Skriptorium

Ein Buch über die mittelalterliche Buchwerkstatt

003In Zeiten von E-Books und print on demand tut es gut – und gelegentlich auch not -, sich mit den Ursprüngen, Herstellungsverfahren, Funktionen und kulturellen Hintergründen des Buches zu beschäftigen. Mit Skriptorium hat die Kunsthistorikerin Dr. Stephanie Hauschild diese Aspekte des mittelalterlichen Buches untersucht. Dabei findet der Leser nicht nur eine Fülle von Informationen zur Entstehung der alten Handschriften, sondern auch Denkanstöße zur Einordnung der heutigen Diskussionen über die Zukunft des Buches.

Am Anfang war nicht nur das Wort, sondern auch die Rolle: So etwa ließe sich der Ursprung dessen, was wir heute als Buch verstehen, zusammenfassen. Schriftrollen, bestehend aus Papyrus bildeten die Grundlage der antiken Literatur. Die wissenschaftlichen Werke der antiken Gelehrten wurden ebenso wie religiöse Schriften oder epische Abhandlungen auf die zusammengerollten Papyrusstreifen gebannt. Geradezu revolutionär die „Einführung“ des Kodex, des – anfangs in hölzerne Deckel  eingebundenen – aus einzelnen Blättern bestehenden Buches.

Die erste Buchrevolution: von der Schriftrolle zum Kodex

Revolutionär war der Kodex vor allem deshalb, weil die gebundenen Blätter weitaus mehr als ein neuer Informationsträger waren. Einzelne Textstellen ließen sich nun – durch einfaches Blättern – verhältnismäßig mühelos wieder auffinden. Beim rotulus, also der Schriftrolle ließ sich die Textstellensuche nicht ohne das aufwändige Abwickeln des Papyrusbandes erledigen. Die Seiten konnten beim Kodex nun gestaltet werden, Abbildungen, Grafiken, Malereien konnten in die Texte integriert werden, ohne dass die Farbe beim ständigen Abrollen vom (nun) Pergament abzubröseln drohte. Und neben der gegenüber der Textrolle weitaus höheren „Textspeicherkapazität“ lieferte das gebundene Buch noch weitere Vorteile deren Nutzung durch die Entwicklung entsprechender Schreib- und Produktionstechniken erst erschlossen werden mussten.

Die mittelalterliche Schreibstube: vom Freiluftskriptorium zur städtischen Buchmanufaktur

Entgegen landläufiger Meinung war das Schreiben – besser Abschreiben – von Büchern nicht allein Sache der Mönche, die in stiller Klausur Zeile um Zeile, Seite um Seite kunstvolle Buchstaben und wertvolle Illustrationen zu Pergament brachten. Bereits in der Spätantike gab es beispielsweise in Konstantinopel staatliche und private Schreibbüros, die unter anderem die Texte der antiken Wissenschaftler von rotuli auf Kodizes übertrugen und in privatem oder kaiserlichem Auftrag vervielfältigten. Die große Zeit der klösterlichen Schreibstuben ergab sich in den Jahrhunderten des sogenannten dunklen Zeitalters. Vom Beginn der Völkerwanderung bis ins 12. Jahrhundert war es vor allem die Aufgabe der Klöster, antike Texte abzuschreiben, die Bibel zu kopieren und neue Texte in erster Linie für den Eigenbedarf zu verfassen. So einfach und eindeutig der Begriff klösterliche Schreibstube zunächst erscheint, so schwierig ist es, sich eine genauere Vorstellung davon zu machen. Stephanie Hauschild verortet die „Schreibstuben“ aus sachlichen Gründen und aufgrund zeitgenössischer Miniaturen überwiegend in den Kreuzgängen der Klöster, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass diese Interpretation der Quellen seine Tücken hat.

Stephanie Hauschild liefert Fakten und Hintergründe

Der Kreuzgang war für Laien nicht zugänglich, gleichwohl arbeiteten in den klösterlichen Skriptorien Geistliche und Laien zusammen. Die Miniaturen, die in vielen Handschriften Hinweise auf die Arbeit der meist namenlosen Schreiber und Illustratoren des jeweiligen Werkes geben, dürfen daher nicht als Abbildungen realer Orte verstanden werden. In Verbindung mit anderen Quellen allerdings enthüllen die Portraits schreibender Mönche, Laien oder auch bürgerlicher Buchmaler und Buchmalerinnen in ihrem professionellen Umfeld die Vielfältigkeit, Entwicklung und Dynamik, die der Buchmarkt im Laufe des Mittelalters aufweist. Und während die Autorin systematisch Stück für Stück der mittelalterlichen Handschriftenproduktion – von der Pergamentherstellung, der komplizierten Arbeitsteilung beim Schreiben des Textes, der Illustrationen, dem Layout, dem Verlegen, Vertrieb bis hin zur Auftragsabwicklung  und den merkwürdigen Anwendungsbereichen und Nutzungsformen mittelalterlicher Literatur – aufdröselt, lernt der Leser so nebenbei  auch noch die wahre Bedeutung scheinbar eindeutiger Begriffe kennen. Die Miniatur sei hier nur als Beispiel genannt. Miniaturen sind nicht zwingend besonders kleine Bilder, vielmehr – so erläutert die Autorin – leitet sich Miniatur vom roten Pigment Mennige oder Minium ab. Miniare bezeichnete das Schreiben oder Malen  mit dem speziellen Farbstoff, der entsprechende Künstler war ein Miniator und das Werk folglich eine Miniatur.

