Die ‚Bom Jesus‘: im Zeitfenster des beginnenden Welthandels bislang ein Unikat

GeschiMag* im Interview mit Wolfgang Knabe über die wissenschaftliche Bedeutung des portugiesischen Indienfahrers

Wolfgang Knabe. ©Klaus Schultes

Wolfgang Knabe.
©Klaus Schultes

Dr. Dr. phil. Wolfgang Knabe, Ethnologe und Kultursoziologe wurde vor allem durch seine Expeditionen bekannt, die er zwischen 1991 bis 2005 mit dem Forschungsschiff Mercator im Nord-Atlantik, Pazifik und dem Indischen Ozean durchführte. ARD und ZDF strahlten Dokumentationen seiner Reisen aus und nicht zuletzt erschien eine Reihe von Büchern zu dem Thema, das seine Forschungen seit Anfang der 1990er Jahre bestimmte:  den frühneuzeitlichen Aufbruch deutschsprachiger Entdecker, Kaufleute und Auswanderer.  Mehr als 20.000 Seemeilen legte das kleinste deutsche Forschungsschiff auf den historischen Handels-und Entdeckungsrouten  zurück. Die Ergebnisse der Forschungsfahrten und der von Knabe 1987 gegründeten Forschungsgruppe, die 1995 ebenfalls den Namen Mercator erhielt, fließen in Programm und Ausstellung des 2004 von dem rührigen Ethnologen konzipierten und aufgebauten Fernhandelsmuseums Mercateum in Königsbrunn ein.

Seit 2008 der portugiesische Indiensegler Bom Jesus an der namibischen Küste entdeckt worden war, arbeitet Wolfgang Knabe zusammen mit dem südafrikanischen Archäologen Dr. Dieter Noli an der Entschlüsselung und Aufarbeitung der Ladung. Die Ergebnisse haben sie im 2012 erschienenen Buch „Die versunkenen Schätze der Bom Jesus“ publiziert.

GeschiMag: Herr Knabe, der Fund und die Auswertung der Ladung der Bom Jesus muss für Sie als jemand, der sich wie kaum ein anderer mit der Entwicklung der globalen Handelsbeziehungen der frühen Neuzeit und der Beteiligung der süddeutschen Handelshäuser befasst hat, so etwas wie ein Sechser im Lotto sein. Gibt es aus der bisherigen Auswertung Erkenntnisse, die Sie so richtig überrascht haben, oder läuft am Ende alles eher auf eine Bestätigung Ihrer Forschungsarbeit in diesem Bereich heraus?

Wolfgang Knabe und Dieter Noli bei der Untersuchung der Kupferladung. © E. Knabe

Wolfgang Knabe und Dieter Noli bei der Untersuchung der Kupferladung.
© E. Knabe

Knabe: Kein anderer Schiffsfund liefert ein so umfassendes Bild von der Ladung eines Indienfahrers im beginnenden Welthandel wie dieser. Dazu zählt selbst die Art der Verpackung –  angefangen vom Kupfer, das hier unverpackt als Ballast mitgeführt worden ist, bis hin zu den Waren, die in Fässern und Kisten transportiert worden sind: Schwertklingen beispielsweise oder  Arkebusen. Überrascht haben Dieter Noli und mich, dass beispielsweise die Arkebusen mit nicht rostendem Federwerk versehen waren, d.h. speziell für den Einsatz in subtropischen / tropischen Zonen gefertigt. Doch das ist nur eine von vielen Überraschungen, die das Wrack der Bom Jesus offenbart hat und die wir in unserem Buch beschreiben, so auch, dass der Rumpf des Schiffes 1533 bereits mit Bleiweiß  gegen den Schiffsbohrwurm geschützt worden war. Alles in allem beweist der Fund, dass süddeutsche Handelshäuser im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts mit ihrem Warenportfolio maßgeblich den beginnenden globalen Handel geprägt haben.

GeschiMag: Das Wrack der Bom Jesus ist zwar in vielerlei Hinsicht einzigartig, dennoch reiht es sich ja in eine Reihe von Funden ein, wie beispielsweise dem Fuggerschiff, das 1587 nahe den Seychellen gestrandet war, oder das 1607 in der Mündung des Tejo untergegangene „Pepper Wreck“ das Filipe Vieira de Castro ausgiebig untersucht und dokumentiert hat. Und möglicherweise könnten Sie noch das eine oder andere mehr nennen. Welchen Stellenwert nimmt die Bom Jesus in dieser Reihe hinsichtlich der Aussagekraft und des Erkenntnisgewinns ein?

