Ludendorff: Das Scharnier zwischen Bismarck und Hitler

GeschiMag im Gespräch mit Manfred Nebelin

13129War Erich Ludendorff tatsächlich ein Diktator? War der Erste Generalquartiermeister der Dritten Obersten Heeresleitung mit seiner „Ostpolitik“ ein Vorläufer Hitlers? Manfred Nebelin, Autor der Biografie „Ludendorff – Diktator im Ersten Weltkrieg“ nimmt gegenüber GeschiMag zu diesen Fragen Stellung*.   

GeschiMag: Der Titel ihrer Ludendorff  Biografie trägt die Unterzeile „Diktator im Ersten Weltkrieg“. Kann jemand – so fragen sich einige Leser – als Diktator bezeichnet werden, der, zumindest formal, mit dem Generalstabschef Paul von Hindenburg und Kaiser Wilhelm II. zwei Vorgesetzte hatte?

Nebelin: Der Titel trägt den seit der Juli-Krise von 1917 herrschenden Gegebenheiten Rechnung. Der Monarch, dem laut der Verfassung die politische und militärische Leitung des Reiches oblag, hatte – nach dem Verzicht auf die militärische Führung seit Kriegsbeginn – mit der Entlassung von Bethmann Hollweg auch auf die politische Macht verzichtet und diese der Dritten Obersten Heeresleitung übertragen. In dieser aber war Ludendorff – wie bereits die Umstände der Reaktivierung Hindenburgs zeigen –die „Nummer eins“.

GeschiMag: Was machte Ludendorff so unersetzlich, dass er mit seinen Rücktrittsdrohungen den verantwortlichen Politikern seinen Willen aufzwingen oder sie auch stürzen konnte?

Nebelin: Nach den Erfolgen bei Lüttich und Tannenberg sowie der Stabilisierung der Fronten nach Falkenhayns (dem zweiten Chef der Obersten Heeresleitung) Sturz galt Ludendorff in der Öffentlichkeit als unverzichtbar für den „Endsieg“. Daher war es dem „modernen Alexander“ ein Leichtes, gegenüber dem Monarchen und der politischen Reichsleitung seinen Willen durchzusetzen und im Konfliktfall die Entlassung seiner Gegenspieler zu erzwingen.

GeschiMag: Worin besteht Ludendorffs größtes Versagen? Im Nichterkennen/Nichteingestehen der nicht mehr zu vermeidenden Niederlage des deutschen Heeres oder in der Verbreitung der These, nicht das Heer (also er) habe versagt, sondern die „Heimatfront“ (Dolchstoßlegende)?

Nebelin: Militärfachlich bestand sein schwerwiegendstes Versagen in der Negierung der unübersehbaren alliierten Überlegenheit nach dem Scheitern der Operation „Michael“. Politisch bestand seine Hauptschuld in der Weigerung, die Verantwortung für die Niederlage zu übernehmen und stattdessen ins Ausland zu fliehen. Welche katastrophalen Folgen darüber hinaus die im Jahr 1919 von Ludendorff und Hindenburg vor dem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung gleichsam ex cathedra verkündete Dochstoß-Legende für die Weimarer Republik spielte, ist bekannt.

GeschiMag: War Ludendorff ein typischer, wenn auch erfolgreicherer, Vertreter der militärischen Kaste des Kaiserreiches oder war er in seinem „nationalen“ Verständnis – vor allem bei der Annexion weiter Teile Russlands – ein Vorläufer/Bindeglied zu Hitlers „Lebensraum im Osten“?

Nebelin: In der preußisch-deutschen Geschichte von 1871 bis 1945 war der General – und nicht Wilhelm II. – gleichsam das Scharnier zwischen Bismarck und Hitler. Schließlich sind mit seinem Namen die Anfänge einer völkischen Besatzungspolitik in Ostmitteleuropa verbunden. Durch den Frieden von Brest-Litowsk wurde er in geostrategischer Hinsicht zum spiritus rector für Hitlers spätere Ostraumvisionen – ohne dass jedoch im Ersten Weltkrieg in dem unter seiner Herrschaft stehenden Imperium die für Hitler und seine Weltanschauungskrieger charakteristischen Merkmale des rassenideologischen Vernichtungskrieges nachweisbar sind.

* Die Fragen stellte Manfred Gindle.

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