Mittelalterliche Handschriften waren bis ins Detail geplant

Mittelalterliche Handschriften folgten bei aller Pracht und Vielfältigkeit der dem Publikum im Rahmen von Ausstellungen und Faksimiles so gerne präsentierten Sonderanfertigungen für Herrscher und betuchte Bürger strengen gestalterischen Vorgaben. Künstlerische Freiheiten ergaben sich bestenfalls in den Bereichen, in denen die Vereinbarungen zwischen Auftraggeber und Buchproduzent, die Ikonografie – also die Konventionen, die die Bilder für den Adressaten erst lesbar machten – und nicht zuletzt das Budget entsprechende Spielräume ließen. Denn nicht nur feines Pergament war teuer, auch die Farben, allen voran Gold und Ultramarin (hergestellt aus Lapislazuli), schlugen kräftig zu Buche und schränkten deren Einsatz je nach Geldbeutel mehr oder weniger stark ein. Wie sehr die Herstellung mittelalterliche Handschriften, sei es in klösterlicher, sei es in bürgerlicher Regie ein komplexes Zusammenspiel vieler Spezialisten voraussetzte, zeigen Anmerkungen zu Layout und Miniaturen, die sich an den Rändern einigen Bücher finden lassen. Die Herstellung eines Buches war also in erster Linie eine komplexe Planungs- und Koordinationsaufgabe im Rahmen derer die Arbeitsschritte, die Reihenfolge der Arbeiten an Schrift und Bild, das Layout, der Einsatz und die Aufgaben der jeweiligen Spezialisten bis ins Detail festgelegt waren.

Das Buch als Kultobjekt

Stephanie Hauschild lässt kaum einen Aspekt des Themas aus. Und so erhält der Leser auch Antworten auf die Frage, welchen Zweck mittelalterliche Bücher eigentlich erfüllten. Der Einsatz in Kirche und Kloster für gottesdienstliche Zwecke liegt auf der Hand. So manches mächtige, prächtige und großformatige Werk allerdings entpuppt sich bei näherer Betrachtung in seiner alltäglichen Anwendung als recht unpraktisch. Demgegenüber finden sich mit sogenannten Pocket Gospels verhältnismäßig schmucklose mit Gebrauchsschrift versehene recht handliche Schriften offensichtlich für den persönlichen Gebrauch der Mönche. Und dann sind da noch die Bücher, deren Bedeutung nicht primär im enthaltenen Text, sondern in seiner Magie liegt. Das sind beispielsweise  Handschriften, die in Holzschrainen den Augen der Öffentlichkeit verborgen, als Reliquie verehrt wurden. Das Book of Durrow etwa, ein  Evangeliar aus dem 7. Jahrhundert galt als wundertätige Reliquie des heiligen Kolumban. Um die heilende Wirkung des Buches weiterzugeben, wurden Teile davon in Wasser getaucht, das nun – wie man noch im 17. Jahrhundert glaubte –  in der Lage war, beispielsweise Viehkrankheiten zu heilen.

Skriptorium: ein empfehlenswerter Überblick über alle Facetten des mittelalterlichen Buchmarktes

Wie wichtig eine gute Koordination und aufeinander abgestimmte Arbeitsabläufe auch bei der heutigen Buchproduktion sind, zeigt sich bei „Skriptorium“ spätestens, wenn man aus dem Inhaltsverzeichnis heraus bestimmte Kapitel oder Abschnitte sucht. Ab Seite 50, dort, wo die erste Bildtafelgalerie eingeschoben ist, folgen die Seitenzahlen im Buch und im Inhaltsverzeichnis ihren jeweils eigenen Regeln. Das ist vor allem deshalb schade, weil es sich lohnt, immer mal wieder nachzuschlagen. Denn obwohl Skriptorium mit seinen rund 140 Seiten nicht sonderlich umfangreich ist, entpuppt es sich bei der Lektüre als wahre Fundgrube an Informationen. Und auch sprachlich ist das Buch über die mittelalterlichen Bücher durchaus gelungen: gut lesbar, normale Sprache, keine überflüssigen Fremdwörter. Empfehlenswert.

Stephanie Hauschild: Skriptorium. Die mittelalterliche Buchwerkstatt. Philipp von Zabern 2013, Gebunden 144 Seiten.

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Rezension

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