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Ein Berg Kupferhalbkugeln mit Teil einer Kanone von der Bom Jesus. © Dieter Noli

Knabe: Das an den Amiranten 1587 gesunkene ‚Fuggerschiff‘  ist ja leider den Schatzsuchern zum Opfer gefallen und auch die ungünstige Lage des Wracks hat hier einen größeren Erkenntnisgewinn verhindert. Das von Filipe Castro untersuchte ‚Pepper Wreck‘ ist mit der Bom Jesus nur insofern vergleichbar, als auch dieses von Schatzsuchern nicht geplündert worden war. Beide Schiffe sind allerdings späteren Datums – und  ein halbes Jahrhundert später bedeutet nicht nur eine weiterentwickelte Schiffbaukonstruktion, sondern auch eine veränderte Warenpalette sowohl im Export- wie im Importgeschäft. Insofern ist die Bom Jesus in diesem  Zeitfenster des beginnenden Welthandels bislang ein Unikat.

GeschiMag: Sie haben an anderer Stelle gesagt, dass Sie das Schiff als begehbares Museum wiedererstehen lassen möchten, mit all den Waren, die gefunden worden sind, die man rekonstruieren oder als Leihgaben ausstellen könnte. Zwei Probleme scheinen das Projekt in Frage zu stellen. Da ist – wie Sie es formulierten – im Augsburger Raum kein Grundstück verfügbar, was für mich eigentlich eher nach einem gewissen Desinteresse in der Region klingt. Da ist zum anderen die Namibische Regierung, die bereits im Juni 2012 erklärte, dass sie keines der Artefakte an wen auch immer herauszugeben beabsichtigt. Hat sich inzwischen in irgendeiner Hinsicht etwas bewegt?

Knabe: Das in einem kurzen Zeitraum zu Beginn des 16. Jahrhunderts süddeutsche Handelshäuser die Motoren des beginnenden Globalen Handels gewesen sind, betrifft nicht nur die Region Augsburg, sondern ist ein bedeutsamer Teil unserer deutschen Wirtschaftsgeschichte. Und da spielt es keine Rolle, ob der Nachbau der Bom Jesus als Museum in Augsburg angesiedelt ist oder beispielsweise auch an der Handelsstraße von Augsburg nach Antwerpen. Und für die Realisierung eines solchen Museums ist es ebenso unerheblich, dass der Staat Namibia – der zwar große Summen deutscher Steuergelder als Entwicklungshilfe kassiert –  500 Jahre alte Kulturgüter u.a. aus dem deutschen Wirtschaftsraum aber  bereits in den ersten beiden Jahren dem Verfall preis  gibt und es von daher wohl außer den Montanwaren und dem Goldschatz kaum anderes mehr auszuleihen geben wird.

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Das Mercateum in Form eines Globus mit der aufgedruckten Weltkarte von Diego Ribero von 1529. © Andreas Eser

Deshalb ist dies auch kein Thema für uns. Denn heutzutage ist es technisch problemlos möglich, aus dem großen Fundus der photographischen Dokumentation das rekonstruierte Schiff ‚Bom Jesus‘ mit  dem gleichermaßen rekonstruierten Warenportfolio zu füllen und mit zusätzlichen Original-Fundstücken aus einem Wrack von 1525 anzureichern, das in den nördlichen Molukken liegt.  Ersteres zeigen wir bereits  seit geraumer Zeit in unserem Mercateum –  Fernhandelsmuseum,  in Königsbrunn vor den Toren Augsburgs. Hier erleben in sonntäglichen Führungen die Besucher  im stilisierten Laderaum die Geschichte der Bom Jesus in Bildsequenzen und rekonstruierten Handelsgütern und sind begeistert.

GeschiMag: Es heißt, Dieter Noli habe gegenüber den namibischen Behörden Vorwürfe formuliert, die Funde der Bom Jesus würden nicht richtig gelagert und drohten verloren zu gehen. Die Behörden haben das weit von sich gewiesen. Wie sieht die Situation nach Ihrer Ansicht tatsächlich aus, wird man sich bei zukünftigen Forschungen eher auf die Dokumentation verlassen müssen, statt auf die Originalfunde zurückgreifen zu können?

