedensgesprächen – innerhalb nur weniger Monate.

Die Konflikte auf dem Balkan beunruhigten die Briten

Die britische Regierung beobachtete diesen Unruheherd mit Besorgnis. Hier gab es für das Empire keine Interessen zu verteidigen, aber von dort drohte der große Krieg. Denn wenn Russland gegen Österreich mobilisierte, dann Deutschland ebenfalls, um die Donaumonarchie zu stützen und in Folge Frankreich, um Russland zu helfen. Für die Briten drohte hiermit der Bündnisfall – keine erstrebenswerten Aussichten. Die schreckliche Logik der jeweiligen Verpflichtungen zeichnete sich deutlich ab.

Und der große Krieg wurde im waffenstarrenden Europa immer wahrscheinlicher in diesem Jahr. Dies erkannten viele Menschen, die hinter die Kulissen schauten. Doch so richtig glaubten daran nur Wenige. War doch bisher – trotz aller Krisen – immer alles gut gegangen. Genoss nicht Zentraleuropa schon seit Jahren den Frieden? Von April bis Oktober fand die 28. Weltausstellung statt. 3,2 Millionen Menschen besuchen diese technische Leistungsschau im belgischen Gent. Und die technischen Möglichkeiten wuchsen rasant, zum Teil zu schnell für die Menschen. Der Untergang der Titanic im Vorjahr war die Metapher für die Grenzen einer Welt, die alles Machbare für Erstrebenswert hielt. Das Jahr 1914 sollte zeigen, welche grauenhaften Folgen der „technische“ Krieg zeitigte.

Die Zabern-Affäre zeitigte die Macht des Militärs

Im November brachte die „Zabern-Affäre“ Unruhe ins Deutsche Reich. Ein forscher Leutnant glaubte im gleichnamigen Städtchen des Reichslandes Elsaß-Lothringen Einheimische grob beleidigen zu dürfen. Trotz massiven Einspruchs der Zivilbehörden gelang es der militärischen Führung den Vorfall zu decken. Dies führte zu einem (folgenlosen) Missbilligungsvotum des Reichstags gegen Kanzler Bethmann Hollweg, dem ersten der deutschen Geschichte. Die Affäre zeigte vor allem welch ungeheuren Einfluss die Soldatenkaste hatte.

Wie sagte es August Bebel, der ehemalige Vorsitzende der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, im August 1913 kurz vor seinem Tod: „Das Zeitalter ist verrückt“. Und als das Jahr zu Ende ging war Europa nur noch gut acht Monate von der Urkatastrophe entfernt, die später der Erste Weltkrieg genannt wurde.

Bild: Bernd Schwabe

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