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Kupferhalbkugeln am Fundort.
© Dieter Noli

Knabe: Lassen Sie mich dazu ein Beispiel geben: Im Jahre 2003 hatte ich auf einer Insel der Tuamotus im Südost-Pazifik, diverse Eisenwerkzeuge ausgegraben und nach Papeete, Tahiti, gebracht. Die Funde stammen, wie sich später an einem Eisenbarren erhärtet hat,  augenscheinlich von der San Lesmes, einem 1526 in diesem Seegebiet verschollenen Segler, der damals von dem Handelshaus Fugger ausgerüstet worden war. Als ich im Jahr darauf von den Behörden in Papeete die Genehmigung bekam, ein Kalfateisen zur weiteren Untersuchung nach München auszuführen, war dieses, da von den Verantwortlichen nur in einem Karton gelagert, bereits zum größten Teil zerfallen. Dies ist ein chemischer Prozess, der in dem Moment einsetzt, wo  Artefakte, nach 5 Jahrhunderten dem Salzwasser entrissen, nicht SOFORT fachgerecht konserviert werden. Auf Namibia übertragen lässt sich die Frage somit einfach beantworten, was mit den – teils hoch zerbrechlichen – Funden wohl passiert ist, die 2008 ausgegraben und nachweisbar bis Ende 2009, aber sicherlich noch weit länger, nicht fachgerecht gelagert worden sind ? Einfach in Kisten packen, reicht nicht. Bildlich formuliert: Man kann nicht eine Forelle aus dem Bach ziehen, sie auf den Küchentisch legen, dort monatelang liegen lassen, sie dann einfrieren und behaupten, sie sei frisch wie gerade geangelt.  Überdauern werden die Edelmetalle und die Montanwaren. Verschwunden sind mit Sicherheit bereits Gravuren, Handelsmarken und wohl auch die meisten der fragilen Artefakte, die wir in unserem Buch dokumentiert und beschrieben haben. Dass ein Fußteil in einem Schuh nicht überdauert, ist Naturgesetz. Was hätte man allein daraus an Erkenntnissen gewinnen können – vom Alter dieser Person, über Daten zur Gesundheit, Ernährung, Herkunft usf.

GeschiMag: Hinsichtlich Aussehen und Konstruktion des Rumpfes scheinen die Relikte der Bom Jesus nicht allzu viel Aufschluss zu geben. Aber vielleicht irre ich mich ja auch. Den Schutzumschlag Ihres Buches ziert jedenfalls das in Modellbaukreisen hinsichtlich der Authentizität umstrittene Plastikmodell des Kolumbus-Schiffes Santa Maria. Kommt das der Bom Jesus beziehungsweise den portugiesischen Indienfahrern jener Zeit tatsächlich am nächsten? Geben die Funde eine halbwegs zuverlässige Rekonstruktion überhaupt her?

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Blick in den Laderaum der Bom Jesus. Modell 1:50.
© Knabe / Peter Hoppe

Knabe: Der Schutzumschlag war die Entscheidung des Verlages, auf die wir keine Einwirkung hatten. Unser Vorschlag für den Schutzumschlag war die im Buch abgebildete Zeichnung vom Untergang der Bom Jesus, die vielleicht etwas brav auf dem Umschlag gewirkt hätte. Von der Bom Jesus haben wir inzwischen eine 1:50 Rekonstruktion bauen lassen, die sich auf die Ergebnisse der portugiesischen Forschungen und auf Bilddokumente  von Naõs aus diesem Zeitraum stützt sowie auf die Daten, die Dieter Noli vor Ort von den Wrackteilen erhoben hat.

GeschiMag: Haben Sie neben dem Museumsprojekt noch weitere Pläne, sei es im Bereich Forschung, sei es hinsichtlich Publikationen oder gar weitere Reisen?

Knabe: Neben dem Museumsprojekt haben wir die Untersuchung eines Schiffes der von Jakob Fugger ausgerüsteten Pazifikflotte von 1525 im Focus. Es liegt am Außenriff einer Insel der nördlichen Molukken in 38 Metern Tiefe und ist aufgrund seiner Lage bislang augenscheinlich nicht ausgeplündert worden.  In diesem Projekt arbeiten wir mit französischen Kollegen zusammen – aber auch Dieter Noli wird als Experte der Bom Jesus das Forschungsteam bereichern.

* Das Interview führte Wolfgang Schwerdt

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